Abschiede, Epitaphe

Frank Böhm im Meiendorfer Druck 34

Berührung

Die Haut zu Markt, das Fell gegerbt, entstellt:
Ich setz dir Nachtisch vor, den Schaum mit Kirschen.
Der hilft, wenn Sätze zwischen Zähnen knirschen –
die sagen uns, was Bitternis enthält.

Ein Wein noch, eh bei uns die Klappe fällt.
Der Kopf wird voll von Wölfen, Hähern, Hirschen.
Wir gehn mit jedem Wort auf Menschen pirschen –
wir sagen uns, was spät als Schmerz zerschellt.

Auch Kaffee noch? Ganz schwarz, mit reichlich Zucker?
Dann schweigen, uns ums Spiegelbild bestehlen.
Ich leg »Durango« auf, das hörst du gern.

Wir spürens schwelen: nichts für Feuerschlucker.
Wir haben viel zuviele Parallelen –
da liegt Berührung wohl unendlich fern.

 

Grenze

Wer fahndet nun nach unverwehtem Fakt?
Wer spannt die rückwärts eingeschnittnen Netze
zu den Trigonen leergewehter Plätze,
wo schon die Abdrift die Vektoren packt?

Wer pulst dem Wellenfeld von Sand den Takt,
daß Korn um Korn sich Quant um Quant versetze,
entlang den Flächenfugen auswärts hetze,
wo Schichtung schon sich fügt zum Tesserakt?

Im Lug und Trug von flackernden Kontrollen
verkanten steil die aufgebrochnen Schollen –
hielt denn das Kraftfeld Flucht und Sturz im Lot?

Den Grund- und Aufriß nun umreißen wollen
war Eins. Ein Andres hieß: Die Pulse sollen
die Grenze halten zwischen Traum und Tod.

 

Abschied

Was soll uns Trost – wo doch im Krähenflug
die dunklen Kurse schon die Knoten schlugen?
Und Wasser zog der Rumpf durch all die Fugen,
so trumpft die Grundsee dumpfer an den Bug.

In Takelung verschlungen: Lug und Trug.
Ins Segel fuhr ein Sturm, die Stöße trugen
vom Tuch was fort, und Mond und Sonne lugen
durchs Loch – der Sichelkiel verlor an Zug.

Fahr hin! Laß an der Kimmung Dich verschwinden!
Der Himmel schwimmt schon still zu blinden
Gestirnen hin: wie Zirrenspiel zerfiel.

Wir werden Wimpel an die Spieren binden,
ihr Spiel im Wind wird Dich nicht finden –
doch wehn sie Dir zum Gruße: Richtung Ziel.

 

Sandversteck

Hoch aufgerichtet an der Wand vergehn
die Fensterkreuze in vertrackten Nonen.
Die Schattengötzen auf gelackten Thronen
sehn Gruß und Abschied elegant verwehn.

Sind Hand und Fuß mit Halt und Stand versehn,
vertappen rundvereist in nackten Zonen,
wo doch von Kursen die gezackten lohnen.
Wir können den verwehten Sand verstehn.

Der Weg von Tisch zu Bett ist gut vermessen,
wir werden beide nicht zersägen wollen,
solang ein Tuch noch Hieb und Stich verdeckt.

Weht bös! Da sei kein Helm und Mut vergessen.
Weht fort: Was wir noch hätten wägen sollen,
hält sich in uns für mich und Dich versteckt.

 

Einschluß

Atem stockt im Wellengang von Licht,
Strömung transportiert die mitgeschwemmten
Bildsequenzen zu den abgedämmten
Watten … wandelt sie zur letzten Schicht.

Abdruck ist da aufbewahrt: Gesicht,
Kniefall und in einem zugeschlämmten
Reimwerk, dem Detritus eingekämmten
Fingerspuren, letzter Fundbericht.

Ausgekämmt sind Schulp und Muschelscherben,
solln ins Schapp zu Schnecken und Korallen.
Restlicht schließt sie bald in Bernstein ein.

Flut kommt, ebnet ein für neues Sterben.
Wie da Schichten über Schichten fallen,
wächst das Sediment von Stein und Bein.

 

Frühlingsnachmittag

Der Schatten wächst, schon singt der Amselhahn
von seinen hundert Strophen was. Ein Wehen
verschwenkt den schwarzen Birkenast. Wir sehen
gesiebte Kiesel unten: hingetan

als leichtes Rätsel. Lärm der Eisenbahn
wirft sich ins Wort uns. Tut nichts. Wir verstehen:
Wie Geißblatt treibt, will Efeu nicht vergehen.
Wie Bleibaum wächst das Himmelsfiligran.

Von Kiebitz, ersten Schwalben zu berichten
heißt, zu verschallen tief im Labyrinth
der steten Wiederkehr. Wir ahnen das.

So will ich sagen, wie ich sah in dichten
Genossenschaften Lattich über Flint
die Triebe zeigen … denn da blüht uns was.

 

Wohin

Wohin, wenn zwischen Fleisch und Welt die Haut
nie ausgewachsen ist zu Grenzgeweben?
Wenn Regen endlos aus dem hohlen Heben
das Auge auflöst, wo es allwärts schaut?

Aus allen Mündern schrillt der Schattenlaut
und kommandiert zu je versetztem Leben.
Was solls mit all den Wolkenbrüchen geben?
Wo will das hin, was in der Blutbahn staut?

Das Licht zersetzt sich, läßt die Bilder schwinden.
Gesicht, zu oft ersetzt, wird Inconnue.
Der Wortschatz klirrt, bevor er ganz vereist.

Nun sollte sich der Paß zum Grenzsteig finden …
Parole? Paßwortschatz ist längst perdu.
Das Fleisch verwest sich allwärts und verwaist.

 

Schauspiel

Wie hängt ein Bär im Fell, wie fällt ins Knie
die Gliederpuppe, wenn das Kreuz sich neigt?
So flackt ein Feuer auf, die Flamme steigt
und phantasiert sich Form … nur weiß nicht, wie

ein Nu nur zu bewahren wär, denn sie
verläßt im steten Wandel, was sie zeigt.
Der Brand verlischt, und nah im Dunkel schweigt,
was vorher fern mit Flügeln schlug und schrie.

Die Sprungschicht jeden neuen Augenblicks
verwirft sich. Immer hängt sich darin fest,
was hertreibt und bedeuten will, in Sicht,

doch nicht im Griff. Kein Seil zur Hand für Tricks.
Die Tatze tappt durch Rauch zum Aschenrest.
Die Fäden reißen ab. Die Sprungschicht bricht.

 

Aus Nacht und Eis

Ein Bild von irgendwas, ein Zeichen nur …
der Ort ist wurscht, und Zeit spielt keine Rolle.
Es sei ein Stich, ein Riß, sei, was es wolle …
es überrennt den Rand und folgt der Spur

ins Ausgesparte, wo die leere Flur
sich weitet zum Bezirk verirrter Trolle,
von Vagel Griep, Jorinde und Frau Holle,
sich überzieht mit Schatten und Schraffur.

Und kehrt zurück, beladen mit Entsetzen
vor Fall und Sturz in Falten, Schlünde, Spalten.
Das lädt es ab als herrenlose Fracht.

So fügen endlich Schemen, Schutt und Fetzen
sich zum Gewirk gestaltender Gewalten.
In Nacht und Eis wird Feuer angefacht.

 

Für den Kaminsims

RW spricht


Ach weh …! wer rauscht nun durch die Nacht
nach Norden, Süden oder Westen?
Wer lauscht noch nach den letzten Gästen
dem Reden nach, verstummt und lacht?

Wer tauscht die falschen Bärte, macht
das Licht aus in den Kummerkästen?
Wer bauscht nun Sorgen und Gebresten
zu gantz verwirrter Wörterfracht?

Verglasend stocken Wasserfälle,
und junge Sterne stehn verwaist
an ihrer halbverkohlten Stelle.

Obwohl noch Rauch die Augen beißt,
empfängt der Blick versehrte Helle
vom Himmel, wo die Leere kreißt.

 

On a wing and a prayer

Im Abendgrauen ists wie leichter Schritt.
Was kommt uns nun zum Nachtmeerflug shanghaien?
Ein Käuzchenflug führt hin zu kleinem Schreien,
uns scheint: Viel tiefer unten schreit es mit.

Der Film im Kopf läuft hin von Riß zu Schnitt,
ist abgespielt, beginnt schon zu verschneien.
Doch hin ist hin, Kopie nicht auszuleihen.
Erinnert bleibt die Tonspur mit »Kiwitt«.

Was noch? Ein bißchen Bilderflucht von Brandung,
die sacht in Meeresleuchten übergeht,
ein Inselsaum mit Zeichen von Versandung …

Wohin solls gehn? Was meint der Paraklet?
Was reicht denn wohl für letztgewollte Landung?
Ein Flügel nur? Zur Not noch ein Gebet …?

 

Sonett-Sprechsaal

Sonett-Sprechsaal
Der Sprechsaal

Graphik zum Sonett »Wohin«: Frank Böhm

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