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Kennst du das Land
Meteorologische Literatur-Datierung

Im Nachlaß von Arno Holz, dem Dichter und Literaturexperimentator (1863–1929), findet sich Korrespondenz zwischen ihm und Hans Schlegel, der als Übersetzer spanischer Dramatiker hervorgetreten war.

Schlegel hatte an Holz ein Gedicht über einen tiefunterkühlten Italienaufenthalt geschickt. Das Gedicht ist stilistisch den Gedichten in den späteren Fassungen des großen »Phantasus«-Zyklus von Holz angenähert. D. h. der Text ist gekennzeichnet durch stets sich steigernde Wiederholungen, durch frappierenden Sprachwitz und – ganz äußerlich – durch Zeilenanordnung auf »Holzscher« Mittelachse.

Arno Holz konterte die Zusendung mit einer Neufassung von Schlegels Gedicht. Die ist ein ganzes Stück länger ausgefallen und spitzt sprachliche Gewagtheiten noch weiter zu. Wo Schlegel beim Reimspiel mit dem ganz sicher schwer zu verreimenden Wort Feldprobst auf fünf gekommen war, erzielt Holz gar zwei Punkte mehr … an den Belt stobst / Welt tobst / Geld lobst / unter das Zelt schobst / wie ein Held hobst / ohne jegliches Entgelt wobst / ganz entquellt schnobst.

Beide Dichter ziehen am Schluß Buddhas Urteil übers Wetter an:

MERDE
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Klaus M. Rarisch hat diesen lyrischen Schriftwechsel bei der Eremiten-Presse herausgegeben. [1] In seinem Nachwort versucht er eine Datierung der im Original undatierten Texte und kommt anhand nicht näher erläuterter Anhalte auf 1926 als Entstehungsjahr.

Wenn wir den kürzlich von Alfons Teschau kolportierten wetteramtlichen Tatsachen über das Wetter in den 20er Jahren folgen, [2] sollten wir die Gedichte von Holz und Schlegel etwas früher datieren. Sie dürften unter dem noch frischen Eindruck der klimatisch äußerst beschissenenen Jahre 1922 bis 1924 entstanden sein. Der überaus starke dichterische Ausdruck läßt auf unmittelbar erlebtes tiefes Leiden am Wetter durchblicken. So drängt sich als äußerste Grenze für die Entstehungszeit 1925 auf.


(Insert in »Donnerwetter«)
Robert Wohlleben

1] Arno Holz: Kennst du das Land. Ein lyrischer Schriftwechsel mit Hans Schlegel. Hrsg. von Klaus M. Rarisch. – (Düsseldorf:) Eremiten-Presse MCMLXXVII.

2] Siehe die bezügliche Passage in Teschaus Nachwort zu Rarisch & Wohlleben: Donnerwetter. Meteorologisches Handbuch unter besonderer Berücksichtigung kulturatmosphärisch-klimatokultureller Aspekte. Vorwort von Dr. Lothar Kaufeld (Seewetteramt Hamburg). Hrsg. von Alfons Teschau. Meiendorfer Druck 11, 3. Aufl. Ottensen: fulgura frango 1994 (zuerst 1987).


 

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