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Landschafter hinterm Kameraauge

Jochim Maack lernte ich 1987 kennen. 300 Stücke von einem kleinen roten Buch Donnerwetter wollte ich drucken lassen und ging zu Mottendruck … von wegen Druckerei in Mottenburg = Ottensen. Jochims Compagnon Andreas kuckte mich etwas ungläubig an: »Mach zehntausend, das wird billiger!« Ich verstand ihn, rechnete aber anders. Jedenfalls hatte ich damals die Drucker für meinen Anführungszeichen-Verlag gefunden. Hab auch seither Jochim als Photographen erlebt, zuerst in der Landesbildstelle in der Kieler Straße: Baumrinden, Flechten, verwitterte Zaunpfähle ganz nah erkundet. Sehr holsteinisch, sozusagen. Vergrößerte – und dadurch verrätselte – Details auch damals schon Motiv fürs Lichtspiel seiner Leuchtobjekte.

Ich weiß von Jochims barfüßigem bäuerlichem Herkommen aus dem pinnebergischen Prisdorf. Ich war noch nie da, um es mir mal anzusehn. Obwohl es doch, laut Website des Amts Pinnau, »inmitten einer ruhigen Idylle aus Wäldern und Wiesen« liegt. Beschaulich also …

In Südamerika war ich ebensowenig. Doch wenigstens hing schon im elterlichen Wohnzimmer ein großes Sehnsuchtsbild als Hinweis: die Fünfmastbark Potosi, kurz vor 1900 für Salpeterfahrt um Kap Horn gebaut. Als Junge fand ich reichlich Lektüre in Papas Bücherschrank, vieles führte in die Ferne. »Alfred Wegeners letzte Grönlandfahrt«, Johannes Gillhoffs »Jürn Jakob Swehn, der Amerikafahrer«, Wilhelm Filchners »Sturm über Asien«, Hermann Köhls »Bremsklötze weg!« Als höchst spannend in Erinnerung »Dem Glücke nach durch Südamerika« vom abenteuerlichen Kurt Faber. Der Bilder wegen reizvoll der »Silberkondor über Feuerland« vom Tsingtau-Flieger Gunther Plüschow, 1931 vorm Perito-Moreno-Gletscher tödlich abgestürzt. Blieb alles Lektüre …

Jochim reiste hin zu solchen Bildern, gut fünf Jahre her. Viel, viel Landschaft in Totalen und Detailansichten. Schneegipfel, Gletscher, nackt erodierte Felsformationen, auch hinein zur Höhlenwand mit den tastenden Händen. Wasser, wie es fällt, fließt und nebelt. Bäume von Wind und Wetter verkrümmt, knorrig verwittert, versteint. Keine Menschen zu sehn. Ganz selten »Gebild von Menschenhand«, verrostet, wie die Wracks an der Magellan-Straße. Ist noch nicht so lange her, daß Jochim die Kamera auf Buenos Aires richtete.

Ich glaub, ich versteh schon, wie’s einem geht, wenn der Atem stehnbleibt bei Ausblicken wie auf einen fremden Planeten. Mir gings so auf einer kleinen Sunda-Insel. Bei Jochim ist es das südliche Südamerika. Pablo Neruda suchte in einem Notat von einem Überflug, sieben Jahrzehnte her, solche Dramatik zu fassen:

    Der weite Flug, die Luft
    so unbegreiflich, die Kraterspiegel,
    kaltes Mondlicht
    über die Vernarbungen gegossen,
    kalkhelles Loch in verletzter Hülle,
    gefrorenes Adernwerk,
    gehetzte Folge von Quarz, Weizen, Morgenröte,
    Schlüssel zu verborgenem Gestein,
    die grausige Route
    hin über den zerklüfteten Süden,
    das Sulfat, wie es schläft
    in seiner Gestalt
    ungeheurer Geographie,
    und die Tönungen von Türkis,
    vorbeigedreht an zerhacktem Licht,
    an bitter vor sich hin blühendem Gezweig,
    an weitläufiger Nacht des Dickichts.

Ergriffenheit sucht sich ihren Weg, bei Neruda in die Wörter, bei Jochim in die Photos. Auge am Sucher, Finger am Auslöser. Um sie zu halten und weiterzureichen.

Vor Jahren, als Jochim noch auf seiner australen Pilgerreise war, schrieb ich ihm ein Sonett für unterwegs. Das zielt zwar viel weiter nach Norden, wo’s wärmer ist (und wo Jochim nicht war), wollte mir aber passend scheinen:

    Anflug (Ebene von Nazca )

    Die Trajektorie stimmte. Doch sieh an:
    Voraus ein Netz von wirren Landebahnen,
    verzackte Linien, die sich quer verzahnen,
    wie’s niemand niemals nicht berechnen kann.

    Wer hat sich da verscharrt und hat sich dann
    verirrt im Wahn, dem endlos filigranen
    Gewirk, als könnt er über Kopf entahnen,
    was jetzt der Kurs wär … oder irgendwann?

    Nach nirgendwo in aller Weit- und Breite
    all rückwärts Eingeschnittnes abgesteckt.
    Da ist nichts mehr mit sicherem Geleite.

    Wir starten durch. Und bleiben unentdeckt
    das stets Vermale- oder -benedeite,
    das ewig unbekannte Flugobjekt.

Robert Wohlleben
(zur Eröffnung von Jochim Maacks Ausstellung
»Der Flug des Condors«
im Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut)


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