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Wolfgang Uster

Wo die Gemütlichkeit aufhört
(Nachwort zu »Vom Schälen der Drachenfrucht«)

Während der Vorauslektüre der hier versammelten Erzählungen, Betrachtungen und Essays von Wolfgang Uster verfestigte sich bei mir der Eindruck, dass sie allesamt von Grenzen verschiedenster Art handeln. Mit Grenzen lässt sich ja alles Mögliche anstellen. Sie lassen sich ziehen, setzen, behaupten, abstecken, hüten, sperren, markieren, bewachen, befestigen, beachten, übertreten, verletzen. Man kann sie aber auch schützen, überwinden, ignorieren, passieren, vergessen, missverstehen, aufheben, kontrollieren, verrücken, verteidigen, erkunden, erweitern, bezweifeln, erfahren … soll genügen, um die Textsammlung »Vom Schälen der Drachenfrucht« unter diesem Aspekt zu sichten.

Am augenfälligsten über und an Grenzen führt die vom Reisen im fernen Süden handelnde Erzählung »Wir leben aus dem Land«. Von solchen Regionen hat Wolfgang Uster schon früher erzählt: In den Gedichten des Meiendorfer Drucks »Dschungelkummer« von 1988 geht es um die Karibik, Yucatan, Australien, Indien und die Philippinen, in seinen Prosabänden »Früher war alles besser« und »Erfelyk« von 2018 bzw. 2020 tauchen unter anderem auch Nepal, die Philippinen, die Kapverden und Nordvietnam in Erinnerungssequenzen auf.

Mit der Betitelung »Wir leben aus dem Land« ist ein Prinzip formuliert, das voraussetzt oder abverlangt, »vom Urvertrauen beseelt« zu sein, »schon an irgendwelche Ernährungsmöglichkeiten gelangen zu können«, wie es in der Erzählung heißt. Das führt an innere Grenzen, wenn es – dessen ganz und gar ungewohnt – etwa darum geht, ein eingefangenes verirrtes Schaf, das einem in die Augen sieht, nun auch zu Tode zu bringen. Die zur Überschreitung dieser Grenze nötige Überwindung erweist sich als »von Schuldgefühlen durchwoben«. Nicht zu reden von den Zumutungen des beunruhigend weit ausdeutbaren Credos des Freundes und Dschungelnomaden Quang: »Was sich bewegt, kann man auch essen.« Hinzu kommen Erfahrungen mit Krankheit oder Verletzungen, where there is no doctor. Für alle, die daran gewöhnt sind oder gar dazu konditioniert, beim Reisen rundum versorgt und abgesichert zu sein, gewiss weit jenseits der Grenzen des Vorstellbaren.

Wie von Wolfgang Uster gewohnt, beschränkt er sich nicht auf die Schilderung von Widrigkeiten und Widerfahrnissen, sondern erfasst zugleich möglichst akribisch, was sie in Verstand und Gemüt anrichten. Was geschieht da, wenn etwa das »Urvertrauen« erschüttert wird, weil es an eine Grenze stößt. Oder wenn in der Erzählung »Augenblau« entdeckt wird, dass im eignen Innern irritierenderweise eine Grenze fürs Handeln erscheint, die gemäß hehrer ethischer Standards dort gar nicht sein darf. Im Maskenspiel der Erzählung »Eine Maske für alle Fälle« geht es insoweit um die – in diesem Fall als Schutz vor Infektion gebotene – Begrenzung zwischenmenschlicher Kommunikation, als Mimik als »Kanal« für Nonverbales ausfällt … zudem ist kein Lippenlesen mehr möglich, wie ein recht schwerhöriger Freund von mir beklagt. Auch das aus demselben Grund gebotene »Social distancing« klingt an, das auf seine Weise ebenfalls mit Grenzen zu tun hat: Es zwingt störenderweise dazu, die Grenze des vertrauten Personen vorbehaltenen Raums um uns herum für viele dort Zugelassene zu sperren und die bisher in diesem Raum als unvermeidliche Alltäglichkeit hingenommenen »Unpersonen« im gestopft vollen Bus, auf Fußwegen oder vor der Supermarktkasse plötzlich als gefährliche Grenzverletzer zu empfinden.

Zwei Erzählungen handeln von Übergriffen, die ja Grenzverletzungen sind. In einem Fall wird jemand zum Spielzeug einer hierarchisch höher Rangierenden, im andren Fall – und das erinnert ein bisschen an nicht geheure Geschichten von Stanley Ellin und Raold Dahl – nimmt eine gesichtslose Macht jemandem peu à peu jede Autonomie. Selbst die Erzählung »Hund und Hand« mit ihren Karikaturen handelt von Grenzüberschreitungen, denn so, wie die vier Episoden ans Groteske streifen, streichen sie heraus, wie sich Handlungsweisen aus dem Bereich des Gewohnten, für »vernünftig« Gehaltenen, als »normal« Vermeinten hinaus verirren können. In »Phoebe und Phobos« finden sich die Protagonisten am Ende rettungslos im Niemandsland zwischen interpersonellen Grenzziehungen gefangen. Weit argumentatorisch ausgefächert, erkunden die beiden essayistischen Interludien, »Vom Schälen der Drachenfrucht« und »Die vierte Kränkung«, wie sich in der Literatur Kunsthandwerk von Kunst abgrenzen lässt beziehungsweise wo festgefügtem Selbstverständnis bestens belegte Wahrheiten »zu weit« gehen.

Doch vielleicht ist es gar nichts Besonderes, dass ich hier auf so viele Grenzen gestoßen bin. Robert Musil dachte über die Frage nach, worin sich Kunst und Kitsch voneinander unterscheiden, und kam zum Ergebnis, dass Kitsch die Welt zeige, wie sie gewünscht wird, und Kunst sie zeige, wie sie gefürchtet wird. Letzteres scheint mir auf Wolfgang Usters literarische »Produkte« zuzutreffen und lässt mich eine Behauptung wagen: Literatur welcher Art auch immer wird von dort ab interessant, wo die Gemütlichkeit aufhört.

Robert Wohlleben