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Robert Wohlleben:

Sonett – funktioniert die Form?

 

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7. Rätsel



Manchen meiner Sonett geschieht es, als allzu rätselhaft verbucht zu werden. Ich zitiere Ernst-Jürgen Dreyer:

 

seit Du mir auf einen zugegebenermaßen ratlosen Versuch, mich Deinen Gedichten anzunähern, einmal geantwortet hast, es sei Dir «so was von egal», was die Leute zu Deinen Gedichten meinen, habe ich mir die Mühe einer zuweilen aussichtslosen Vertiefung erspart […]. Daß sich viele Deiner Gedichte dem Verständnis verweigern, liegt – denke ich – an einem Nomen-und-Verben-Vokabular, bei dem notfalls kein Duden, kein Wahrig und kein Fremdwörterbuch hilft.

Ich kenne das längst, und da ich mich nicht anzupassen gedenke, Rücksichtnahme mir insofern fremd ist, sind mir Ankreidungen hinsichtlich Schwerverständlichkeit eben «egal». Mehrfach kam im Anschluß an Lesungen die Frage, was ich denn brotberuflich treibe, lange Jahre mit der Auskunft: Sprachunterricht für Flüchtlinge und Spätaussiedler, mein Fach also «Deutsch als Fremdsprache» … stets ein sicherer Lacher.

Ursachen dafür …? Vielleicht bereits die metallurgischen Zeitschriften und Bücher in einem großväterlichen Bücherschrank. Aus dem ich auch – verfrüht? – Andersens Schneekönigin vorgelesen bekam. Später dann war eigentlich Chemie mein Traumstudium. Nicht gegen den elternhäuslichen Widerstand durchgesetzt. Drei Jahre in der Redaktion der Monatszeitschrift «Erdöl und Kohle – Erdgas – Petrochemie» waren wohl weitere Verstärkung. So geraten mir Versuche, gedankliche Zuständlichkeiten zu beschreiben, immer wieder in Physikalismus. Klaus M. Rarisch stellte fest:

 

Den «poeta doctus» schenke ich Dir! Wo Du es doch bist, der mit Fachtermini («Feldbegriff der Physik»; «entlegenerem Fachwortschatz»; gar «Diskontinuitätsebene» bzw. «Mohorovicic-Diskontinuität») um sich wirft.

Ich weiß ja, daß ein Wort wie Tesserakt – für Verständnisschwierigkeit verantwortlich – eher schwer in gängigen Nachschlagewerken zu finden ist. Aber wenn ich es doch habe – und BRAUCHE?! Warum sollte ich Teile meines Wortschatzes rücksichtsvoll verstecken, daß sie von Motten und Rost gefressen werden? Handreichende Fußnoten zu etwaiger Abhilfe würden das Seitenbild zerstören, angehängte Erläuterungen so betulich schwerfüßig dahergetappt kommen. Und außerdem: Wo anfangen mit Erklärung und wo aufhören? Deshalb laß ichs eben.

 

Grenze

Wer fahndet nun nach unverwehtem Fakt?
Wer spannt die rückwärts eingeschnittnen Netze
zu den Trigonen leergewehter Plätze,
wo schon die Abdrift die Vektoren packt?

Wer pulst dem Wellenfeld von Sand den Takt,
daß Korn um Korn sich Quant um Quant versetze,
entlang den Flächenfugen auswärts hetze,
wo Schichtung schon sich fügt zum Tesserakt?

Im Lug und Trug von flackernden Kontrollen
verkanten steil die aufgebrochnen Schollen –
hielt denn das Kraftfeld Flucht und Sturz im Lot?

Den Grund- und Aufriß nun umreißen wollen
war Eins. Ein Andres hieß: Die Pulse sollen
die Grenze halten zwischen Traum und Tod.

Grabschrift für Peter Jagenteufel

Kurz: Wie der Schatten eines Würfels eine Fläche in Form eines Quadrats sein kann, wäre der Würfel der «Schatten» eines Tesserakts. «Tesserakt» war erstes Wort und Keim des betreffenden Sonetts und hat zu tun mit meinem Eindruck von der Seelengestalt des angesprochenen Gestorbenen – über dreidimensionale Geometrien hinaus.

Wörter müssen nicht unbedingt aus esoterischem Wortschatz herstammen, um Rätselwörter zu sein. Fach- oder Sondersprachen reichen schon. Die «bar-code beauty» aus dem Sonett «Consuming Passion» von Roger Woddis wurde in meiner deutschen Annäherung zum «Bar-Code-Mäuschen», weil ich mir sagte, es dürfe bei der Supermarktkassiererin an ihrer computerisierten Scannerkasse getrost etwas technoider zugehen. Da war dann die Vermutung zurechtzurücken, der Bar-Code könne etwas mit dem Verhalten in einer Bar zu tun haben. Der halbwegs eingedeutschte Strichkode hätte vielleicht nur halb geholfen. Ich erinnere mich an eignes Rätseln angesichts des Schildes «Kein Musikzwang» an der Eingangstür eines Wiener Cafés. «Musik» und «Zwang» … jedes für sich eigentlich kein Problem, aber die Kombination erschloß sich mir überhaupt nicht. Von ortsansässigen Freunden die Auflösung: In diesem Café ist man nicht gehalten, für die dort handgemachte Musik extra etwas zu zahlen. Ähnlich mags andren mit dem Kernwort des folgenden Sonetts gehen:

 

«Das Massengrab», Berlin-Charlottenburg 1961–63

Das Meublement ist das, was sich als Kram fand
in Dachverschlag und bei entfernten Tanten.
Die auf gebauchten Flaschen niederbrannten,
den Kerzen hält Verschattung gar nicht lahm stand.

Was sich als Donnerhall von Grimm zu Gram spannt,
dem Dornbusch abgelauscht von Nekromanten,
entging den längst entlaufnen Unverwandten,
im Nichts gestrandet zwischen Scham und Schamwand.

Zurechtskandiert für Gräberfeld und Dome,
zerstob die Suada, grell und kunterbunt,
daß jetzt noch Irrlicht im Gesichtsfeld brennt.

Der Menschenmut trieb Ranken und Rhizome
in unentdeckten Raum und Untergrund,
daß dort entstand, was sich als Ich erkennt.

Um die Schamwand herum ist das Sonett entstanden. Das Wort zog bereits die Nachfrage an, ob es sich dabei um einen anatomischen Begriff handele. Eine ähnliche Bedeutungsrecherche also, wie sie mir seinerzeit angesichts des Musikzwangs aufgegeben war … dort, wo Freud, Adler und besuchsweise Jung umgegangen waren, leicht als Begriff etwa aus der Psychopathologie zu vermuten. Nun aber die Geschichte. Ich hatte das Wort durch Klaus M. Rarisch kennengelernt, als er mir von behördlichen Lästigkeiten im Zusammenhang des von ihm mitbetriebenen Literaturclubs «Das Massengrab» erzählte. Dort hatte die auf Skepsis, Mut und Pazifismus gebaute Literaturrichtung des «Ultimismus» ihren Platz. Eine Auflage bestand darin, zwischen den Urinalen in der Herrentoilette eben diese Schamwand anzubringen. So fand der hinreißend absurde Begriff aus der Sanitärtechnik den Weg ins Massengrab-Sonett für Klaus M. Rarisch.

Für eine weitere Art von Schwerverständlichkeit diese Beispiele:

Der große Heraus

Kratz Fuß, nick Kopp, begreif den Unbegriff
von hergeloffnem Untüch ohne Ahnung!
Doch zick und zack! umschifft ist schon die Lahnung
vom Anfluch, wie er sich den Eisprung schliff.

Und sei wahrschaut: Im Triebe ging das Schiff,
versank den Weg in ungebahnte Wahnung,
zerspant sich scheiternd in Geblak und Zahnung.
Sigilli logo: Alles fob und cif.

Nun sichten wir wohl Karten und Papiere
auf Mein und Dein und ganz verbrannten Schnee:
Was meint Verschleiß? Und was heißt jene Schliere?

An allen Vieren beten wir seit je
als nachgeborne Hammel nach, wie schiere
Vergärung strandet als Mouton-Cadet.

 


Frank Böhm:
Herein! (1967)

Titel: Umkehrung eines Bildtitels meines Freundes Frank Böhm. Nachgeborne Hammel: Kalauer mit Mouton Cadet. Sächsisch entstelltes Loco sigilli (aus Johann Gottfried Schnabels Insel Felsenburg entliehen). Aus der Sprache der Überseeverschiffung «free on board» und «cost, insurance, freight». Einsprengsel von Plattdeutsch, die stets für «Hermetik» gut sind. Möglicherweise ergibt sich ja aus solcherlei Kombinatorik eine Art Privatsprache …?

Das nächste Beispiel hat eine Vorgeschichte in drei Schritten und Sonetten. Ein Sonett von Klaus M. Rarisch steht am Anfang, fünfhebige Zeilen mit Auftakt und schönem Wechsel von «männlichem» und «weiblichem» Reim, zweimal abba, zweimal ccd gereimt, also mit nur vier Reimen auskommend. Ansonsten Paraphrasierung von innen- und weltpolitischer Lage:

 

Mauerlos


Kennst du das Land, wo alle Biblio-
thekare von der Bücherleiter fallen?
Wo Rufe «Feuer her!» wie Donner hallen
(es brüllt die Feuerwehr unìsono),

wo ausgeländert wird der letzte Zoo,
um Blondes nur beamticht zu bestallen,
wo’s schicklich, zu Silvester nur zu knallen
(Raketen detonieren anderswo).

Kennst du das Land, das mauerlos geteilte?
Wo Langeweile niemals lange weilte,
weil ständig allseits neuer Aufschwung droht?

Kennst du das Land, das trauerlos gestylte?
Wo man das Recht zu Haben nur ergeilte?
Du ahnst: Das ist der Nibelungen Not.

Albrecht Barfod – von ihm der Meiendorfer Druck «Alp und Ohm» (Nr. 24) – griff das Motiv auf und fokussierte dabei auf den entsprechend grassierenden Alltag. Das Kunststück: exakt dieselben Reime mit anderem Wortmaterial … «stallen» gegenüber «bestallen» soll gelten (von der so ganz andren Bedeutung gerechtfertigt).

 

Mauerlos II

Ich kenn das Land, wo ohne allen Froh-
sinn Lieder aus den Altstadtkneipen schallen,
die Badegäste graulen sich vor Quallen,
und eh sie ziehn, sehn sie noch mal ins Klo

und in den Schoß, wenn in der Bahn mal so
ein Bimbo rausfällt – wo den kurzen-drallen
Bürofraun nur der Urschrei hilft – auch stallen
dort Bullen lebenslang im Pferch. Tableau.

Jenun, da ging die Arbeit aus, da keilte
man in die Slums, was herfloh, übereilte
sich nicht beim Folgern, aber hielt doch Jod

vor, nur so für den G. A. U., da heilte
die Glotze Aids nach Acht, und Bubi seilte
sich ab: ihm weht die Flagge Schwarz-Weiß-Rot.

Die beiden Sonette gingen in den Meiendorfer Druck «Mauerwerk» (Nr. 26) ein. Irgendwann danach ging mir eine Postkarte mit folgendem Sonett eines Anonymus zu:

 

Mauerlos III oder Schwan kleb an
Parodisches zu 2 trüben Sonetten

Lot mi an Land! Jetzt schwimm’ ich in den ro-
ten Abend langsam rein – die Köpfe prallen
mir gegen’s Treibgut – meine Zungen lallen –
mein buntes Auge ging vorhin entzwo.

O Brandungsschlag tonauf tonab – Jo-jo
der Wogenschwalle ruft mich mallen
und müden Meerverbraucher. Doch Korallen
zerlegen mich grad einzeln und en gros.

So himmelhöher ich stets peilte:
Dies Ufer mauerte. Rothoch die Kante steilte.
Da oben links? Wo sich erbot

ein – Portikus? –, der weiß ein Stück weit zeilte,
den keiner noch abbeilte und zerkeilte –
da rauf? War wohl mehr was für Behemoth.

Zum dritten Mal dieselben Reime mit wiederum anderen Wörtern. Ein expressionistisches Impromptu, in dem sich das poetische Ich fünf Faden tief und wie im «Waste Land» in Meerespreziosen zu zerlegen scheint. Sogar die von Rarisch mit den abstürzenden und entzwei gehenden Bibliothekaren vorgegebene Wortzerspaltung nach dem Vorbild von Wilhelm Buschs Maikäfer ist abermals bewahrt.

Ganz klar und deutlich ein spielerischer Wettstreit, dem ich mich nicht entziehen konnte:

 

Für weit weniger als Dritte verständliches Lied

Uns weht ein Wind von hier bis nach Chaillot,
da bitt ich aus: Mit eingefleischten Kallen –
dor blief mi af! Aus rausgekotzten Gallen
erblüht en gros mir groß und breit Margot!

Da hätten wir zumindest ein morceau,
erfaßbar und zupaß den Pitavallen.
Die Greife kreisen schon, und ihre Krallen
verfangen sich im leeren Domino.

Ach, laß nur das Verbrehm- und das Verschmeilte,
das spaßig Zugespitz- und das Verspeilte –
das pendelt sich wohl weilens selbst ins Lot.

Von selbst vergißt sich das je Angepeilte
und rauht sich das so spurlos glatt Gefeilte …
von mir gebongt. Und ab zu Navers Soot!

Mit den Reimen auf o wirds deutlich schon schwieriger, so daß ich mir dreimal mit französischem Namens- und Wortgut helfe. Plattdeutsches Ingrediens ist durch Mauerlos III vermittelt: Dort «Lot mi an Land!», hier «blief mi af!» sind schlicht synonym, bereiten die abschließende Rückflucht in die verlorene Kindheitswelt Klaus Groths vor.

Im übrigen ist im «Großen Heraus» und im «für weit weniger als Dritte verständlichen Lied» ganz persönliche Praxis kaleidoskopisch jonglierter Wortbedeutungen bewahrt wie in Gedichten von Anfang der Siebziger. Damals riß ich Texte bis ins Wort hinein kaputt. Mit einer Dada-Attitüde in Nachahmung, wie sie damals längst mit baemu suti im gehobenen «parlor game» angekommen war, hatte es, meine ich, wohl nichts zu tun … wobei Dada ja mit seiner Neukonzeption von Spiel-Schaltplänen durchaus noch wirksam ist. Eine Passage aus «Veilchen und Mährrettich», dem Meiendorfer Druck 3, stehe als Beispiel:

 

Sehrichtik, Luft lauflüssig, Wind aus wischelnden Richtungen.
Wir wollen keinen Witterkrempel, was er uns auch heppig verwischelt,
wir habens selbst Wetters genug noch im schlappsten Finger
(der den Fernseher aufblättert): Welche Amsel rotierte
innen nichtswürden volksnah, ist ein tüchtiger Nippes
auserlesener Murks? (Diese Amsel spült sich nun
jeden Abend in unsern Wohnzimmern ab.) Oklipps Oklars
Omores!
I the jury: habs noch im Ohre wie gestern, als mir und meiner.
Waszumteufel ist ein Einzellkämpfer von Hinnen:
Immer ein kluger Kopf dahinter ein kluger Kopf immer.
Da schnallst du ab, denn da schnallst du ab. Der?
Oklarsichtklarsicht! Habs noch gestern orakelt:
Wenn Dersich Einrunter holt im freien Fall: Da regnet nix!


Norman Rockwell: Abstract & Concrete
Norman Rockwell:
Abstract & Concrete, 1962
© Curtis Publishing Company

Meine Vorstellung: damit ein Äquivalent zu geben zu «teilabstrakter» Malerei und Graphik wie von Jan Voss und Robert Rauschenberg oder gar zu Bernard Schulze mit seinen wuchernden Migofs. Wo aus unentzifferbarer Figuration erkennbar bis scheinbar Gegenständliches sich andeutet bis zeigt. Was DIE sich an Freiheit nehmen, möchte ich mir auch gestatten – keineswegs in allen meinen Sonetten so auf die Spitze getrieben wie in den soeben vorgeführten Extrembeispielen. Gut, damit ist von Fall zu Fall auch Ablehnung oder Abwendung verwirkt … aus gutem Recht, weil ja niemand gezwungen ist, sich auf alles und jedes einzulassen. Gelegentlich gerät die Distanzierung aber auch zum mehr oder weniger eingeschnappten Vorwurf. Nicht nur Dada, Merz und die Ungegenständlichen haben erlebt, was es bedeutet (und bedeuten kann!), jemanden an die Grenze sicheren Mitvollziehens zu führen. Im Falle bildnerischer Erzeugnisse waren dann – wenns glimpflich abging – gern die Affen der Maßstab für die vermeinte Qualität, bei sprachlichen und für Affen weniger machbaren mehr die «Verrückten». Wie gut traf es sich da, daß 1957 Desmond Morris – Ethologe und Verfasser von «The Naked Ape» – den im Londoner Zoo beheimateten Schimpansen Congo zum Malen anstiftete … einzelne der rund 400 Gemälde aus diesem Experiment sind in die Sammlungen etwa von Picasso, Miró und Prince Philip gelangt und erzielen gelegentlich auch heute noch stattliche Preise. Zur gehässigen Genugtuung eines entsprechenden Öffentlichkeitssegments. Ernst-Jürgen Dreyer ist diesem Zusammenhang in einem Sonetto caudato nachgegangen:

Congo-Werk
Congo (1954–1964): ohne Titel

Der Affe Congo
von Ernst-Jürgen Dreyer ©

Die Hand dieses Schimpansen ist
voller menschlicher Verrücktheit –
die Hand von Jackson Pollock
dagegen ist total animalisch.
Salvador Dalì


Ruft dich Prinz Philip in die Galerie,
o preise des Schimpansen Pinselzüge;
behaupte, daß er Leonardo schlüge –:
earning an artist’s fee of high degree.

Recht so, nicht überzahlt man solches Vieh!
Trau den Auktionen: welchen Künstler trüge
Wind solcher Wucht auf gleiche Höhenflüge?
O gingen meine Sachen weg wie die!

Hatt’ ich nicht ähnlich wie der Farb-Erpichte
leguminöse Blatt- und Fruchtgesichte
luguber auf den Canevas zu ferkeln?

Er machte das mit einem Trick zunichte:
Bald, auf der Klimax seiner Kunst-Geschichte,
erlag er seinen tödlichen Tuberkeln.

Na, neidisch? Willst du, daß der Affe dichte?

Nun gut, das schafft er nicht. Seine Stelle übernehmen vielleicht Computerprogramme: Gedichtgeneratoren. In den ausgehenden fünfziger Jahren und noch mit Röhren-Rechnern experimentierte eine Gruppe um Max Bense mit automatischer Texterzeugung … einer altehrwürdigen Idee. Manfred Krause und Götz F. Schaudt ließen 1967 ihre mit einem ALGOL-Programm produzierte «Computer-Lyrik – Poesie aus dem Elektronenrechner» erscheinen. Im Begleittext zu den vergleichsweise mageren Beispielen («Affen kreischen heimlich Meineide») ziehen sie eine enigmatische Celan-Passage mitsamt der von Hans Egon Holthusen gelieferten Interpretation heran und haben mit der Frage, ob «nicht über Computer-Lyrik ähnliches gesagt werden» könnte, wohl etwas wie den auf Unterscheidung von menschlicher und maschineller Intelligenz zielenden Turing-Test im Sinn. Anders aber als beim beliebten Vergleichsspiel mit «action painting» und «monkey painting» sind Krause und Schaudt anscheinend stolz auf die gelegentliche Annäherung an Texte menschlicher Dichter und nicht drauf aus, diesen mit dem Hinweis «Das kann ein Computer auch» abzufertigen.

Das Enigmatische … ich kann sagen, daß eigentlich alle meine Gedichte – und das ist ja nun nichts Besonderes – über ihre Wörtlichkeit hinausreichen, also voller Geheimnisse stecken. Im Falle von Anspielungen oder Bezugnahmen bemerk- und lösbar, sofern der anklingende anderweitige Textzusammenhang, Um- oder Gegenstand bekannt. «Die Arme sind vom Tragen all der Tüten / so lang und müde, daß die Hand schon krampft», heißt es im Sonett vom Einkaufen im Supermarkt. Lehrhafte Stellennachweise (sofern ichs denn selbst weiß und nicht etwa einer «Kryptomnesie» aufgesessen bin) hätten für mein Empfinden was Peinliches.

Vielfach hat aber Geheimnis zu bleiben, was in Erlebtem gründet. Das dann erklären zu wollen wäre wohl ziemlich rettungs-, wenn nicht taktloser Versuch. «Schau: Der Geist der toten Brasse», heißts in einem Sonett nach einer Deichwanderung an der Elbe oberhalb von Hamburg. Zugrunde lag da ein von Möwen angefreßner toter Fisch … verschwiegen zuvor der tote Igel, weil es die mit dem Gedicht Angesprochene als mehrfache Igelretterin getroffen hätte (aus diesem Grund hatte ich sie auch gar nicht darauf hingewiesen). Ebenso verschwiegen die Beschaffenheit der Luft, von einem minimalen Hauch Kabelbrand durchzogen, denn die Adressatin hätte es bestimmt nicht gerochen und vertrug es nicht gut, an dies Defizit erinnert zu werden. An anderer Stelle: «an uns vorbei ein Krad (erwischt uns nicht)». Dies schwarze Motorrad mit dem Fahrer in schwarzer Montur mußte ins Gedicht, denn als er auf uns zu raste, so daß wir von der Straße weg den Deichhang hinauf flüchteten, sah ich ihn mit den beiden Motorradfahrern aus Cocteaus «Orphée» überblendet.

So sind die Sonette alle von vielfältigen Assoziationsfäden durchzogen. Das Verschwiegene und das mehr oder weniger unauflösbar Verborgene geben die Ober- und Unterschwingungen zum Ton der Gedichte. Da ist es dann letztlich «egal», ob nun wirklich alles rückstandslos aufgelöst ist, was sich unter der «Textoberfläche» regt.

 

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