Robert Wohlleben: Little Boy & Fat Man

Zu www.fulgura.de mit Navigations-Kolumne

Meiendorfer Internet-Miniatur Nr. 2
Ottensen
im Mai 1998




LITTLE BOY & FAT MAN

EIN FESTSPIEL
IN DER NACHT VOM 8. AUF DEN 9. MAI


8. Mai Feiertag




Bühne stellt eine Moränenkuppe mit windverblasener Kleineiche dar, flauer Himmel mit ausreißenden Wolkenfetzen drüber. Aus der Ferne Marschmusik und Sirenen.

JENS CORDS wendet seinen Spiegelreflex ans Publikum:

    Bedenkig, gierig, eingekunnt,
    kommt all ins Photo, tucketucke.
    Der Mensch, ins Paßbild eingespunnt,
    teilmächtig, haftig, voll,
    entwickelt und fixiert mit Spucke,
    darf doch, was er soll!

WOHLLEBEN von ungefähr hergelaufen, entrollt ein Photo der Meiendorfer Schweiz und demonstriert Echte Freiheit:

    Das war immer so,
    und das bleibt auch so,
    sei doch froh!

    Es ist kein Gemüt
    so abgebrüht,
    es rupft doch wohl selber
    wie Lämmchen und Kälber,
    was grünt und blüht.

er schwenkt eine weiße Fahne

    Die Luft geht um Zweige und Haar,
    Gefiedertes nistet sich ein.
    Vielförmige Wolkenschar
    schmiert Schatten auf Sand und Stein.

    Ein feindlicher Kampfverband
    im Anflug aufs letzte Verhau
    träumt Wölkchen ins Himmelsblau:
    Die Flak hat ihr Ziel erkannt.

    Da splittern Gesträuch und Kraut
    um Menschen, Wind und Getier.
    Die Landschaft dünt abgeflaut,
    der Horizont endet hier.

Photo aus Hans Brunswig: Feuersturm über Hamburg

JENS CORDS markiert die Panzerspuren im Photo mit Meiendorfer Pfeilspitzen:

    Verdämmt, die Landschaft hieroglypht
    zermergelt, lehm- und lössig.
    Der Plumpsack geht rum,
    elektronisch geprüft
    und finster zeitgenössig:
    Wiedebumm.

    Hier rostet Kraut und welkt der Stahl
    gangränig und zerfließlich,
    und drehst du dich um
    nur ein einziges Mal,
    zersetzt auch du dich schließlich:
    Wiedebumm.

    Und stark gefühlsecht bleckt den Blick
    dein bleiverglastes Auge.
    Da lachst du noch dumm
    und erwägst, ob ein Strick
    als dickes Ende tauge …
    Wiedebumm!

er zeichnet ein Schild ins Photo ein, schwarze Schrift auf Goldgrund:

    MILITÄRISCHER
    SICHERHEITSBEREICH
    VORSICHT
    SCHUSSWAFFENGEBRAUCH

mit Rot unterstreicht er die Wörter SICHERHEIT und SCHUSSWAFFEN.

WOHLLEBEN während es von oben wie schwere Tische über ferne Fußböden schurrt, leise Untermalung durch allseitiges Sirenengeheul:

    Der Himmel endet blind im Knick,
    nicht mehr unendlich endlich.
    Da grins ich mich krumm:
    Der verbogene Trick
    bleibt schändlich unverständlich:
    Wiedebumm.

KOHLENKLAU die schwarzbehütete Silhouette vorm inzwischen gelbbrandigen Himmel, kuckt hinter der Eiche vor:

    Zusammenbruch und EVG
    bringt Butter bei die Fische.
    Hie Morgenthau, hie ERP …
    was recht ist, geht ins Portemonnaie
    und reicht fürs Rechnerische.

    Weil Deutscher Gruß und Deutscher Blick,
    die kommen doch von Herzen!
    Und mit dem Fünf-vom-Hundert-Trick
    klappt Deutsche Treu wie Kattenfick …
    da bleibt nix auszumerzen.

    Doch pst! der Böse Feind hört mit
    und geht uns an die Gräten.
    Behüt’, daß ihm das Metz ausglitt’
    und tiefer ins Gesunde schnitt’,
    als daß wir’s mögen täten!


WOHLLEBEN holt eine Streichholzschachtel mit Kohlenklaubild vor, reißt ein Streichholz an, bläst es wieder aus, als Kohlenklau sich zurückzieht.

LITTLE BOY STAN + FAT MAN OLLIE schweben an Fallschirmen hernieder und geben eine Probe ihres Talents:

    So ein Knall so wunderschön,
    so ein Tag so wunderjüngst
    wie heute.

Sie werfen unsre Schatten für immer an die Theatersaal-Rückwand, die starr Spenglers Banner zeigt.

KOHLENKLAU aus dem Hintergrund:

STAN + OLLIE hopsen rum, Schlips und Dokumentenkoffer, pieksen sich gegenseitig in die Augen:

    Wir spielen Soldat,
    da fällt dir die Hand ab.
    Verspielen den Staat,
    da kocht dir die Wut hoch.
    Geht’s dir auf die Naht?
    Ach mach doch ’n Abgang!

WOHLLEBEN in der Pessimismus begründenden Pose eines Great Artist:

    Wir hören von einem andern Blatt
    das Wort für immermorgen:
    Wer Soldaten hat,
    braucht für den Schrott nicht zu sorgen.

KOHLENKLAU:

    You always FORGET the bad times.

JENS CORDS plötzlich ganz Ernst im Herzfelde, montiert Laurel + Hardy ins Photo der Meiendorfer Schweiz:

    Potz Friedrichstraße und Watts!
    Wer soll wenns krätzt die Krätze krätzen,
    wer weidet sich an einem grünen Rotz,
    wer wird das Schwein zur Infanterie versetzen?

    Potz Schäferhundclub und Schreber!
    Wer wird allen Grind zu Grind vergrätzen,
    mit Tesa dick verpappt und Alleskleber
    dem BILD den ruhig-festen Tritt versetzen?

er rundet die Montage mit tausend Gartenzwergen ab.

WOHLLEBEN ziemlich viel leiser hinterher:

    Potz Wehrsportgruppen und Grohnde!
    Wer wird wen chemicalmäßig hetzen,
    wer heult mit Laika nach dem Mann im Monde,
    wer geht sein letztes Kettenhemd versetzen?

    Potz Razzia und Hit-and-run!
    Wer geht da hin, sein Messer wetzen?
    Er schneidt schon besser, wird wohl wann
    mit Gift und Galle uns die Luft versetzen.

KOHLENKLAU:

    Potz Godesberg und Ahlen!
    Wer ochst Geschichte aus den Fetzen?
    Los! Get your hair cut! Wer glaubt den Normalen?
    Die Zukunft wartet. Wer wird sie versetzen?

Einer von den eingeklebten Gartenzwergen nur einer von tausend, macht sich vom Uhu frei, stürzt zum Bühnenhintergrund, sprüht mit schwarzem Farbspray drauf:

    LASST EUCH NICHT BRDIGEN!

STAN LAUREL mit echt markiertem Weinen in der Stimme, wie der Radioansager bei Kriegsende:

    Pest, du weiseste Sibylle!
    Groß wie Tollkraut, Schierling, Mohn!
    Unsre heimlichste Idylle
    ziert enthäutet deinen Thron.

KOHLENKLAU ALS STIMME VON OBEN (ein fallender Blockbuster heult dazu):

    You ALWAYS forget the bad times!

JENS CORDS + WOHLLEBEN jetzt so einigermaßen einig, verlassen unter Absingen der dritten Strophe die Bühne:

    Gottvertraun und Murks und Geilheit,
    Blindnis, Tücke, Unverstand.

Die Zuschauer machen sich gegenseitig ihre Sandkuchen kaputt, nehmen ihre Förmchen und verschwinden.
 

Die Erstfassung mit dem Titel »Cordsüber, cordsunter« entstand für Jens Cordsens Rahlstedter Ausstellung »Schöne Landschaften holsteinischer Provinz« und wurde auf der Eröffnung am 7. April 1972 »zu Gehör gebracht«.

Rechte bei Robert Wohlleben