Rarisch & Wohlleben: Donnerwetter

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Regenschirm

Kleppermantel


Rarisch & Wohlleben
DONNERWETTER
Meteorologisches Handbuch
unter besonderer Berücksichtigung
kulturatmosphärisch-klimatokultureller Aspekte

Meiendorfer Druck Nr. 11

Nachwort des Herausgebers

    Meinen Gnädigste nicht auch. daß dieses ein rechtes Scheißwetter sei?
    (so ungefähr bei Kurt Tucholsky)

Wie Donnerwetter begann

Eine von Peter Jagenteufel an Robert Wohlleben sen. gesandte Postkarte (Malaga-Ansicht, gestempelt 5226 Reichshof 1, 6. 1. 81, 18.00 Uhr) enthält folgende Mitteilung:

Schnee
in Marsee!

Der Empfänger dieser Botschaft vermag heute nicht mehr anzugeben, was daran ihn anregte, mehr noch anstachelte oder trieb, einen ähnlich gearteten Reim als Antwort zu erfinden. Vielleicht war es die Weiträumigkeit, die in der lapidaren Postkarte zusammengerückt war: Malaga mit den sonnigen Ansichten … Marseille mit allen möglichen Assoziationen … das so heimelige wie versteckte Städtchen im Oberbergischen. Vielleicht war es auch die Widersprüchlichkeit in der Karte: Der sprachlich so unbekümmerte Reim »Schnee – Marseille« … verbarg sich darin nicht eine ganz und gar nicht unbekümmerte Mitteilung?

Durch Hamburg
ziehts klamm durch.

Mit diesem Vers antwortete Wohlleben sen. … und hörte mit der Reimerei einstweilen nicht wieder auf. Eine beträchtliche Reihe von Zweizeilern, die alle, wie sie da sind, nur unwirtliches Wetter zum Thema haben, war damit eröffnet.

Die Autoren und ihre Sprache

Dem launigen Hamburg-Vers dürfte im Zusammenhang der Korrespondenz Jagenteufel/Wohlleben sen. ebenfalls der Charakter einer Mitteilung zukommen. Darüber hinaus zeigt er, wie hier Wohlleben sen. auf Jagenteufels Sprachtechnik eingestiegen ist: Was bei Jagenteufel die sehr gedeutschte Aussprache von Marseille leistet, tut bei Wohlleben sen. die norddeutsche g-Palatalisierung.

Wie auch immer … der Raptus der Scheißwetterverse erfaßte auch – in Wittenau im französischen Sektor Berlins – Klaus M. Rarisch. Als ausgebuffter Reimer führte er aus der Lamäng die Schönheiten des sogenannten reichen Reims in die Wetterdichtung ein – wo also nicht nur die letzte Hebung der Zeile für den Reim verantwortlich ist, sondern die beiden letzten. Ein erstaunliches Beispiel:

Gewáltig úm
sich greift der Sturm im Báltikúm.

Rarisch hat damit zweifellos Wohlleben sen. zu ähnlichen sprachlichen Balanceakten in später entstandenen Mistwetterversen angeregt, wie folgender Vers über einen Hamburger Stadtteil zeigen mag:

Es dringt der Regen in Harvéstèhúde
selbst in eine klimaféstè Búde.

Im übrigen hat Wohlleben sen. auch hier wieder die norddeutschen Spracheigentümlichkeiten angewandt: Aus kurzem a mit nachfolgendem r wird im Wege der sogenannten Ersatzdehnung ein langes a, wobei das r abhanden kommt. An andrer Stelle werden u und folgendes r zu einem Diphthong, zu einem Doppellaut also: Salzburg im Vers auf S. 30 [1] ist »Salzbu-ich« auszusprechen, um den Anforderungen der Reimreinheit gerecht zu werden. – Ebenso wenig verleugnet Rarisch seine Berliner Zunge in Versen wie dem folgenden:

Die Winde in Indien
sind die ganz windigen.

Angesteckt wurde auch Robert Wohlleben jun. Etwa 30 seiner Scheißwetterverse wurden zusammen mit denen seines Vaters in die Sammlung aufgenommen. Eine besondere typographische Kenntlichmachung erschien überflüssig, da hier alles in der Familie bleibt. Mit den Beiträgen von Wohlleben jun. fanden Elemente der Jugendsprache Eingang in die Scheißwetterdichtung, denen sich selbst der alte Vater nicht zu verschließen vermochte.

Themata und Nullthemen

Thematisch kreuzt Donnerwetter durch mannigfache Zeiten und Zonen, auch Gestalten aus Welt- und Geistesgeschichte sowie literarischen Werken begegnen uns wieder. Erbitterte Diskussionen zwischen den Autoren und dem Herausgeber verursachte die Frage, ob die Thematisierung historischer Scheußlichkeiten erlaubt sei oder ob der Mantel des Schweigens hier Vorrang habe vor der Kasperei. Was heißt es: mit Entsetzen Scherz treiben? Wo wären da die Grenzen? Beim Vers über Verden (S. 41) [2] läßt sich noch relativ leicht mitgrinsen … aber Sachsenhausen? Oder Katyn? (Sie reimen auf »Haxen sausen« und »Offiziersgattin«, wie geltend gemacht. wurde.) Dabei besteht die Differenz hier nur in wenig mehr als tausend Jahren und einigen Tausend mehr Ermordeten. Die umstrittene Frage endete rundherum mit »jein«. – Erinnert sei in diesem Zusammenhang daran, daß sich Grauen wohl auch ins Lachen flüchten kann … das dann kein frohes ist.

Auch gibt es Gelächter, das man keineswegs aus dem falschen Hals dringen hören möchte. Aus diesem besonderen Grunde wurden die Zweizeiler über den 31. August und den 9./10. November, in denen Wohlleben sen. »Pulver- und Bleiblitz« auf »Gleiwitz« bzw. »Kristalle« auf »Kalle« reimt, nicht mitgeteilt.

Eine signifikante Divergenz hinsichtlich der Themenbereiche in den Versen des Berliners Rarisch und denen der beiden Hamburger Wohlleben besteht in der Heimatfrage. So findet sich bei Wohllebens eine ausgesprochene Hamburg-Abteilung (s. S. 10 u. 11); dahingegen läßt der Berliner Rarisch unser aller ehemalige Reichshauptstadt links liegen. Ja, will er denn 750 Jahre ereignisreiche Geschichte, ja, 750 Jahre kulturelles Geschehen ungerührt übergehen?! Bei Berlin handelt es sich doch wirklich nicht um die Hauptstadt des Banausentums! Oder steht Rarisch etwa auch auf dem Standpunkt: »750 Jahre sind genug« [*] …?

Der Dichter als Prophet?

Mit aller gebotenen Behutsamkeit sei auf eine gewisse prophetische Qualität der Rarischschen Schlechtwetterverse hingewiesen. Das behandelte Sauwetter ist damit selbstverständlich nicht gemeint – dafür ist ja wahrlich nicht viel Prophetie erforderlich. Es geht um eine ganz andere Merkwürdigkeit. Jeweils kurz nach Abfassen bespielsweise der Verse über den Orkan bei den Aleuten [3] (S. 39) und über den Tod in Memmingen [4] (S. 15) gingen ein Schiffsuntergang bei den Aleuten und ein spektakulärer Schülerselbstmord in Memmingen durch die Presse. Mit dem diesjährigen Schachteinsturz bei den Arbeiten für die Endlagerstätte Gorleben hat die Realität den betreffenden Vers von Rarisch [5] (S. 55) schlagend eingeholt. So lassen seine Verse über Erdbeben beim KKW Brokdorf und der WAA Wackersdorf [6] (beide ebenfalls S. 55) für die Zukunft nichts Gutes erwarten: Kavernenbildungen an Diapiren (Salzdomen) im Untergrund der Brokdorfer Region vermöchten mit ihrem Einsturz zu sogenannten Einsturzbeben zu führen. Über die Tektonik des Wackersdorfer Untergrunds ist der Herausgeber nicht näher informiert; das Vorhandensein von Verwerfungs- oder Verschiebungsflächen würde ihn allerdings nun nicht mehr überraschen. – Handelt es sich bei den Versen von Rarisch um die Schrift an der Wand?

Scheißwetterdichtung in der literarischen Tradition

    Bedecke deinen Himmel, Zeus,
    Mit Wolkendunst!

dichtete Johann Wolfgang von Goethe in der Tradition der Scheißwetterdichtung. Bei Friedrich von Schiller findet sich entsprechende Motivik:

    Aus der Wolke
    Strömt der Regen:
    Aus der Wolke, ohne Wahl,
    Zuckt der Strahl!
    Hört ihr’s wimmern hoch vom Turm!
    Das ist Sturm!

Wir können weiter zurückgehen: Beim großen Friedrich Gottlieb Klopstock in verschiedenen Oden so gu wie beim gleichzeitigen Schweizer Naturdichter Albrecht von Haller, bei Hans Sachs, ja, beim bedeutenden Sprachreformer Martin Luther … nirgends ist das Wetter eine Freude. Gar in der Minnedichtung finden sich Ansätze zu diesem breiten Motivstrang in der deutschsprachigen Dichtung:

    Chume zu mir eine, lieb friundin mîn,
    daz du nit sult von regen nasseclîche sîn.

So dichtete um den Anfang des 13. Jahrhunderts Osprecht von Brunningen mit dem vielleicht verzweifelten Versuch, aus der bedrückenden Situation das Beste zu machen.

Auf die starke Strömung der Volkspoesie und der ihr nahestehenden Dichtung muß in diesem Zusammenhang hingewiesen werden. Muß man Rotkäppchens rote Kappe erwähnen, die vor aller anderweitigen Deutung zunächst schlicht eine Schutzvorrichtung gegen Witterungsunbilden ist?

Wir müssen uns dabei nicht auf deutsche Lesebuchweisheiten unter der Rubrik »Verfasser unbekannt« beschränken; denn lernen nicht, zum Beispiel, in England schon die Kleinsten »in the kindergarten«:

    Whether the weather be fine
    or whether the weather be not,
    whether the weather be cold
    or whether the weather be hot,
    whatever the weather –
    we must weather the weather,
    whether we like it or not.

Allen von uns ist der Fliegende Robert ein lieber Vertrauter, wie er bei seinem Versuch, aus dem Labyrinth der elterlichen Verbote dädalusmäßig zu entfliehen, vom geschlossenen Himmelsgewölbe letztendlich daran gehindert wird – im tragischen Scheitern dem Ikarus verwandt. Beim Fliegenden Robert sind Sturm und Regen das Gegenkonzept zur zwar schützenden, aber zugleich immobilisierenden Muffigkeit der »Stuben«.

Heinrich Hoffmann, Irrenarzt und Autor des 1847 erschienenen »Struwwelpeter«, ist bei der Schöpfung seines archetypischen Fliegenden Roberts aller Wahrscheinlichkeit nach auf eine wenig früher veröffentlichte Sammlung von Volkspoesie mit dem Titel »Poetischer Schatzbehälter des einfachen Volkes« (Frankfurt am Main 1838) zurückgegangen. In einem der dort mitgeteilten Klapphornverse ist der Fliegende Robert vorgeformt:

    Zwei Knaben giengen durch den Sturm,
    Der Eine trug den Regenschurm.
    Der Andre wurde gantz durchnäßt,
    Doch wenigstens nit fortgebläst.

Im übrigen dürfte im Fliegenden Robert der damals bekannte Demokrat Robert Blum (geboren 1807 in Köln) abgebildet sein. An sein Drama »Die Befreiung von Kandia« (erschienen 1836) ist der Dädalus-Ikarus-Bezug angebunden: Kandia liegt ebenso auf Kreta wie das minoische Labyrinth. Mit seiner politischen Betätigung setzte auch Blum sich dem Sturm aus. Er gehörte zwar nicht den demokratisch gesinnten studentischen Burschenschaften an, denen Hoffmann mit den Gestalten seines »Struwwelpeter« ein Denkmal zu setzen gedachte, aber für Hoffmann war es wohl ein Aufwaschen. [**] – Blum wurde 1848 aus politischen Gründen in Wien zum Strang verurteilt, dann jedoch »zu Pulver und Blei« begnadigt und entsprechend in der Brigittenau erschossen, In der Redensart »erschossen wie Robert Blum« lebt die Erinnerung an ihn fort.

Zur Einrichtung der Ausgabe

Der Herausgeber hat sich dazu entschlossen, die thematische Vielfalt der Schlechtwetterverse durch ein alphabêtisches Register zu erschließen. Vor allem hat es den Sinn, die Lektüre des Handbuchs in geordnete Bahnen zu lenken, bevor sie ins Chaotische abgleitet.

Der Herausgeber bittet überdies die Leserschaft, ihm das eine oder andre Fehlerchen nachzusehen, das sich beim Durchordnen des Materials nach geographischen Gesichtspunkten eingeschlichen haben sollte. Schuld daran ist schlechtes Wetter in der Kindheit des Herausgebers. Ausschließlich deswegen oft verschnupft, mußte er so manche Geographiestunde versäumen.

Die Stelle für Danksagungen ist nun gekommen. Der Herausgeber dankt allen, die mit Rat und Tat am Zustandekommen dieses Buches mitgewirkt haben. Besonderer Dank gilt R. Welan, die weiterführende Anregungen zur Gestaltung der Scheißwetter-Graphik gab und Vignetten für den Buchschmuck beisteuerte. Ein Textbeitrag von ihr sei hier noch mitgeteilt:

Zwei Stunden Gewitter …
das ist bitter!

Rückblick und Ausblick

Abschließend möchte der Herausgeber den Wunsch äußern, daß auch in künftigen klimatisch unwirtlichen Jahren der Leser dies Büchlein zur Hand nehme und sich des Sommers 1987 erinnere: abgesehen vom passablen Juli überwiegend Kühle und Nässe. Wer sich zurückerinnert, findet vielleicht in den verregneten Sommern von 1922 bis 1924 eine auffallende Parallele: Auch damals mochte jeweils nur ein Monat – mal Juni, mal Juli – als erträglich durchgehen. Gerade 1924 wies bedeutende Ähnlichkeit mit 1987 auf: Nach einem kalten Winter folgte – mit Ausnahme des Mai – ein sehr kalter Frühling und ein feuchtkühler Sommer; lediglich der Juli war »normal« (wie 1987). Im August war es damals noch kälter und regenreicher als im gegenwärtigen Jahr, mit ähnlich wenig Sonnenschein. Das gilt, für Hamburg; in Berlin dürfte es nicht wesentlich anders gewesen sein. – Was das Wetter angeht, können wir also nicht behaupten, härter getroffen zu sein als frühere Generationen.

Also: Knirps raus, Kleppermantel und Heizung an!


Ottensen, im September 1987


Alfons Teschau


*] Vgl. dazu die anonymen Mitteilungen an Kreuzberger Häuserwänden.
**] Im kohlfressenden Häschen z. B., das auf den Jäger schicßt und ihn verfehlt, erkennen wir Viktor Hase, den Erfinder des bis in die jüngste Zeit bewährten Keine-Ahnung-Zitats.

1] Der Regen näßt dich bis zum Hals durch / in Salzburg.
2] Vom Regen kannst du einen Kopf kürzer werden / in Verden.
3] Orkan vor den Alëuten: / Een Boot is noch buten!
4] Nur den Lemmingen / behagt das Wetter in Memmingen.
5] Kleine Vorbeben / beleben die Gegend um Gorleben.
6] Indessen gebärdet die Erde sich kunterbunt / im Wackersdorfer Untergrund. –
Und nur ganz leise, wie im Traume, / bebt die Erde im Brokdorfer Raume.

Wie sich Wetter in der Literatur niederschlagen kann


 

Rechte bei Robert Wohlleben