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Robert Wohlleben
Sonett – funktioniert die Form?
Manuskript für den Kieler Vortrag am 13. XII. 2000


Beitrag in meinem Internet-Forum «Sonette»:

    Daß sich endlich einmal eine Seite fast nur mit Sonetten beschäftigt, kann ich nur begrüßen – und ich stelle fest, daß diese uralte Form, die heutzutage von sogenannten Lyrikern als «knöchern», «gemeißelt» und «nicht mehr zeitgemäß» bezeichnet wird, noch heute so up to date ist wie im Barock.

Wer hier zitiert wird, weiß ich nicht. Das Vorurteil mag mitschwingen, wo Karl Riha sich mit dem verspielt denunziatorischen Titel «so zier so starr so form so streng» am Sonett reibt. Daß er es als Zielscheibe für seinen Spott wählt, läßt allerdings darauf schließen, daß er den Gegenstand nun gerade nicht als bagatellhaft Gleichgültiges wertet ... sonst hätte er es wohl bleiben lassen. Gern und mißverstanden zitiert wird dann wohl auch Robert Gernhardts hochironisches, dem Sonettverächter in den Mund gelegtes Sonett in Neusprech:

    Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs

    Sonette find ich sowas von beschissen,
    so eng, rigide, irgendwie nicht gut;
    es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,
    daß wer Sonette schreibt. Daß wer den Mut

    hat, heute noch so’n dumpfen Scheiß zu bauen;
    allein der Fakt, daß so ein Typ das tut,
    kann mir in echt den ganzen Tag versauen.
    Ich hab da eine Sperre. Und die Wut

    darüber, daß so’n abgefuckter Kacker
    mich mittels seiner Wichserein blockiert,
    schafft in mir Aggressionen auf den Macker.

    Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert.
    Ich tick es echt nicht. Und wills echt nicht wissen:
    Ich find Sonette unheimlich beschissen.

(Robert Gernhardt bei Helmut Schulze/Aristipp)

Direkt mit dem Anwurf der Lebensferne konfrontiert sah sich auch mein Dichterkollege, Freund und Verlagsautor Klaus M. Rarisch, als Lothar Klünner ihn in einem mustergültig gebauten Sonett auf die Hörner nahm:

    DEN SONETTISTEN

    Wenn am Sonette noch so nette Zeitgenossen
    wie Rarisch, Rühmkorf, Kraft und Klünner sitzen,
    fragt, wer Gedichte liebt: Wem soll das nützen?
    Ist das Kapitel nicht längst abgeschlossen?

    Wie wahr! Doch narren uns noch stets die alten Possen:
    der Dichter Stolz, die Eitelkeit der Schützen.
    Mit vierzehn Reimen, vierzehn Geistesblitzen,
    wird Weltanschauung in die Welt geschossen.

    Die Welt? Wohl kaum! Kopflastig trifft der Pfeil
    nichts Lebendes, schafft weder Lust noch Plagen.
    Kein Orpheus nimmt an diesem Spiel mehr teil.

    Sonette schreiben, wißt ihr, was das heißt?
    Im Dorf der Schützenkönig kann’s euch sagen:
    Ein Scheibenschießen! Mir geht’s auf den Geist.

Rarischens Replik kam prompt und beschwört – Goethe klingt an – mit Orpheus auch die nach wie vor wirkende Kraft seines Gesanges:

    DEN SONETTISTEN

    Du bist Genosse einer netten Zeit,
    die scheinbar nur auf tote Scheiben schießt
    und den zum Schützenkönig sich erkiest,
    der Blech betrommelt und der Glas zerschreit.

    Statt Mut preist unsre Zeit Gemütlichkeit.
    Sie zielt auf Leben. Wenn sie Blut vergießt,
    dann soll es Blut sein, das gemütlich fließt:
    Poetenblut, am liebsten unverbleit.

    Es spielt das Spielchen, bis er ausgeblutet,
    Old Orpheus oder wie er heute heißt.
    Gleichviel, ob er noch singt, ob er nur tutet –

    die Witze, die er reißt, besitzen Geist.
    Gleichviel, mit wem die Welt sich grad beschäftigt –
    es gilt die Kraft nur, die sich selbst bekräftigt.

    (beide Sonette enthalten in «Hieb- und stichfest», Meiendorfer Druck Nr. 40)

Er steht mit seinem Festhalten am Singen des Sonetts nicht allein. Einer kanadischen Internet-Quelle entnehme ich:

    Il s’écrit encore des sonnets de nos jours. Même après des siècles d’existence, le sonnet n’est pas considéré comme un genre périmé.

Für sich spricht auch, daß sich die Times Saturday Review im Jahr 1992 eine ganze Weile lang in jeder Ausgabe mit einem Saturday Sonnet schmückte (die Leserschaft a small and devoted tribe ...?).

1.

Mein Rechtschreib-Duden versieht das Wort «Sonett» mit einer Minimal-Erläuterung: «eine Gedichtform». Anders als beim Wort «Gedicht» setzte die Redaktion offenbar allgemeine Kenntnis der Bedeutung nicht unbedingt voraus. Das «Deutsche Wörterbuch» von Gerhard Wahrig geht ein bißchen weiter: «Gedicht aus zwei vier- u. zwei dreizeiligen Strophen [zu ital. sonare ‹klingen›]». Das reicht aus, Sonette nach dem Druckbild als solche zu identifizieren. Handelt es sich dann um ein einigermaßen mustergerechtes Sonett, lassen sich weitere Regularitäten ablesen: zumeist regelmäßig alternierende Zeilen mit fünf Hebungen, Reimschema mehr oder weniger streng. Das also ist die Form des Sonetts.

Ob auch diese Form nach der von Louis Sullivan vertretenen These sich aus einer Funktion ergibt? Dazu wäre zu überlegen, welche oder was für eine Funktion das sein könnte. Ohne das ganze Feld wenigstens der deutschsprachigen Lyrik umzugraben, mit Abzählreimen, Gebetlein wie «Ich bin klein / mein Herz ist rein» und Gelegenheitsgedichten für Familienfeiern, Bänkelsang und Balladen, Storms «Abseits» und Ringelnatzens Kuddel Daddeldu, Walther, Klopstock und Heißenbüttel und vielerlei anderem, was ja alles irgendwie in einen Betracht gehörte. Bei der Frage nach der Funktion schränke ich also ein auf Sonette, wie sie mir begegnet sind, begegnen und aufs Papier geraten. So verengt und verzweigt sich die Frage: Funktion für mich als Leser, als Autor und als Mikroverleger.

2.

Sonette sind mir wohl schon in der Schulzeit begegnet. Ich weiß nicht mehr, ob welche im Unterricht behandelt wurden. Außerhalb des Unterrichts könnte ich an Rilkesche Sonettoide geraten sein (sichere Erinnerung ist jedenfalls, daß damals sein «Cornet» bei ein paar literarisch Interessierten zirkulierte). In der Schule stockte Literaturvermittlung doch mehr bei Werner Bergengruen, Edzard Schaper, Agnes Miegel und Stefan Andres. Nach Schulschluß kamen auch expressionistische Dichter in den Blick. 1955, zu Ende eines Englandaufenthalts, bekam ich vom englischen Austauschschüler die «Complete Works of Shakespeare» geschenkt. In den Sonetten las ich mich fest und setzte auch zu zwei oder drei Übertragungsversuchen an. Nr. 34 war dabei:

    Why didst thou promise such a beauteous day,
    And make me travel forth without my cloak,
    To let base clouds o’ertake me in my way,
    Hiding thy bravery in their rotten smoke?
    ’Tis not enough that through the cloud you break
    To dry the rain on my storm-beaten face,
    For no man well of such a salve can speak
    That heals the wound, and cures not the disgrace:
    Nor can thy shame give physic to my grief;
    Though thou repent, yet I have still the loss;
    Th’ offender’s sorrow lends but weak relief
    To him that bears the strong offence’s cross.
       Ah, but those tears are pearl which thy love sheds,
       And they are rich, and ransom all ill deeds.

Die damalige Annäherung ist perdü. Erst in jüngerer Zeit habe ich mich abermals darangemacht:

    Schuld und Sühne

    Die Wetterzeichen hast du toll getrickst:
    Zu leicht bekleidet bin ich losgegangen,
    nur daß du schwere Wetterwände schickst,
    dein Glanz ist schon in wüstem Qualm verfangen.

    Du brichst umsonst durch deine Wolkenpest,
    mein sturmverhageltes Gesicht zu pflegen.
    Was Kratzer heilt, doch Kränkung trostlos läßt ...
    so’n Mittel kannst du dir in Sauer legen.

    Mich hats erwischt, kommst du auch angesoßt.
    Tu bloß nicht so! Ich bleib doch der Gelackte:
    Den Täter reut’s ... was ist denn das für Trost
    für einen, dem er roh ein Kreuz aufpackte?

    Ach! Perlen sind’s, was deine Liebe weint,
    ihr Wert kauft frei, was längst gerichtet scheint.

    (enthalten in «Sternzeichen», Meiendorfer Druck Nr. 46)

Eine Lesart wäre, hier eine verletzte Liebe zu sehen, die in Auflehnung gegen erniedrigende Kränkung sich zur Absage sammelt, um Wert und Würde zu wahren. Dann aber mit einem rechnerischen Trick es bewerkstelligt, dennoch zu Kreuze zu kriechen. Zwischen den denunziatorischen ersten drei Strophen und dem abschließenden Verspaar, dem «heroic couplet», geschieht etwas wie eine Gehirnwäsche. Die schmerzhafte Dramatik, die sie fürs Subjekt gehabt haben muß, ist nur zu ahnen. – Als ich das Sonett damals aufnahm, bin ich allerdings wohl kaum so weit gegangen, mir eine Erklärung zurechtzulegen. Es hat mich schlicht angerührt ... was immer damit nun bezeichnet ist.

Anrührung ging auch aus insbesondere von Georg Heym. Mir ist fast so, als wären seine Berlin-Sonette im Spiel gewesen. Eins davon:

    BERLIN I

    Beteerte Fässer rollten von den Schwellen
    Der dunklen Speicher auf die hohen Kähne.
    Die Schlepper zogen an. Des Rauches Mähne
    Hing rußig nieder auf die öligen Wellen.

    Zwei Dampfer kamen mit Musikkapellen.
    Den Schornstein kappten sie am Brückenbogen.
    Rauch, Ruß, Gestank lag auf den schmutzigen Wogen
    Der Gerbereien mit den braunen Fellen.

    In allen Brücken, drunter uns die Zille
    Hindurchgebracht, ertönten die Signale
    Gleichwie in Trommeln wachsend in der Stille.

    Wir ließen los und trieben im Kanale
    An Gärten langsam hin. In dem Idylle
    Sahn wir der Riesenschlote Nachtfanale.

Die Spuren der expressionistischen Verlorenheiten sind jedenfalls unverlierbar. Als ich fünf, sechs Jahre später ein paar Gedichte an die «ZEIT» schickte – die damals in jeder Ausgabe ein Gedicht veröffentlichte –, retournierte mir Dieter E. Zimmer das folgende mit dem Kommentar «perfekte Heym-Imitation»:

    Gaswerk

    Beim Gaswerk geht, am Wasser des Kanals,
    das Sonnenbilder träumt und Ratten denkt,
    zur Nacht ein Tier herum, den Fang verrenkt
    und voll von all dem Rost zerfreßnen Stahls.

    Mich narrt, was mich entsetzt: Was in mir ruht
    und geierköpfig mir entgegentritt,
    es hat, seit ihm ein Traum die Klauen schnitt,
    das Rotgeleucht der Kokerei im Blut.

    Am Grund der Kohlenhaldennächte wächst,
    was schwarze Träume schafft, ein Feuerkraut.
    Der Ort hat mich in schwarzes Fell gehext:

    Der Kohlenwind häuft Berge auf im Rund,
    im Gasometer wird ein Gift gebraut,
    ein fremder Atem geht aus meinem Schlund.

    (enthalten in «Falsch und wunderbar», Meiendorfer Druck Nr. 22)

O wei! wie fühlte ich mich mißverstanden. An Heym hatte ich bei meinem Sonett doch überhaupt nicht gedacht! Das war doch mehr eine Übung in der Handhabung Klopstockscher Parenthesen. Und im übrigen ging es um das konkrete Gaswerk Tiefstack, damals noch in Betrieb ... die dortige S-Bahn-Station mir ein Begriff durch öftere Besuche von Teddy Zielinskis Bahnsteig-Kiosk.

Nicht um nun bestimmte Formalien oder Traditionen zu erkunden, habe ich mich an Gedichte angenähert, sondern wegen der enthaltenen Chiffren mit ihrer Empfindens-Gravitation. Deutlicher und konziser erfaß- und begreifbar, als kämen sie in landläufiger Prosa daher. Also nicht fachliches oder gewerbliches Interesse hat mich gelenkt, sondern ich handelte wohl aus der unmittelbar erlebten Gewißheit heraus, über dies und jenes Gedicht an ein großes Potential des Empfindens angeschlossen zu sein: Da kann – wie im Umgang mit Menschen – eigenes Empfinden sich wiederfinden oder zu neuen Abschattungen gestalten. Die Dimension Zeit scheint aufgehoben zu sein: Ob der «Falke» dessen von Kürenberg, Gryphius’ Klagen über den nichtaushaltbaren Zustand der Welt oder Ernst-Jürgen Dreyers Ennui vor verordneter Mitmenschlichkeit ... alles springt lebendig gegenwärtig auf, ob vor Jahrhunderten oder jetzt geschrieben.

    Ich zôch mir einen valken   mêre danne ein jâr.
    dô ich in gezamete   als ich in wollte hân
    und ich im sîn gevidere   mit golde wol bewant,
    er huop sich ûf vil hôhe   und fluog in anderiu lant.

    Sît sach ich den valken   schône fliegen:
    er fuorte an sînem fuoze   sîdîne riemen,
    und was im sîn gevidere   alrôt guldin.
    got sende si zesamene   die gerne geliep wellen sîn!

    Menschliches Elende

    Was sind wir Menschen doch! Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen.
    Ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit,
    Ein Schauplatz herber Angst, besetzt mit scharfem Leid,
    Ein bald verschmerzter Schnee und abgebrannte Kerzen.

    Dies Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Scherzen.
    Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid
    Und in das Totenbuch der großen Sterblichkeit
    Längst eingeschrieben sind, sind uns aus Sinn und Herzen.

    Gleich wie ein eitel Traum leicht aus der Acht hinfällt
    Und wie ein Strom verscheußt, den keine Macht aufhält,
    So muß auch unser Nam, Lob, Ehr und Ruhm verschwinden.

    Was itzund Atem holt, muß mit der Luft entfliehn,
    Was nach uns kommen wird, wird uns ins Grab nachziehn.
    Was sag ich? Wir vergehn, wie Rauch von starken Winden.

    Gebet

    Den Nächsten lieben sollst du, steht geschrieben.
    Verzeih mir, Herr! ich hasse meine Nachbarn.
    Steht mir Helene Harth, die böse Sieben,
    im Weg mit ihrem zoophoben Dachsparrn,

    spinnt in halbstundenlangen Diatriben
    vorm Haus Herr Stierle-Stackelberg sein Fachgarn,
    so will ich beide grüßen – aber lieben?
    das, Gütiger, liegt außerhalb des Machbarn.

    Kannst du nicht gegen ihr Beiseitestieren,
    mit dem sie die Entschlossenheit kaschieren,
    den Kirschbaum gegenüber meinem Fenster

    zu fällen, um dort Müll zu deponieren,
    Gerechter, mich desensibilisieren?
    und mich beruhigen: »Du siehst Gespenster«?

    Anmerkung: Da sich die namentliche Nennung der Nachbarn von selbst verbot, setzt der Dichter erfundene Namen, die sich allenfalls durch Zufall mit den Namen existierender Personen überschneiden können.

Ich habe bemerkt, daß eigentlich alle mir wichtigen Gedichte gegen Schluß hin eine Zäsur aufweisen. Das wäre schon mal Kennzeichnung des guten Sonetts mit der Zäsur zwischen den Quartetten und den Terzetten. Ich finde Vergleichbares allerdings auch in Gedichten anderer Form, etwa im «Falken» des Kürenbergers, in Bashos «Frosch», in Klopstocks «Frühen Gräbern», in Hölderlins «Hälfte des Lebens», in Brechts «Radwechsel» oder in Ralf Theniors «Trapper». Damit hätte ich mein ganz persönliches Kriterium für GUTE Gedichte. Ich «sortiere» wohl auch nach «Textsorten» ... ohne die im einzelnen auflisten zu können; ich weiß nur: Versifizierte Leitartikel und feuilletonistische Raisonnements liegen mir eher weniger.

    The old pond:
    a frog jumps in, –
    the sound of water.

    Die frühen Gräber (1764)

    Willkommen, o silberner Mond,
    Schöner, stiller Gefährt der Nacht!
    Du entfliehst? Eile nicht, bleib, Gedankenfreund!
    Sehet, er bleibt, das Gewölk wallte nur hin.

    Des Mayes Erwachen ist nur
    Schöner noch, wie die Sommernacht,
    Wenn ihm Thau, hell wie Licht, aus der Locke träuft,
    Und zu dem Hügel herauf röthlich er kömt.

    Ihr Edleren, ach es bewächst
    Eure Maale schon ernstes Moos!
    O wie war glücklich ich, als ich noch mit euch
    Sahe sich röthen den Tag, schimmern die Nacht.

    Hälfte des Lebens

    Mit gelben Birnen hänget
    Und voll mit wilden Rosen
    Das Land in den See,
    Ihr holden Schwäne,
    Und trunken von Küssen
    Tunkt ihr das Haupt
    Ins heilignüchteme Wasser.

    Weh mir, wo nehm ich, wenn
    Es Winter ist, die Blumen, und wo
    Den Sonnenschein
    Und Schatten der Erde?
    Die Mauern stehn
    Sprachlos und kalt, im Winde
    Klirren die Fahnen.

    DER RADWECHSEL

    Ich sitze am Straßenrand
    Der Fahrer wechselt das Rad.
    Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
    Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
    Warum sehe ich den Radwechsel
    Mit Ungeduld?

    Der Trapper

    Aus den Savannen
    kommt er geritten
    mit heißem Gesicht
    das Gewehr auf dem Rücken
    er hätte noch weiter gejagt
    aber seine Mutti hat gesagt
    wenn die Lampen angehn
    kommst du nach Haus.

Ich glaube, meine ganze «Theorie» des Sonetts besteht nur in der Bestimmung dieser «Sprungschicht» oder «Diskontinuitätsebene». Was da jeweils geschieht, läßt sich auf keinen einfachen Nenner bringen. Die Überschreitung oder Durchquerung dieses Grenzbereichs ist nicht nur Änderung des Blickwinkels, die den «Schauenden» auf seinem Platz läßt. Nach meinem Eindruck geschieht da mehr ... so etwas wie der Übertritt in einen andren Raum für Denken und Empfinden. Das kann in manchen Sonetten (und auch andren Gedichten natürlich) an ganz heillose oder wenigstens fremdartige Zustände streifen. Bei der näheren Bestimmung dieser Grenze – die mehr eine nichteuklidische Grenzfläche wäre, jenseits derer bestimmte Konstanten neue Werte annehmen – sitz ich aber schon fest. Eine Benennung wie «Diskontinuitätsebene» ist einstweilen Behelf (wie auch «Sprungschicht» ist sie ja Anspielung auf konkrete Naturphänomene). Ein Bild noch: Seinerzeit die Fahrt mit der Berliner U-Bahn durch die ostsektoralen Stationen hatte ein bißchen was vom Quartett/Terzett-Übergang.

Die Bruchzone oder Verwerfung zwischen Quartetten und Terzetten erprobt immer wieder aufs neue die Spannweite des Ungesagten. Sonette sind also eine Reinform der Texte, die das Verschweigen als Mitteilungskomponente haben. Entscheidendes Moment von «Poetizität» oder «Lyrizität».

Die Zweiteilung mit dem Sprung oder Tauchgang ist nun aber kaum das, was mich eigentlich an dieser altehrwürdigen Renaissanceform Sonett fasziniert. Und sie mehr und mehr zu meiner bevorzugten Form für mein Schreiben hat werden lassen. Motivisch und thematisch ist ALLES möglich. Das Faszinierende könnte in der Spannung zwischen der knappen und streng regulierten Form einerseits und den oft doch unbegrenzt ausgreifenden Inhalten andrerseits liegen. Die Leistung beim Schreiben von Sonetten bestünde demnach darin, die Gedichte dem Explosionsdruck der Wörter standhalten zu lassen. Mir bildet sich die Idee, daß dies mit unsrer Existenzweise zusammenhängt ... stets vom Abdriften in fremde Seinszustände bedroht (wenn nicht in Zwänge oder Süchte einbetoniert): Scharfe Existenzerfahrung im beginnenden Abreißen von der «Schwelle» aus empfunden. Steht das dann geschehende Sonett als Beschwörungsformel ... das Weggehn in die «andre» Existenz zu verhindern, weils da so TODKALT ist? Oder als survival module, als Rettungskapsel, die den «Wiedereintritt» in «unsre», in atembare Atmosphäre garantiert?

Ein Sonett von Klaus M. Rarisch soll als Beispiel stehen – es liefert den Titel des Bandes mit 99 seiner Sonette:

    STERBENSLÄNGLICH

    Die Ewigkeit zerfällt uns zu Sekunden,
    von denen eine jede ewig währt.
    Der Zeiger unsrer Uhr hat sich bekehrt
    und läuft nach links zurück die Zirkelrunden.

    Umsonst: der letzte Grund wird nicht gefunden.
    Die Stundengläser sind schon sandentleert.
    Es steigt am Sternenhimmel kein Gefährt.
    Der große Wagenlenker ist verschwunden.

    Für jeden Augenblick in Gottes Namen
    das Urteil lautet: Sterbenslänglich! Amen.
    Den toten Augen bleibt nichts mehr zu blicken.

    Der letzte Mensch verstummt in seinen Qualen
    und überläßt den Rest den Kannibalen.
    Die Geigerzähler hören auf zu ticken.

    (enthalten in «Die Geigerzähler hören auf zu ticken», Meiendorfer Druck Nr. 20)

Das Sonett scheint, wie so viele andre, die Form zu nutzen, um die Wirksamkeit eines Gegenzaubers sicherzustellen. Wie schamanistisch oder alchemistisch garantiert durch die zauberische Regelhaftigkeit der 8 und 6 Zeilen, die den Goldenen Schnitt anklingen läßt: rund 8 zu 5.

3.

Wer schrieb und schreibt Sonette? Angefangen haben Leute, die am Hof Friedrichs II. in Palermo in Amt und Würden waren ... bei einem Kaiser mit ausgeprägtem Interesse an Literatur und Kunst. Ein gewisser Giacomo da Lentini wird als Hauptvertreter genannt. Das seitherige Kollektiv der Sonett-Autoren und -Autorinnen ist bunt gemischt. Veritable Dichter bilden die Mehrheit: von Dante, Petrarca und Cavalcanti über Pierre de Ronsard und Shakespeare bis zu Platen, Rückert und Rilke. Doch auch andere Professionen tragen Sonett-Dichtung: Die Lyoneserin Louise Labé mit ihren 24 überkommenen Sonetten ist «la belle cordière»; der römische Verwaltungsmensch Giuseppe Gioacchino Belli schrieb fast 2300; «When you see millions of the mouthless dead» ist das letzte der wenigen Sonette des jungen Soldaten Charles Hamilton Sorley, 1915 in Frankreich gefallen; im Gefängnis und den Tod vor Augen, schrieb der 1945 hingerichtete Geograph Albrecht Haushofer seine achtzig Moabiter Sonette. Weil sich von Gedichten kaum leben läßt, arbeitete die Sonett-Dichterin Gertrud Kolmar mit taubstummen Kindern; der Sonett-Dichter Richard Klaus: Kriegsinvalide mit kleiner Rente; ein mir bekannter Sonettist von Graden dokumentierte Graue Literatur an einem wissenschaftlichen Institut ...

Ähnlich uneinheitlich, über die Zeiten wechselnd und endlos mannigfach sind wohl die Motive, aus denen heraus das Sonett als Form poetischer Äußerung gewählt wurde und wird. Anpassung an Mode mag auch darunter sein ... schönes Beispiel dafür wäre Grabbes Dichter Rattengift: «Ich saß an meinem Tisch und kaute Federn, / So wie (indem er hinzuschreibt) der Löwe, eh der Morgen grauet, / Am Pferde, seiner schnellen Feder kauet – ». – Entsprechende Vielfalt findet sich vielleicht bei den Motiven, Sonette NICHT zu schreiben ...?

Auch in neuester Lyrik-Produktion herrscht reim- und strophenlose Formvermeidung vor ... «possierlich in Zeilen gebrochene Prosa», wie Arno Schmidt das genannt hat. Spannweite des Ungesagten und die eingespeisten Induktionsströme mögen von Fall zu Fall die Lyrizität erzeugen. Solcherlei Gedichte erscheinen vielleicht insofern als etwas Lebensnäheres denn regelhaft gebaute Lyrik, als Prosa uns tagaus, tagein durch den Kopf, von den Lippen und in die Tippfinger geht. Andererseits braucht es schon Feinheiten und Raffinessen, um einem solchen Stück Prosa die Paßmarken von Lyrik mitzugeben.

Von Mode-Erscheinung kann nun bestimmt nicht die Rede sein, wenn heute Sonette entstehen. Zumindest im deutschsprachigen Raum ist ja bald etwas wie ein Sonett-Verbot zu ahnen, mindestens seit Walter Höllerers 1956 erschienenem «Transit – Lyrikbuch der Jahrhundertmitte» mit grade mal zwei (leicht «verwilderten») Sonetten, von Jesse Thoor ... von dem nun auch kaum etwas Andres zu haben war. Nichtsdestoweniger erschienen seither Sonette auch – durchgängig oder vorübergehend – breiter gehandelter Autoren: Ulla Hahn, Wolf Wondratschek, Wolf Biermann, Günter Grass, was dann immer als mutige Wundertat galt. Nicht besonders dagegen fiel es beim gewiegten und ausgefuchsten Peter Rühmkorf auf, der sich ja sogar zu Oden verstieg ... warum nicht also auch Sonette?

4.

Der Umgang mit Klaus M. Rarisch hat sicher entscheidend dahin gewirkt, daß mir Gedichte zunehmend und inzwischen fast ausschließlich in Sonettform sich fügen. Vor strophischer und gereimter Lyrik war ich nie bange. Benn und Rühmkorf/Riegel als meine frühen Lyrikheiligen bewahrten schon davor. Eine Neigung zur sogenannten Chevy-Chase-Strophe ist mir lieb:

    Bon jour, Signor! – Sie hier, Mefrouw?
    Wie fühlen wir uns jetzt?
    Ganz unten pulst im Hautverhau,
    was oben Wörter wetzt.

Doch es ging durchaus auch ohne Reim und Strophe:

    Abends
    der Große Himmel
    von Curaçao bis Persiko.
    Aber besoffen
    bin ich von Dir.

(Ein Gedichtlein, das weitläuftig über die Dörfer ging und außer im Brigitte-Kalender auch in Lesebüchern und in der Werbung strandete.)

Meiner schlechthinnigen Überzeugung nach sind Strophe und Reim heut so lebendig wie eh und je und dank unsrer Mediengesellschaft in weit höherem Maße allgegenwärtig denn je. Also vertraut. «As the sun went down and the music did play / On Black Diamond Bay» höre ich von Bob Dylan, «So welcome to the free for all / The smash and grab, the freeloaders ball / Where everything is here for us / If we scream, shout, make a fuss» von New Model Army, «God is a tender pervert and the angels are voyeurs / Watching us forever, their vision never blurs» von Momus. Deutscher Rap-Gesang ist mir nicht so geläufig, aber beim Dichter-Kollegen, Freund und Verlagsautor Ernst-Jürgen Dreyer ist er irgendwie angekommen:

    RAP

    EJD spricht


    Wo der Live-Boogie groovt und der Muezzin ruft
    und ein Feeling von Bio-Make-up weckt,
    stop and go, park and ride, Coca Cola high light
    und die Software das Job-Sharing abdeckt,

    wo der Schwuli voll cool sich bedient aus dem Pool
    und die Horrortrip-Szenentreffs abcheckt,
    wo man hockt beim Big Mac, echt geschockt vom feed-back,
    wie viel schöner ein Döner Kebab schmeckt,

    ja da purzeln die Pfunde bei nächtlichen Staus,
    und da spannt meine Seele die Fittiche aus
    und fliegt weit übers Straßenbegleitgrün hinaus

    in die Face/Body Sun Block Protection!
    Denn da ist meine Heimat, da bin ich zu Haus:
    O Gefühlsmix voll Power und Action!

    (enthalten in «Kotblech», Meiendorfer Druck Nr. 38)

5.

Manchen meiner Sonett geschieht es, als allzu rätselhaft verbucht zu werden. Ich zitiere Ernst-Jürgen Dreyer:

    seit Du mir auf einen zugegebenermaßen ratlosen Versuch, mich Deinen Gedichten anzunähern, einmal geantwortet hast, es sei Dir «sowas von egal», was die Leute zu Deinen Gedichten meinen, habe ich mir die Mühe einer zuweilen aussichtslosen Vertiefung erspart [...]. Daß sich viele Deiner Gedichte dem Verständnis verweigern, liegt – denke ich – an einem Nomen-und-Verben-Vokabular, bei dem notfalls kein Duden, kein Wahrig und kein Fremdwörterbuch hilft.

Ich kenne das längst, und da ich mich nicht anzupassen gedenke, Rücksichtnahme mir insofern fremd ist, sind mir Ankreidungen hinsichtlich Schwerverständlichkeit eben «egal». Mehrfach kam im Anschluß an Lesungen die Frage, was ich denn brotberuflich treibe: Flüchtlinge und Spätaussiedler unterrichten, mein Fach also «Deutsch als Fremdsprache» ... das erwies sich stets als todsicherer Lacher.

Ich weiß ja, daß ein Wort wie Tesserakt – für «unverständliche Zeilen» verantwortlich – eher schwer in gängigen Nachschlagewerken zu finden ist. Aber wenn ich es doch – als überhaupt Keim- und Erstwort des betreffenden Sonetts – BRAUCHE?! Und handreichende Fußnoten das Seitenbild zerstören, angehängte Erläuterungen so schwerfüßig dahergetappt kommen würden? Kurz: Wie der Schatten eines Würfels eine Fläche in Form eines Vierecks sein kann, wäre der Würfel der «Schatten» eines Tesserakts. «Tesserakt» war erstes Wort und Keim des betreffenden Sonetts und hat zu tun mit meinem Eindruck von der Seelengestalt des angesprochenen Verschiedenen – nichteuklidische Geometrien:

    Grenze

    Wer fahndet nun nach unverwehtem Fakt?
    Wer spannt die rückwärts eingeschnittnen Netze
    zu den Trigonen leergewehter Plätze,
    wo schon die Abdrift die Vektoren packt?

    Wer pulst dem Wellenfeld von Sand den Takt,
    daß Korn um Korn sich Quant um Quant versetze,
    entlang den Flächenfugen auswärts hetze,
    wo Schichtung schon sich fügt zum Tesserakt?

    Im Lug und Trug von flackernden Kontrollen
    verkanten steil die aufgebrochnen Schollen –
    hielt denn das Kraftfeld Flucht und Sturz im Lot?

    Den Grund- und Aufriß nun umreißen wollen
    war Eins. Ein Andres hieß: Die Pulse sollen
    die Grenze halten zwischen Traum und Tod.

    Grabschrift für Peter Jagenteufel

    (enthalten in «Falsch und wunderbar», Meiendorfer Druck Nr. 22)

Für eine weitere Art von Schwerverständlichkeit diese Beispiele:

    Für weit weniger als Dritte verständliches Lied

    Uns weht ein Wind von hier bis nach Chaillot,
    da bitt ich aus: Mit eingefleischten Kallen –
    dor blief mi af! Aus rausgekotzten Gallen
    erblüht en gros mir groß und breit Margot!

    Da hätten wir zumindest ein morceau,
    erfaßbar und zupaß den Pitavallen.
    Die Greife kreisen schon, und ihre Krallen
    verfangen sich im leeren Domino.

    Ach, laß nur das Verbrehm- und das Verschmeilte,
    das spaßig Zugespitz- und das Verspeilte –
    das pendelt sich wohl weilens selbst ins Lot.

    Von selbst vergißt sich das je Angepeilte
    und rauht sich das so spurlos glatt Gefeilte ...
    von mir gebongt. Und ab zu Navers Soot!

    Der große Heraus

    Kratz Fuß, nick Kopp, begreif den Unbegriff
    von hergeloffnem Untüch ohne Ahnung!
    Doch zick und zack! umschifft ist schon die Lahnung
    vom Anfluch, wie er sich den Eisprung schliff.

    Und sei wahrschaut: Im Triebe ging das Schiff,
    versank den Weg in ungebahnte Wahnung,
    zerspant sich scheiternd in Geblak und Zahnung.
    Sigilli logo: Alles fob und cif.

    Nun sichten wir wohl Karten und Papiere
    auf Mein und Dein und ganz verbrannten Schnee:
    Was meint Verschleiß? Und was heißt jene Schliere?

    An allen Vieren beten wir seit je
    als nachgeborne Hammel nach, wie schiere
    Vergärung strandet als Mouton-Cadet.

    (beide Sonette enthalten in «Kino», Meiendorfer Druck Nr. 41)

Kalauer Mouton Cadet. Sächsisch entstelltes Loco sigilli.

Darin ganz persönliche Tradition bewahrt wie in Gedichten von Anfang der Siebziger:

    Sehrichtik, Luft lauflüssig, Wind aus wischelnden Richtungen.
    Wir wollen keinen Witterkrempel, was er uns auch heppig verwischelt,
    wir habens selbst Wetters genug noch im schlappsten Finger
    (der den Fernseher aufblättert): Welche Amsel rotierte
    innen nichtswürden volksnah, ist ein tüchtiger Nippes
    auserlesener Murks? (Diese Amsel spült sich nun
    jeden Abend in unseren Wohnzimmern ab.) Oklipps Oklars
    Omores!
    I the jury: habs noch im Ohre wie gestern, als mir und meiner.
    Waszumteufel ist ein Einzellkärnpfer von Hinnen:
    Immer ein kluger Kopf dahinter ein kluger Kopf immer.
    Da schnallst du ab, denn da schnallst du ab. Der?
    Oklarsichtklarsicht! Habs noch gestern orakelt:
    Wenn Dersich Einrunter holt im freien Fall: Da regnet nix!

    (enthalten in «Veilchen und Mährrettich», Meiendorfer Druck Nr. 3)

Meine Vorstellung, damit ein Äquivalent zu geben zu «halbabstrakter» Malerei und Graphik: Jan Voss, Robert Rauschenberg, Bernard Schulze mit seinen Migofs. Wo in unentzifferbare Figuration erkenn- oder erahnbar Gegenständliches eingearbeitet ist. Was DIE dürfen, darf ich auch.

Musikalität. Fürs Ohr geschrieben.
Richtig gefreut hats mich immer, wenn jemand beim Zuhören nichts vom Form- und Reimschema mitkriegte: Da wars dann GELUNGEN!

6.

Sonette eigentlich alle persönlich adressiert. Auch ad me ipsum.

7.

Das Gespräch: Tenzonen

    Kreuzspinne leiblich

    Aufgespannt und abgenetzt:
    Wind als Beute abgefangen,
    Haut im Netz der Netzhaut jetzt –
    kam kaum her. Schon hingegangen.

    Iris flirrt noch unverletzt,
    ob auch Grün und Grau zersprangen.
    Zangen hättens fein zerfetzt,
    als sie bang ins Jenseits drangen.

    Azeton und Kampfer stechen
    zielgenau am Septum hin –
    Faktum oder unbeschreiblich.

    Kork zerbröckelt, Klinker brechen,
    Kälte spinnt sich Staub aus Zinn,
    krallt uns, legt aufs Kreuz uns leiblich.

    (Robert Wohlleben)

    (enthalten in «Zug und Gegenzug», Meiendorfer Druck Nr. 28)

    Spinne weiblich

    Windgeschaukelt und bewegt
    von der Zuversicht auf Beute,
    irgendwann im Netz, das heute
    siegessicher ausgelegt,

    kauert sie, nur dann erregt,
    wenn aus der Insektenmeute,
    die sich überall verstreute,
    etwas durch die Fäden fegt.

    Sie, die stets nur lauern kann,
    wenn im Lichtgeviert vollendet,
    was die Augen schillernd blendet,

    kriecht in Schüben still heran,
    tilgend, was sich dreht und wendet
    oder zeugend Lust verschwendet.

    (Richard Klaus)

    (enthalten in «Eisprung III», Meiendorfer Druck Nr. 23)

    SPINNE AM MITTAG

    Pendelnd an dem Silberfaden,
    kenntlich an dem Christenzeichen,
    läßt sie sich vom Licht bestreichen,
    scheint sie im August zu baden.

    Königin in andren Reichen,
    mühelos und nicht beladen,
    bleibt sie frei für tiefre Gnaden.
    Darfst du dich mit ihr vergleichen?

    Bist du enger nicht vernetzt?
    Klebst du fester nicht am Jetzt?
    Hängst du nicht an hoher Minne?

    Hast du je das Netz zerfetzt,
    das dich trägt und fängt zuletzt?
    Bist du Opfer? Bist du Spinne?

    (Klaus M. Rarisch)

    (enthalten in «Bilanz», Meiendorfer Druck Nr. 35)


    DER PSYCHOGÄRTNER
    Einem schizophrenen Psychiater

    Bethanien oder nicht Bethanien, das
    ist keine Frage, bist du in Germanien.
    Hier herrscht ja nicht der vampirschwarze Haß
    des Satans wie im Wald von Transsilvanien.

    Nein, hier berieselt Gottes Gnadennaß
    die Seelenpflänzlein, daß sie wie in Spanien
    gen Himmel wachsen ohne Unterlaß,
    Immanuel lobpreisend und Bethanien.

    Du Arbeitsmann im Weinberg unsres Herrn,
    du frommer Knecht in Gottes Kräutergarten,
    halt hoch das Blaukreuz, halt Versuchung fern,

    schütz, heg und pfleg die Blümelein, die zarten!
    In kranken Frauenseelen grab den Mist um –
    die Saat geht auf, vertrau auf Jesum Christum!

    (Klaus M. Rarisch)

    (enthalten in «Ausfluß der Muse», Meiendorfer Druck Nr. 43)

    Verdämmernd

    Der spacke Jüngling neigte stark zum Bösen
    und strebte sehr nach geistigem Entfalt;
    die Welt der Seele ließ ihn ziemlich kalt,
    auch wenn er träumend dolchte in Gekrösen.

    Zwar suchten manche ihn davon zu lösen,
    doch fand er immer wieder einen Spalt
    und floh ins Dämmer, wo die Schatten Halt
    und Stütze waren, frei von Taggetösen.

    Der Jüngling ward zum Priester einer Sekte,
    die gegen seichte Götter Pläne heckte
    und schwülen Messen huldigte beim Schein

    von Fackeltänzen, während grinsend bleckte
    ein bleicher Schädel auf dem schwarzen Schrein
    und er die Jünger durfte schwefelnd weihn.

    (Richard Klaus)

    (enthalten in «Eisprung II», Meiendorfer Druck Nr. 17)

    Antisisyphos

    Der alles straft, die Götzen wie die Welt,
    er häuft den Hort von abgetanen Taten,
    in Traum und Wahn die Späne zu durchwaten,
    daß ihn der Mulm grad hart am Leben hält.

    Als Reichtum gilt ihm, was ein Rausch vergällt.
    In Katakomben steigt er mit dem Spaten,
    vergräbt dort Briefe, Photos, Assignaten ...
    erwacht das Grab, wirds gnadenlos verbellt.

    Aus Buchs wurd ihm ein Publikum gedrechselt,
    das ist ihm gut für abgewelkte Tricks,
    da er sich selbst mit Holz und Stein verwechselt.

    Ihn rührt auch nicht der Blitz des Augenblicks,
    wie er in steter Folge Bilder häckselt:
    Er wälzt sich weiter ... doch da rührt sich nix.

    (Robert Wohlleben)

    (enthalten in «Der grinsende Vater», Meiendorfer Druck Nr. 16)

8.

Übersetzungen:

    Going Down

    ‘It is the BBC which keeps us all honest.’
    (Michael Grade, head of Channel 4)

    The lifts go up and down in Portland Place,
    Heavy with programme-makers and the like,
    Expressing all that moves the Island Race –
    Cricket and cars and clowns who take the mike.
    On coming changes you can put your shirt:
    Reform? We can’t afford to be too fussy.
    Perhaps the Beeb will burgeon under Birt,
    Or Auntie might become a shameless Hussey.
    Reith is long gone, but certain ghosts remain
    And prompt those zealots who have not resigned
    To educate, inform and entertain.
    If money talks, can Chequeland change his mind?
    Onward, unbowed, will march the Corporation:
    ‘Nation shall Speak of Ratings unto Nation.’

    Roger Woddis
    The Times Saturday Review, Sept. 19, 1992

Mein erster Anlauf ... da meinte ich, das Akrostichon unterschlagen zu dürfen:

    Voll ins Auge

    Das Fahrstuhl-Auf-und-Ab am Rundfunkplatz
    verhebt Programmgestalter und Consorten.
    Die schicken Volkes Sorgen in die MAZ:
    die Ziehung, Tennis, schlecht gezielte Torten.
    Mal klar, daß alles hier zum Wandel drängt:
    Reform? Davor sind immer Intendanzen.
    Und in den Intendantensessel zwängt
    ein neuer Arsch sich – tun die Puppen tanzen?
    Von Zahn hat Pause, doch so mancher Spuk
    glimmt nach, verrührt nur stur den alten Kleister
    im Bildungs-, Nachrichten- und U-Bezug.
    Markmark! Vielleicht ruft das die rechten Geister?
    Mit ruhig-festem Tritt marschiert die Anstalt:
    nicht daß man schelte, sondern daß man anschalt’!

Aber dann rührte sich das Gewissen ... und es geht doch:

    Voll ins Auge

    An jedem Fahrstuhlschacht am Rundfunkplatz
    Umschwirrn sich Redakteure und Consorten.
    Sie schicken Volkes Sorgen in die MAZ:
    Grand Slam, die Ziehung, schlecht gezielte Torten.
    Echt klar, daß alles hier zum Wandel drängt:
    Wieso Reform? Davor sind Intendanzen.
    Oh, in den Intendantensessel zwängt
    Gezielt ein Arsch sich – tun die Puppen tanzen?
    Ein Eggebrecht hat Ruh, doch mancher Spuk –
    Noch da! – verrührt nur stur den alten Kleister:
    Halb Sport, halb News, halb U-, kaum Kult.-Bezug.
    Ein Geld!!! Vielleicht ruft das die rechten Geister?
    In ruhig-festem Tritt marschiert die Anstalt:
    Tut bloß nicht schelten ... Ziel ist, daß man anschalt’!

    POSH

    Port-Outward Starboard-Home, a heavy trip
    Made lighter by the apportionments of shade:
    Red mountains steaming backward past the ship,
    Their ravenous ravines, fanged palisade
    With shorelines shaken in miraging air,
    Dust-devils running on them, scorpion tails
    hooked high to strike: out of the sun-side glare
    White ladies leaning over polished rails.
    Ahead blue roadway, trough of sequinned shoals:
    At night wild stars thresh in the rigging’s net.
    The keel slides down the globe with freighted souls
    Hulled in a common fate. The course is set,
    Whether of proletariat or peerage,
    Posh people or poor buggers in the steerage.

    Hilary Corke
    The Times Saturday Review, Oct. 3, 1992

Meine (fast) erste Version:

    Erster Klasse

    An Backbord fort, an Steuerbord nach Haus ...
    der harte Törn zumindest mild belichtet:
    Die roten Berge dampfen achteraus,
    die Schluchten schroff als Sperrwerk aufgerichtet,
    das Küstenbild flirrt in der Spiegelschicht,
    da jagen Staubdämonen, hochgeschwungen
    zum Stich den Skorpionenschwanz: vom Licht
    umgleißt, stehn Ladies an den Messing-Rungen.
    Fahrrinne blau und quer durchs Glitzerriff:
    Gestirne toben nächtens in den Wanten.
    Der Kiel strebt globusabwärts, tief im Schiff
    beladne Seelen in des Schicksals Spanten ...
    ob Adel oder Volk den Kurs bedacht,
    ob Hautevolee, ob armes Schwein als Fracht.

9.

Der Verlag
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