Zu www.fulgura.de mit Navigations-Kolumne

Nachdenken übers Sonett


<<<<<<<<<<
Warnung
>>>>>>>>>>

Hier zitierte (und kommentierte) Sonette:

Richard Klaus: Pranken
RW: Bild
RW: Übertragung von Nr. 97
RW: Übertragung von Nr. 119
RW: Soundsovieltes Liebesgedicht
RW: Alt werden
RW: Feuerlied
RW: Gegenüber Zollenspieker im Dezember
RW: Thule
RW: Törn
RW: Sonnenstern
RW: Großaufnahme
RW: Wortbruch




Ottensen, Sonnabend, den 22. Oktober 1988

Lieber Richard Klaus!

Wohin und wozu, fragen Sie sich/mich in Ihrem Brief. Eine Abgrundfrage, scheint mir. Da denk ich an meinen – nie realisierten – Traum einer »allgemeinen Feldtheorie«: Was in den Köpfen vor- und in die »Welt« hinausgeht, als »Feld« verstanden, das sich immateriell und doch spürbar mit unabsehbar vielen Polen in und zwischen »uns« aufbaut & ändert, ändert, ändert … entlang / auf / parallel zu den »Achsen« der Verzweiflung? – – – Vorgestern nacht hörte ich im ARD-Nachtrock ein Lied mit dem Titel »God is a tender pervert and the angels are voyeurs«. Das hatte was!

      Pranken

      Am Irawady harren gelbe Schlangen
      der Pranken und der Lefzen, die verschlingen,
      indes Taifune aus dem Orkus singen,
      darin Titanen gelbe Magma wrangen.

      Sie wollen hin zum andren Saum gelangen,
      um Opfer unversehrter darzubringen,
      doch steht im Sternenzeichen kein Gelingen,
      denn jeder Hoffende bewahrt sein Bangen.

      Es springen gelbgescheckte Körper an
      wie Türme groß und sprühen nasse Flocken,
      zerschmetternd auf den Molen die da hocken.

      Und über allem thront gewölbt ein Bann
      in Sichelform mit scharf gewetzter Schneide
      und fährt durch nacktes Leben wie durch Seide.

      Robert Wohlleben gewidmet

Die Pranken: Auch darin spür ich eine »Weltformel« umschreibend gepackt. Tödliche Kräfte, Kraftströme. An die gewalttätigen Bilder in »Berge, Meere und Giganten« gemahnt’s mich, ein kalter Hauch am Ende, wie er ähnlich aus Poes »Grube und Pendel« weht. UND die Achsen der Verzweiflung ergeben darin ein undurchdringliches SCHNITTmuster. – Dank!

den 10. Januar 1989

Lieber Ernst-Jürgen Dreyer!

RW angelt in der RahlauDer lydische Sand [»Mit Bleistift« beginnt: »Aus welcher Wüste stammt der Sand im Auge?« – EJD hatte etwa gleichzeitig von Marinetti übersetzt: »Im Auge trage ich den lydischen Sand …«] … eigenartig, wie das augenblickliche Zeitsegment zum Focus zu werden scheint. Der lydische Sand als Antwort auf meine Wüstensandfrage. Kurz vor Weihnachten schenkte mir jemand eine Schneekugel, schneeumwirbelt darin ein Junge, dunkelgrüner Hut, hellgrüner Kniehosenanzug mit Gürtel, rote Kniestrümpfe, schwarze Schuhe. Ganz PERPLEX, holte ich ein Kinderbild: ich so etwa vierjährig in einer Schneelandschaft, dunkelgrüner Hut, hellgrüner Mantel mit Gürtel, rote Gamaschenhose, schwarze Schuhe. Kurz nach Weihnachten griff ich zum Telefonbuch, suchte die Adresse von jemandem, an den ich jahrzehntelang nicht gedacht hatte, fand ihn nicht. Ein paar Tage später erzählte mir – ohne daß ich danach gefragt hätte – ein Uraltbekannter, inzwischen in Bremen, am Telephon, daß der von mir Gesuchte »vor ein paar« Tagen gestorben sei. – Und fast zur Qual wirds mir, mich abends zum Essen ins Restaurant zu setzen (tu ich oft, weil ich mich seit einer Weile nicht gut »bekoche«)… allein die Stimmbilder (Worte unverständlich), die Bewegungsmuster mancher Menschen um mich herum zwingen zum Einblick in Existenzen zum Schaudern und Frieren. Bekommt mir immer nicht gut.

Ein süßer Sog zu magischem Empfinden. Ein kalter Sog. Doch DA geh ich nicht rein! Das alles ohne Erklärung zu lassen, soll genügen, ist ja eine ehrliche Bedingung für Menschen. – Mit Logiken, die über die zweiwertige hinausgehn, kann ich ja auch längst gut leben.

13. Februar 1989

Lieber Richard Klaus!

Beim Tippen der Salome gings mir aber am Schluß so, daß ich (wieder) »die Finger nicht bei mir behalten« konnte … und da hab ich mal am Schluß probeweise am Text geändert: Grund waren »Wie-Vergleiche«. Darauf reagier ich ja immer so »empfindlich«. Ähnlich wie auf »Relativsätze« oder auf Sätze, »die unvollständig geblieben« Punkt. [Mir so ganz »persönlich« gehts halt so, daß solche Formulierungen mir so »ungern« in die Feder/Mine/Tasten wollen (nu gut: Relativsätze sind schon passiert) tiefstzuinnerst bin ich überzeugt, daß es immer auch »anders« gehen MÜSSTE.] Auch an andren Stellen war ich versucht, in diesem Sinne »einzugreifen« (was ’n hartes Wort!) … Sie werden ahnen, wo. Aber das Gespräch mit Lena anderthalb Meter neben mir, an ihrem »Lesetagebuch« für den Deutschunterricht in der Schule arbeitet sie, war »davor«.

[Klaus M. Rarisch kommentiert im März 1999]

Mit so was tut auch Klaus M. mir einen äußersten »Tort« an … oftmals inbrünstig »stöhnend« nur tipp ich die Geigerzähler-Sonette ab. Was recht »sukzessive« geschieht, da Veröffentlichung ja mehr mittel- bis langfristig erst zur Debatte steht.

Stempel RWGanz deutlich ist mir, wie Sie und Klaus M. sich ganz verschieden ANFÜHLEN. Wird mir so deutlich im Umgang mit den Gedichten von Ihnen und ihm. Ihnen gegenüber hab ich überhaupt keine Scheu, mal »Varianten« zu erwägen … Klaus M. gegenüber: O WEI! Aus diesem Stoßseufzer spricht Erfahrung. Er ist halt so aufs Äußerste »verteidigt«. Das nehm ich ihm ja nicht übel (»man« denke an MEINEN Stachel-Stempel!). ZU SCHNELL gehts ihm im Falle solcher Anmerkungen drum, wer RECHT hat, ganze Schreibmaschinenseiten mit Erklärungen – hatte ich doch schon alles gewußt!!! WAS FÜR EIN MISSVERSTÄNDNIS.

Aber auch: Neulich hat er eine Änderungserwägung akzeptiert.

Ja: Auf den poeta doctus rechnet er sich raus (»gebongt«). Aber wenn er so sein »System« des Dichtens entwickelt … schlackere ich doch mit den Ohren. Statt Honig draus zu saugen, zuck ich eher die Achseln. Fremd bleibts mir, die Verfahrensvorschriften entlegen … und DOCH bin ich – wieder »tiefstzuinnerst« überzeugt, daß auch meine mehr rausgerotzten als durchgerechneten Gedichte – derer ich so oft so wenig gewiß bin – »auf die Dauer« (und nach aller gebotenen Änderung) STANDHALTEN.

[Klaus M. Rarisch kommentiert im März 1999]

Mein Eindruck: Daß wir uns da ähnlich sind.

Was Sie an Verständnis des »Bild«-Sonetts (das mir ein äußerst schwieriges ist – mehrere Wochen hat das Wachstum gebraucht – und ein entsprechend ungewisses) signalisieren, tut mir wohl. Erste und einzige Stellungnahme bisher von Ernst-Jürgen Dreyer: Es erschlösse sich ihm nicht. Gezweifelt hab ich da.

      Bild

      Zerkratzt auf 6 mal 9 mit Büttenrand,
      die tiefsten Schwärzen zeichnen Gras, die lichter
      geschnittnen Schatten stanzen die Gesichter …
      erstarrt, da Licht zu lang im Photo stand.

      Die Haut im Bild ertastet meine Hand,
      die Seide, Haar, und was da hing als dichter
      Geruch von Schweiß, Perfum, Aromen schlichter
      Gewächse – Flechte, Pilz – an feuchter Wand.

      Von hier und einstmals wachsen die Myzele
      durch aller neuen Bilder Fleisch und Flaum,
      auf daß ich mir, was hin ist, wiederstehle

      und nachspür im Gewebe jedem Saum:
      Ich find nur EINE Stirn, nur EINE Kehle …
      auch Bauch und Haut und Haar: seit je im Raum.

Und »William«: Der Druck der Officina Serpentis (aus DER Quelle in meinem Besitz Holzens Einführung zum Phantasus) hat ihn wieder aufgewirbelt. Grad hab ich versucht, Ralf Thenior dazu anzustacheln, mit Hilfe von 97 und 119 etwas wie einen Übertragungswettstreit in Gang zu bringen … mal sehn, was kommt! (Ralf als »Berufsschriftsteller« kennt VIELE Leute.)

den 26. Februar 1989

Lieber Richard Klaus!

Mit dem zweiten EISPRUNG hab ich mich befaßt. Sehn Sie sich mal an, was ich da zu Papier gebracht hab. Meine Fragezeichen geistern nämlich immer noch durch den Text (und gehn Ihnen HOFFENTLICH nicht auf die Nerven).

ÜBERAUS SPANNEND zu beobachten, wie Sie den Ton Ihrer Sonette kneten, formen! (Aber nun solls nicht dieser Sensation wegen sein, daß ich »einrede«.)

Die »ernsten« Gedichte stehen GUT zwischen den andern, find ich. Insbesondere den Bogen zwischen den »Tupfern« im ersten und im letzten ist mir … ich weiß gar nicht wie.

Nachgetragen noch zur OP: »Hort der Väter« will einfach nicht in meinen Kopf. Im Verlauf des Sonetts entstehen schneidend »sachliche« Bilder, die Naturdokumentation überblendet. So ist ganz dem Hörer oder Leser anheimgegeben, den Verlauf des zugehörigen Empfindens abzutasten (aufzusaugen wie ein Tupfer). Der Hort der Väter gehört nach meinem Verständnis aber in eine hier ganz FREMDE Sprache … die impft Verständnis ein, statt es hervorzurufen. –

den 3. März 1989

Lieber Richard Klaus!

Die Tröpfe: Ich hab immer noch »so meine Schwierigkeiten« mit Zeile 11 … »weshalb letztendlich übrigbleibt nur Bier« erscheint mir als der »verrenkte« Satz: » … weshalb letztendlich nur Bier übrigbleibt.« Ich meine: Wenn zwischen dem zunächst subjektlos abgeschlossenen Satz (»weshalb letztendlich übrigbleibt«) und dem dann als »Endstation« nachgelieferten Subjekt Bier eine Zäsur gekennzeichnet wär (durch Doppelpunkt oder drei Punkte oder Gedankenstrich), würde diese allerbanalste »Lösung« wie ein geblähtester Ballon emporsteigen. Die Bestie: Wie die neue letzte Zeile Bestie und Opfer in die Dschungel »fügt«!!! – Ich wünsch mir nur: das letzte Terzett als Fortführung des ersten, also etwa einen Doppelpunkt (oder Gedankenstrich oder drei Punkte). – Die Anführungszeichen ums Irgendwann in Zeile 12 empfind ich als ZU viel »Schummerung«, wo das Irgendwann doch schon genügend schummerig-unbestimmt ist.

OP … der schmerzhaften Sperrigkeit des Gedichts entspricht es wohl allzu gut, daß ich abermals beim Schluß Widerstand empfinde. Da ist einmal die »Fracht« … die sich aus den zuvor mit ihren Segeln präsenten Seglern ergab … ? ABER: Sie springt so unvermittelt raus aus den bis dahin durchgehaltenen Bildwelten von »Landschaft« und »Chirurgie«, wird auch überhaupt nicht aufgenommen und weitergeführt … »frustiert« mich schlicht. – Dann: »nimmt über« … wörtlich übersetztes »takes over«? Ich kann aber das sprachlich gebotene »übernimmt« nicht so einfach »zerhacken«, denn das trennbare Verb »übernehmen« liegt bei mir in solcher Bedeutung fest: »Das Boot nimmt Wasser über« … d.h. Wellen schlagen hinein (auch kein übles Bild!). – Und noch der »Erlösungstäter«: Das in seiner Auflösung höchst verzwickte »Compositum« (derjenige, der mit seinem Tun Erlösung bewirkt) irritiert mich insofern, als ich bei diesem SCHREIENDEN Gedicht einer grandios LAPIDAR »einfachen« Kadenz ÄUSSERST bedarf. – Ich hoffe, mein »Widerstand« ennuyiert Sie nicht! Mögen Sie übers dritte Terzett noch mal »drübergehn« … ?

Ach ja, zu OP auch noch: »… rinnt es dünn und hell« ging mir viel näher als »dünn und schnell«. Bei der ersten Version assoziiere ich wohl arterielles Blut oder Gewebsflüssigkeit, das Bild macht schaudern. Das »schnelle Rinnen« dagegen bleibt fast ohne Bild bei mir. (Eine Änderung würde zwar die Alliteration kosten, für die ich »immer zu haben« bin, aber …

den 23. März 1989

Lieber Richard Klaus!

Ja: In den 3 neuen Meiendorfer Drucken ist schon eine SONDERBARE Dreifaltigkeit versammelt! Gestern abend hab ich mal versucht, etwas wie Waschzettel nachzuholen, um sie beim Versenden von Rezensionsexemplaren beizulegen. Da fiel mir im Verlauf der Arbeit auf, wie alle drei Kurztexte auf das Wort »Grenze« rausliefen.

In Ihrem Brief vom 22. sprechen Sie von einer »Schwelle« … ich seh daran, daß unser beider Wahrnehmung uns zu ähnlichen Befunden führt. Am Grinsenden Vater fallen Ihnen die Schatten auf … ich spreche von den Schattengrenzen in meinen Sonetten. Bei Volkmann hör ich Wortmosaiken klirren (sicherlich sprachlos und kalt). Sie sehen ihn stanzen und meißeln (bei diesen Tätigkeiten hört mans auch brechen und klirren), also AUCH an Bildwerken arbeiten. Ihren Spott hab ich eben in den kleinen Text über Sie übernommen (zuvor rührten nur »seine Gedichte« an die Schmerzgrenzen), die Bitterkeit und Trauer hab ich noch »draufgelegt«.

den 25. März 1989

Lieber Ernst-Jürgen Dreyer!

Rechtzeitig (?) zu Ostern hat der Klein- bis Scheinverlag gejungt: Die 3 neuen Sonetthefte sind DA. [MD 15, MD 16, MD 17]

Ich habe mir ja eine merkwürdige »Dreifaltigkeit« arrangiert: Dieter Volkmann, der Korsakow-Fall … Richard Klaus, der Kriegsinvalide mit den gelähmten Beinen … da frag ich mich doch, was es denn bedeuten soll, daß ich mich zwischen diesen beiden angeordnet hab.

Als ich an diesem Waschzettel-Ersatz schrieb, stellte ich plötzlich fest, daß alle drei Kurztexte auf das Wort »Grenze« rausliefen. War nicht geplant. Ich bin nun gespannt, ob die Sonetthefte Aufmerksamkeit finden. Oder ob sie auf triviale Mißverständnisse hin als »unzeitgemäß« klassifiziert und abgetan werden. – Der jakobinische Klaus M. Rarisch hatte Volkmann-Klaus-Wohlleben schon als Sturmtruppen in eine Schlacht ums Sonett werfen wollen … da bin ich aber sofort desertiert. Mir scheint: Den Een sin Gral is den Annern sin Gummiball.

aber später doch:
ZENTRALVERLAG FÜR SONETTWESEN!!!

merkt Klaus M. Rarisch unterm 18. III. 1999 an

(Tja, so gehts mit den »Überzeugungen« …)

den 6. April 1989

Lieber Ernst-Jürgen Dreyer!

Was heißt: unverdientes Freundschaftszeichen?! »Ich möchte doch bitten!« SO viel Zurücknahme von Ihrer Seite ist ganz unakzeptabel.

Das fehlende t im Vogelflug indiziert Bearbeitung. Ich hab halt meiner spontanen Ausdrucksprägung nicht getraut. Hab sie bei der Überarbeitung (Zeile 11 auch) gegen die im Wind wachsenden Verlorenheiten gewogen und sie im Erschrecken über den darin anfliegenden Schrecken in die, nu! Normalsprache zurückgeholt.

Die erste Fassung im anliegenden Heftchen. Dessen erste »Auflage« entstand als Festgabe für meine Geburtstagsgäste am 15. Juli 1986. Datierung fürs Heft hier sollte der 5. März 1987 sein (80. Geburtstag meines Vaters). Erst als es fertig kopiert war, hab ich gemerkt: Die 5 ist unterschlagen, statt der 10 versprochenen Sonette sind 12 drin … also Fehlleistungen, Fehlleistungen, nichts als Fehlleistungen. Was wollte ich mir damit sagen?

Kleve 7.6.86Wohnung und Interieur sind Wiedergaben nach Typoskripten, die ich noch meiner alten Tippa verdanke, zu Anfang des Studiums angeschafft und schon bald im Vorortszug mal beim Aussteigen vergessen … da fuhr sie hin. Kalt angefaßt hat mich erst jetzt das Todesbild in der Formulierung »Auge starr und Iris kalt«. Hab ich damals nicht »gemerkt«. – Siebenschläfer hat die »Zeit« mal gedruckt. Das Trinkersonett abgedruckt in der Anthologie »Das Buch vom großen Durst« (Fackelträger), das Klevesonett in »Sind es noch die alten Farben« (Beltz & Gelberg). [Ich wollte am 7.6.86 zur Brokdorf-Demonstration, war in einem Bus vorn im Hamburger Konvoi, der von sehr starken Polizeikräften bei der winzigen Ortschaft Kleve abgefangen wurde … es war wie Krieg … die Polizei hat Autos in Brand gesetzt … jetzt im Moment bringt die Erinnerung mich wieder zum BEBEN … dem »Hamburger Kessel« am 8.6. bin ich nur deshalb entgangen, weil ich mich an diesem Sonntag schon mittags zu einer Sitzung »unsrer« Prüfungskommission auf den Weg machen mußte.] Grabschrift auf Dagmar Buchholz (eine Liebe, mit 32 an Krebs gestorben) gehört in den horen-Abdruck des Rotkäppchens. Auch Mareike Menz und Sibylle Wehner sind Lieben in jeweils wieder ganz andren Schattierungen.

Das Winkeleisen als gestalterische Matrix für die Maurerischen Sonette verdank ich einem Journalisten, dem ich 1961 als Wirtschaftsredakteur bei »Erdöl und Kohle – Erdgas – Petrochemie« nachfolgte. Er ist Freimaurer, »natürlich« hab ich bei ihm nachgefragt. Von ihm auch der Einfall, ein E im Titel zu sparen.

»Im Käfig gehn die gelben Lichter aus.« – Der Panther.

Im EISPRUNG II sind Macher und Verdämmernd in der von Klaus M. Rarisch überarbeiteten Form wiedergegeben. Bei andren haben Richard Klaus und ich in vielem Hin und Her um Formulierungen gerungen. Am längsten wohl beim schneidenden OP . Mir besonders wichtig, weil die Tupfer aus dem Eingangssonett wieder da sind … aber WIE haben sie sich verändert! Zur abgedruckten OP-Fassung meinte Richard Klaus, mit der 13. Zeile sei eigentlich alles gesagt, die 14. nur noch Doppelung. Mein Plädoyer für die 14.: so unnütz oder sinnvoll wie das Zudrücken der Lider nach dem Exitus.


(An meinen »Computerguru«, etwa so alt wie mein Ältester)

Lieber Herr Rabich!

Das leichte Heft, das ich Ihnen hier schicke, enthält wohl schweren Stoff … grad noch vor Ostern hab ich meine neuen Meiendorfer Drucke von der Druckerei geholt.

So mit neuen Heften ausschließlich mit Sonetten in der Hand bin ich ins Nachdenken geraten darüber, was mich eigentlich so an dieser altehrwürdigen Renaissanceform fasziniert. Einmal ists sicher die Spannung zwischen der knappen und streng regulierten Form einerseits und den doch unbegrenzt ausgreifenden Inhalten andrerseits. (Richtig gefreut hats mich immer, wenn jemand beim Zuhören nichts vom Form- und Reimschema mitkriegte: Da wars dann GELUNGEN!)

Aber ich meine, da ist noch ein tieferer Grund in dem, was bei der Überschreitung der Grenze zwischen den beiden »Quartetten« oben und den beiden »Terzetten« unten passiert. Das ist nicht nur eine Änderung des Blickwinkels, die den »Schauenden« auf seinem Platz läßt. Nach meinem Eindruck geschieht da mehr … so was wie der Übertritt in einen andren Raum für Denken und Empfinden. Das kann in manchen Sonetten (und auch andren Gedichten natürlich) – ich denk dabei nicht unbedingt an meine – an ganz heillose oder wenigstens fremdartige Zustände streifen. (Das Verhältnis von Bewußtem zu Unbewußtem in unsrer Existenz läßt sich wohl mit etwa 1 : 9 annehmen … »schlimmer« als n Eisberg.) Bei der näheren Bestimmung dieser Grenze – die mehr eine nichteuklidische Grenzfläche wäre – sitz ich aber schon fest. Eine Benennung (alle n richtig?) wie »Diskontinuitätsebene« ist einstweilen Behelf (ist ja Anspielung auf konkrete Naturphänomene). Mal sehn, wie ich da weiter- und rauskomme. Ich ahne: Ich beweg mich wieder auf einem Gleis, das mich zum Wunsch führt, Texte als vieldimensionale Feldphänomene begreifen zu wollen! Tja.


(An Klaus M. Rarisch)

Sonette schlechthin: Ich kann nicht sehn, was Sonette so entscheidend über andre Gedichte erhebt. Ich kenn GROSSE Gedichte, die keine Sonette sind. Na, schlechte Sonette kenn ich sowieso. Das Faszinosum am Sonett ist für mich das »Gelenk« zwischen den Quartetten und Terzetten. Darin werden die guten Sonette SO GUT! Ich krieg die Idee, daß dies mit unsrer Existenzweise zusammenhängt … stets vom Abdriften in fremde Seinszustände bedroht (wenn nicht in Süchte einbetoniert): Scharfe Existenzerfahrung im beginnenden Abreißen von der »Schwelle« aus empfunden. (Steht das dann geschehende Sonett als Beschwörungsformel … das Weggehn in die »andre« Existenz zu verhindern, weils da so TODKALT ist?) Nicht-Sonette mit »Scharnier« gibts ja durchaus auch (sind dann GUTE Gedichte), das Vaterlandsgedicht von Reß und von Thenior der Trapper wärn solche. HÄLFTE DES LEBENS … hat dem Großen Bruder (unsrem!) nicht »geholfen«.

(Oder DOCH?) – Schluß mit den Selbstzitaten. Ein Bild noch: Fahrt mit der Berliner U-Bahn durch die ostsektoralen Stationen hat ein bißchen vom Aufenthalt in den Terzetten.


den 26. April 1989

Lieber Ernst-Jürgen Dreyer!

Tja … ich hab selbst auch schon den Kopf geschüttelt über mich und krieg einfach nicht raus, was mich im letzten Sonett ad me ipsum »verschwimmen« in »verschwinden« hat ändern lassen (ich leg nämlich schon Wert auf die durch »schwimmen« und »Binsen« sickernde Wässrigkeit). Abschreibfehler? – Bei meiner verstärkten Neigung zu Fehlhandlungen – manche wohl mit Stummfilmkomik – seit bald mehr als einem Jahr täts mich nicht wundern.

Ich kann nicht nachvollziehen, warum die Schreier nicht mehr schwirren, sondern bloß noch fliegen. Auch eine Fehlhandlung? Ihre Analyse dieser Stelle hat ganz sicher überhaupt nichts mit dem Eingriff zu tun!

Verdorben scheinen mir jetzt beide Stellen, das betrübt mich. – Was lernt mir das? Vielleicht sollte ich in Zukunft doch einen »Kontrolleur« dazubitten, wenns um mich selbst geht. Ich meine, im Falle andrer Texte bin ich da nicht ganz so gefährdet (ich hab übrigens inzwischen festgestellt: die Seitenvertauschung in den Hirnsfürzen geht aufs Konto der Druckerei). Aber »meinen« tu ich im Vogelflug die Änderung der Zeile 11: Die Logikverzerrung in »viel mehr als viele« mochte ich einfach nicht mehr.

An Hofmannsthal hab ich nicht gedacht, aber dies und das doch gelesen… »man weiß ja nie« – Rilke-Bezüge sind gewollt (wenigstens da, wo sie mir bewußt sind).

Das kleine Heft mit dem früheren Vogelflug leg ich hier bei. Entstanden wars mal als Gabe für Geburtstagsgäste. Zwei Fehlleistungen im Titel: Ich kann nicht bis 12 zählen, und der 5. März hätte es sein sollen (Geburtstag meines Vaters).

Darin auch »bruchgekörnt« … an Bruchflächen von Gußeisen oder kristalliner Gesteine denk ich dabei. – Mit 20 oder 21 hab ich das Interieur geschrieben. Hat fast 30 Jahre gedauert, bis ich das Todesbild darin entdeckte und drüber erschrak: Auge starr und Iris kalt.

Dazu die Volkmann-Zeile: Im Käfig gehn die gelben Lichter aus. – Ist da nicht Rilkes Panther am Verenden? [Jetzt hab ichs GEMERKT: eine Sonettzeile!]

Ja, Fragen: Immer mal wieder wachsen Sonette aus Fragen heraus. Die sind Anfang. (In Photos versuchte ich übrigens mit dem Fragen-Satzbau einen Anklang an Jiddisch, ein bißchen Reverenz an den Adressaten … ) Zu fragen (und ohne Antwort zu bleiben?) gehört wohl zu meinem »Existenzmodus«. Die Alltagsfrage »Auch Kaffee noch?« paßt dazu: Sie ist an eine Tote gerichtet.

Stolz bin ich auf die vier Sonett-Hefte, weil sie mir seltener, schwerer Akkord zu sein scheinen. Ach, ich glaub »fast«, die meisten Ohren sind ZU. Ob ich denn meine Auflagen von 300 auf 13 vermindern muß?

den 23. Mai 1989

Lieber Ernst-Jürgen Dreyer!

Klaus M. Rarisch hat »echt« was angerichtet, als er mir seine Übertragung des Shakespeare-Sonetts 66 schickte! Haben Sie’s auch?

Nur um ihn zu kontrollieren, hab ich mir die Reclam-Ausgabe besorgt. Da geriet ich »zufällig« über 97 … Partnerin als Sommererleben (»Ich hiß die Seidenflagge / bunt überm Sommerfick …« hab ich mal geschrieben), Defektivität des motherless child – das reichte wohl schon (wenn auch bei Shakespeare der Vater fehlt).

Und gestern abend retirierte ich frühzeitig zu einem »meiner« Griechen, grad ein Viertel Retsina sollts seins, dann früh zu Bette. Eine Rechnung ohne den mitgenommenen Shakespeare: Nr. 119 ging als Explosion in mir auf. Hat mich so geschüttelt. Shakespeare für alle Lebenslagen!

Übertragungsversuche sind rausgekommen. Ich hab die Ahnung, daß sie nicht so falsch sind. Was meinen Sie?

Übertragungen sind ein fast neues »Spiel« für mich. Vor Jahrzehnten mal Skakespeares Sonette 33 und 34 (hab ich gestern abend entdeckt), ein bißchen mehr noch von den Metaphysical Poets. Die Ergebnisse sind weg.

den 12. Juni 1989

Lieber Ernst-Jürgen Dreyer!

Dank für Ihren Brief vom 10.! Und davor noch für Ihre römische Postkarte (vor ders mir erst mal ging wie im Arno-Holz-Archiv mal vor einem der eiligst bleistiftig hingefegten Briefe, mehrere Stunden rätselte ich im Verein mit dem – nicht ungeübten! – Archivar, am ÜBELSTEN der letzte Satz »Entschuldigen Sie bitte die Schrift!«). (HABs ja entziffert!)

Ich freu mich drüber, wie Sie 97 aufnehmen!

Eichendorff in meinen Shakespeare-Annäherungen: Ne, ich hab ihn nicht bemerkt, eingeschlichen hat sich der Kerl … soll BLEIBEN! – So gehts mir wohl immer wieder mal: In manchen meiner Gedichte gibts »Gastbeiträge«, von denen ich zunächst nichts weiß … wenn ich drauf komm oder gebracht werd, find ich sie RICHTIG.

Auf die zu kurze Zeile hatte (prompt!) Klaus M. Rarisch schon den Finger gelegt (sie entsprang wohl meiner Affinität zum Chevy-Chase-Muster, auf eine n-hebige Zeile eine mit n-1 Hebungen folgen zu lassen). 97 lautet jetzt:

      So weg von Dir, hat Winter mich gefroren,
      Du bist noch alles, was das Jahr erhellt!
      Mich biß ein Frost, ich ging in Nacht verloren!
      Dezember breitet nackt sich in die Welt!
      Hin sind die Tage … waren Sommertage,
      ein Herbst geht her mit Früchten, prall und reif,
      daß nicht umsonst der Frühling Blust ertrage –
      wer das geschwängert, ist längst kalt und steif:
      Hab wohl gesehn, da ist ans Licht gedrungen,
      was ohne Vater ist und stets verwaist;
      das Sommerglück ist ganz mit Dir verschlungen,
      und ohne Dich ist Vogelsang vereist;

        oh ja, mal singen Vögel … aber wie!
        Das Laub welkt hin vor Wintermelodie.

Die widow’d wombs: Sie tragen the wanton burden of the prime, sind also schwanger. Aber their lords (ich versteh die als die Schwängerer) are deceased, sind dahingegangen. So kam ich – im »power slide«, also gasgebend durch die Kurve rutschend (bin kein Autofahrer, weiß aber davon) – zu »kalt und steif« (was wiederum ein neuerer Amerikanismus ist: stiff and cold als Todesumschreibung … »Auge starr und Iris kalt« hatt ich schon vor bald 30 Jahren, ohne dran gedacht zu haben).

      119

      Ich kippte Brände aus Sirenenzähren,
      gebrannt in Blasen, drin die Hölle schwelt,
      ließ Hoffnung Angst und Angst die Hoffnung mehren,
      … ich wollt schon siegen – wurde ausgezählt!
      Mein Herz, das hatte wohl von kaum was Checkung,
      und dabei ist es doch so abgeschwirrt!
      Wie sind die Augen – raus aus ihrer Deckung –
      mir da ins Wahnsinnsflimmern weggeirrt!
      Da hilft das Schlimme! Endlich wird mir klar:
      Was besser war, wird vom Kaputten besser;
      egal wie schlimm kaputt die Liebe war –
      ich flick sie hin, viel stärker, größer, kesser.

        So klein mit Hut, schleich ich zurück zum Glück …
        ich KRIEG s gelinkt. Und dreifach dick zurück.

»Extra« hab ichs in 119 auf eher kreischenden Sprachkontrast angelegt. Als mir aufging, wie die Umgangssprache reinschwemmte (und was SAGTE), wurden die Tränen, die’s anfangs mal hatten sein solln, zu Zähren. (Die Tränen wären ja letztlich kein Reimhindernis gewesen.) – Klaus M. Rarisch will mir immer noch den Neologismus »Checkung« nicht abnehmen .. aber da hat er einfach keine volle Checkung: Der Terminus ist mir so begegnet.

      Soundsovieltes Liebesgedicht

      Hier neigen Härchen unterm Griff sich so,
      und hier ist krause Haut für die Papillen,
      die Fingerspitze kennt den Weg durch Rillen
      zum Mund, zum Bauch, zum Widerrist, zum Po.

      Die Nase buchstabiert sich ihr Argot
      von A wie Achsel bis … das wird mich killen!
      Der Schweiß verkehrt vom stillen sich zum schrillen,
      und alle Brünnlein strömen lichterloh!

      Und Absturz: Blick verfing sich stracks im Blick,
      daß deckungsgleich sich Lieb und Liebe nichten –
      so logisch läuft und linkt sich das Programm.

      Der Trick vom ersten bis zum letzten Fick:
      ein Sediment aus Strömung von Gesichten …
      sehr schlicht gerieft verschlacken Schlick und Schlamm.

Das Adjektiv »link« soviel wie »heimtückisch« (»zeigt her das linke Ohr und bleckt den linken Blick« aus einem Alexandrinersonett von mir), das Verb »linken« entspricht – mit gemäßer Verstärkung – etwa »reinlegen«. (In »Computersprache« noch: Für sich nicht allein bestehende, aber in sich abgeschlossene Programmteile=Module zu einer Einheit=Programm zusammenschließen.) – Und besonders tückische Virus-Programme LINKEN sich in andre Programme ein, um dann üblen Schaden anzurichten.

den 5. August 1989

Lieber Ernst-Jürgen Dreyer!

      Alt werden

      ................................... was war?
      Den Tigern springen Funken von den Ketten.
      Die Stadt brennt: schwarzgepudert die Reinetten.
      Der Sterne Flickflack … falsch und wunderbar.

      Wie endlos stirbt ein abgeknallter Star
      (den Triggerfinger kann nun nix mehr retten).
      Dann dreh die Platte um, laß Ella scatten,
      im Jive verkettet nun sich Paar um Paar.

      Im Schädel bleibt die Mahd der Bordgeschütze,
      kartoffelsackbedeckte Haufen, kamen
      von fern hierher, wo Tod das Leben frißt.

      Ich leb, den Schädel deckt die Baskenmütze.
      Die Bilder führ ich mit und all die Namen
      von der und dem. Da weiß ich doch, was ist.

Der Star war eine Schwarzdrossel, die ich als Junge mit dem Luftgewehr anschoß, ein langes Sterben. Der Triggerfinger ist der Finger am Abzug (englisch trigger). Scat-Gesang (auf bedeutungsleere Silben) und Jive: gehören zum Jazz (und für mich auch in die Nachkriegszeit). Ja: Krieg und Nachkrieg in Kinds- und Halbwüchsigenperspektive sind das Thema (das Folgende davon ein- und abgefangen). Der Tieffliegerbeschuß im ersten Terzett hat in Klaus M. Rarisch die Erinnerung an die Flucht nach Westen geweckt, für mich ist damit verbunden, wie etwa 100 m von meinem Elternhaus entfernt der durchsiebte Kriegsgefangenentransport »entladen« wurde.

Klaus M. Rarisch schlägt als erste Zeile vor:

      Die Trauben werden saurer Jahr für Jahr.

(Dann würds an die Berliner Rosinen von Richard Klaus und ihm anschließen.) Aber ich möcht doch das Sonett von so beschaffener Metaphorik frei. Allmählich wird mir gar der Beginn mit der vierhebigen Pause des Nachdenkens plausibel.

Nachtrag am 1. Juli 1990:

Kürzlich hab ich doch komplettiert:

      In Kladde ohne Ton gefragt … was war?

den 21. Dezember 1989

Lieber Richard Klaus!

Der STERNFISCHZUG ist SCHÖN. (Daß ich an 3 Stellen rhythmisch »anstoße«, ändert daran nichts.) In die Tippfinger möcht ichs gern nehmen … so ists mir mit andren Gedichten von Ihnen ja auch schon gegangen. – Ja: Der Sog des Meeres. Wo die Bekanntschaft damit ja nur in – gemessen in »Realzeit« – eher flüchtigen Berührungen gründet! Ich ahne (mehr aber auch nicht!), daß es in der Symbolwelt den »anderen Zustand« verkörpert, in den überzutreten, Gefahr bedeutet (Nordsee ist Mordsee) – der »Vorkehrungen« bedarf, auf daß die Rückkehr sicher sei. –

TÖRN hat V. eher »verunsichert«. Sie grenzt sich in ihrer Auffassung von Sprache ungehörig ein (und ganz unnötig!), so daß ein Gedicht wie TÖRN ihr als unterminierter Grund erscheint, auf dem sie keinen Schritt wagt… aus Furcht, in Ironien und Symbolisierungen »einzubrechen«. So hab ich denn auch von ihr »auf die Mütze« gekriegt für die Dedizierung: Ich müßte doch wissen, daß sie es nicht auffassen könne! (Glaub ich »einfach« nicht!) Inzwischen aber nimmt sie’s hin.

Ich schick Ihnen hier noch zwei Neue. Das »Feuerlied« ist mir so gar nicht geheuer. Ich weiß schon mal nicht, was die Poe-Anspielungen darin sollen (Methode Dr. Teer und Feder, Grube und Pendel, Maelstrom). Unsicherheit auch bei der Dedizierung: für mich selbst etwa? Oder für »die Opfer«? (Was ich der V. NICHT wünsche!) – Das Oberelbe-Gedicht (Zollenspieker, Over, Laßrönne sind kleine Ortschaften eben dort) konnt sie akzeptieren. Vielleicht war ich da glimpflicher mit den Untertönen … ?

      Feuerlied

      Bloß kein Applaus! Daß meine Sachen gut sind,
      steht nicht dahin, ich geh mit euch zur Kehr,
      das braucht – ich sag mal: – Federn, etwas Teer,
      Methode halt … für die ich mich aufs Blut schind.

      Ist nicht so, daß ichs jedem auf den Hut bind …
      der Dreh gelingt wie nix, da fällts dann schwer,
      den Schwung ins Lot zu zwingen, der da quer
      im Pendel schwingt: geschliffen und vor Wut blind.

      Zum G-Punkt findet sich den Weg ein Finger
      – verlaßt euch drauf (und wahrt euch)! – übernimmt,
      was schwelt, zu schüren hin zu schriller Glut.

      Das Ding geht ab als linkstes aller Dinger …
      Beweis: Im Maelstrom namens Unschuld schwimmt
      ein Auge, dem das Feuer Gutes tut.


den 19./20. Januar 1990

Lieber Ernst-Jürgen Dreyer!

Mit Ihrer »Amor«-Übertragung. (Ich »ahne«, warum Sie »ausgerechnet« DIE für mich getippt haben!) Rhythmische »Störungen« empfind ich verschiedentlich. Geht los mit Amór in der ersten Zeile (ist er durchs heutige Spanisch und Italienisch vermittelt?). »Tau-Fläche« in Zeile 4 eine »herbe« Synkope (»Kielwasser« in Törn hat Klaus M. grad noch hingehn lassen.) Zeile 7 auch: »WO« hätt DEUTLICH zu kommen, fällt aber in die Senkung. – Was mir NAH ist: Die »stutzenden Fragen« (haben Sie mal bei mir festgestellt) und ein Satzbau mit Metathesen und Einfügseln, wie er mich am Großen Klopstock anzieht (ganze lange Oden in EINEM Satz). [Nach dem »Muster« hab ich »vor langen Jahren« Sonette geschrieben und der »Zeit« angeboten … mit dem Kommentar »perfekte Heym-Imitation« schickte Dieter E. Zimmer mir eins zurück. WAR ich BÖSE über dies MISSVERSTÄNDNIS!]

Als ich jetzt über die Jahreswende bei Bettina und Lars Clausen (Bettina war am selben Rahlstedter – Liliencron-Gymnasium ein paar Klassen unter mir) in ihrem Bargfelder Haus zu Besuch war (zugleich eine Frau aus Görlitz zu Besuch bei den Schefer-Clausens), hörte ich von jemandem im einigermaßen benachbarten Eschede (der Name ist nicht bei mir hängengeblieben), der dransäße, fremdsprachige Gedichte aus vielen Epochen ins jeweils zeitgenössische Deutsch zu übertragen … find ich FREMDARTIG! Als ich im Mai letzten Jahres an »meine« beiden Shakespeare-Sonette geriet (und das war wohl was wie Schicksal), stellte sich mir die Frage nach dem Sprachgewand überhaupt nicht, ich hab »einfach« (?) in meinem »Ton« drauflosgeschrieben. –

Wie in der Schlußzeile »Eis und Feuer brennen«. Das rührt wohl auch tiefstzuinnerst an eins meiner »Muster«. Mir fällt ein, wie ich mal früher ein paar Gedichte der Metaphysical Poets übertragen hab (hab ich ich nicht mehr, erinner mich nur noch an die Zeile »Einst, heißt es, stirbt die Welt in Brand« … von wem?). Das eiskalte Brennen kenn ich. (Sind keine von den glücklich machenden Momenten. Wollen sie umbringen?) –

Ja: Mir scheinen die Sonette, die mir da »irgendwie« »geraten«, auch nicht alle gleichmäßig »gut« zu sein. Sind für mich immer Experimente. Mit dem mit dem »G-Punkt« gehts mir so, daß ichs am liebsten ungeschehn machen möchte. –

Nicht recht ist mir, wie Sie in Bezug auf mich auf »Meisterschaft« anspielen … meine Wegwerfwünsche und Unsicherheiten sind einfach dagegen. Außerdem ists ja auch so, daß ich meinerseits épaté und enchanted bin (grad noch angelsächsisch »flabbergasted« vermieden!) vor Ihren Sprachzugriffen (-übergriffen?). Und sone gegenseitige Adoration … Herr Dreyer, ich bitte um schlichte matter-of-factness!!!

      Gegenüber Zollenspieker im Dezember

      Von Westen her streckt Wind die Wolkenhand
      weit übern Bruch, sehr schwarz im Gegenlicht
      sind Bäume, Schilf schwenkt Rispen, silbern bricht
      sich daran Gänseschrei. Am Straßenrand

      zerfällt die Welt: Asphalt reicht unverwandt
      von Over nach Laßrönne … schnell und dicht
      an uns vorbei ein Krad (erwischt uns nicht),
      dann steigt der Hang zum Deich, verneint das Land.

      Ein dunkler Vogel (sagt nicht, wie er heißt)
      entschwebt den Strom entlang, der Windfall schrafft
      die Schrift der Strömungswirbel. Schau: Der Geist

      der toten Brasse … weil die Möwenschaft
      ja leben muß. Und hör: Am Stack zerreißt
      den Wind, was ihren Schnabel blind zerklafft.

Kürzlich klang in der Korrespondenz mit Klaus M. Rarisch an, wie verschieden im Ton er, Volkmann, Klaus und ich sind. Sich selbst charakterisierte er mehr aufs »Gedankliche« hin, mich als »naturalistisch« … die »Gedankenlyrik« war mir zu seinen Sonetten (nicht zu allen!) auch schon eingefallen, aber »naturalistisch« für mich? Am Zollenspieker-Sonett – das doch so SEHR auf Protokollierung von »Realität« hin verfaßt ist (es ist [fast] »alles« drin) ist mir (mal wieder) deutlich geworden, daß ich mit der Scheinrealität in meinen Sonetten eigentlich »Schindluder treibe«. Im Nachhinein ging mir auf, was für ’ne Zeichenkette ich da »entwickelt« hab: Die schreienden Gänse sind moribunde Weihnachtsgänse, der DICHT vorbeirasende Motorradfahrer hat einen Mordversuch angedeutet, der dunkle Vogel erscheint mir als Todesbote, der tote Fisch und die räuberischen Möwen sprechen ihre eigene Sprache; grad jetzt geht mir auf: stets auf dieser Wanderung die Elbe entlang zogs mich hinüber aufs andre Ufer, aber keine Fähre ging … das Fährhaus Zollenspieker jenseits des Wassers in Sicht: kanns – in letzter Entsprechung all des Angesprochnen – den Nobiskrug vertreten haben? (Weshalb ichs in den Titel genommen hab?) [Ein winziges Stück elbaufwärts, im Fährhaus Tesperhude, spielt Barlachs Armer Vetter.] – Ich sag einfach: Naturalismus ist das nicht.

Meine Sonettschreibe: Mir scheint, daß vom Kontakt mit Richard Klaus und vor allem mit Klaus M. Rarisch sehr starke Stimuli ausgehen. Die Tendenz, möglichst mit nur vier Reimen auszukommen, ist sicher von dorther »entscheidend« verstärkt. Ein »Wettbewerb«? – Aber schon lange »vorher« hab ich ja immer mal wieder Sonette geschrieben. Ich glaub, der »umstülpende« Durchgang vom Oktett zum Sextett macht diese Gedichtform unausweichlich für mich, wenn »entsprechende« Inhalte zu bereden sind.

      Thule

      Und war nicht grad der Rand der Welt erreicht?
      Tat nicht ein Thule hin und weit sich strecken?
      Verirrt im Kartenwerk mit weißen Flecken,
      gehts hin, wo ehmals Weggeworfnes bleicht.

      Ein blasses Photo aus der Box vielleicht,
      wo weite Lichter ihr Verwundern blecken.
      Gedenksekunde – wieder weitertrecken
      nach dort, wo Welt der Welt im Spiegel weicht.

      Welch abgerißner Zug schleicht da entgegen?
      Mit aufgelöstem Schuhwerk und Küraß,
      zu leicht bewaffnet mit zerbrochnem Degen.

      Die Konterfeis aus abgelaufnem Paß
      sind aufgelesen an entlegnen Wegen …
      sie wenden sich und fliehn … wen wundert das?

Ich mach mal Schluß. Leg ein ganz Neues bei, hab ich für für meinen »kleinen« Bruder geschrieben, in der nächsten Woche wird er 50, kriegt von mir »Von Atlantis bis Utopia / Ein Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur« (Vorwort von Rosendorfer). »Thule« gehört dazu (aber das Experiment mit den spiegelschriftlichen Terzetten mein ich nicht ernst). [Den Versuch, die letzte Zeile als Palindrom hinzukriegen, hab ich aufgegeben.]

Ach ja: Zum »Törn« noch! »Vermuten« ist im »schlichten« Verstande gebraucht, hat keine seemännischen »Konnotate«. Dagegen der »Schlag«: die Strecke zwischen zwei Wenden beim Kreuzen gegen den Wind (durch »Halsen« – ein Wendemanöver – bewerkstelligt). »Insgesamt« hat das Gedicht seinen Bezug zu einer erotischen Beziehung: »Wahrschau [seemännischer Warnruf] und Kopp weg! Sie [seemännisch: das Schiff] geht über Stag [abermals ein aufwendiges Wendemanöver]!« … was inzwischen geschehn ist. Ach.

      Törn

      Der Tag geht an mit Halsen: Schlag um Schlag
      verschlingt der Kurs sich in die Archipele,
      daß keins der Eilande im Logbuch fehle:
      die Länge, Breite, wie s zum Winde lag …

      An Deck das Tauwerk, Ladung laut Vertrag.
      Zu leicht im Kiele, krängt nun die Kraweele.
      Ins Bilgenwasser leckt des Schiffes Seele.
      Wahrschau und Kopp weg! Sie geht über Stag!

      Die Dünung wälzt sich her im steten Treck,
      in Schwall und Gischt zertrennt der Bug die Fluten.
      Kielwasser hetzt zum Himmel hinterm Heck.

      Der Törn durchzackt die Karte über Eck.
      Zenit und Nadir flackern durchs Vermuten
      und vage Azimute ins Besteck.

Zitiert – mit bittrer Genugtuung – aus einem frischen Brief von Ralf Thenior: »Wenn Deine Psychiaterin Deine Gedichte nicht versteht (und gerade noch als Seglerin), möchte ich in aller Entschiedenheit aus der Ferne abraten, denn ich denke, sie muß (als Frau, die angesprochen ist) schon einen Happen doof sein, um das nicht zu kapieren. Und wenn sie sich darauf rausreden will, daß sie mit ›Lürik‹ nix anfangen kann, laß doppelt die Finger davon. Das sind meist schlechte Menschen. Kuck Dir doch die Bundesbevölkerung an!!!« (Nu gut.)

den 20. bis 22. Februar 1990

Lieber Ernst-Jürgen Dreyer!

Im Vorgriff auf diesen Brief hier ist William schon mal unterwegs. Diesmal in einer augenfreundlicheren Version, die Klaus M. Rarisch sich »ermeckert« hat. – William gibts inzwischen in verschiedenen Versionen, es wird noch mehr geben, er fließt nämlich. Die beiden Shakespeare-Übertragungen sind die Konstante. – Das unglückliche G-Punkt-Sonett hab ich nun extra nicht rausgeschmissen. – Das Zollenspieker-Sonett ist auch dabei … Zollenspieker ist ein Fähranleger mit Fährhaus an der Oberelbe, nicht gar so weit von Hamburg. (Ein kleines Stück weiter elbaufwärts dann Tesperhude: Der arme Vetter.) Zum Nobiskrug schreib ich meinen Kluge/Götze (11. Auflage von 1934) aus:

    Nobiskrug M. Die übliche Deutung in abysso scheitert an den alten Zeugnissen. Im Rotwelschen des ausgehenden Mittelalters wird als Deckwort für lat. und frz. non ein pseudolat. nobis verwendet, das in Zus.-Setzungen wie Nobisknecht ›minderwertiger Gesell‹ oder Nobisgat ›schlimmes Loch‹ herabsetzenden Sinn erhält. Im Urteil der Landstreicher ist N. ein Wirtshaus, das durch behördl. Aufsicht und strenge Zucht unbehaglich wirkt. Der Name ist seit 1526 fest bei dem Wirtshaus an der Grenze von Hamburg und Altona, das der Rat an ausgediente Ratsdiener verpachtete. Er verbreitet sich, soweit Krug (s.d.) für ›Wirtshaus‹ gilt, von Ostpreußen bis zum Niederrhein. Fahrendes Volk überträgt den Namen auf das Absteigquartier am Ende des Lebenswegs, das als Herberge von jener schlimmen Art unter teufl. Aufsicht gedacht wird. So zuerst auf einem Holzschnitt von Antwerpen 1487, der neben der Hölle einen Mann darstellt, der einen Krug schwenkt und über sich die Inschrift Nobis zeigt: ein naives Bilderrätsel mit der Auflösung ›Nobiskrug‹. Literarisch wird nobis krug seit Val. Schumann 1559 Nachtbüchl. 205 Bolte; obd. Quellen seit 1512 bieten Nobishaus, -garten, -kratte: Lexer DWb. 7, 862; Mogk 1916 Reallex. d. dt. Alt.Kde. 3, 319; Bolte Zs. d. Ver. f. Volkskde. 37, 250; Grohne Nd. Zs. f. Volkskde. 6, 193 ff.; Alb. Becker 1931 Zs. f. Volkskde. 41, 46 f.

Im Zollenspieker-Sonett hab ich darüber nicht gesprochen. Ist aber so gewesen: Den ganzen Spaziergang über wollt mir der Nobiskrug nicht aus dem Kopf … so wie am Ufer gegenüber das Fährhaus in winterlicher Verschlossenheit dastand. Ich seh das Gedicht immer vor dieser »Kulisse«.

Ich seh: Mit meiner »Bewertung« des Versmaßes der einen Stelle in Ihrer Petrarca-Übertragung bin ich vorschnell gewesen. Ja: »Unregelmäßigkeiten« des Originals möcht auch ich gewahrt wissen. Dorne und Geborne nicht moniert zu haben … vielleicht geht das auf die Sielen des Zeitmangels zurück, da sind meine Briefe dann oft so zerfleddert und überall abgerissen. Vielleicht aber auch, daß es mir nicht so schwer wog (bin eher tolerant). Und dann: Wozu das monieren, was Sie ja schon selbst wissen? Klaus M. Rarisch erzählte mir – als ich ihn am letzten Sonnabend in Berlin besuchte – Sie hätten auch mal Holz auf Kreuz gereimt … ich glaub, da hätt ich wohl mit »Wei geschrien!« geantwortet, wärs mir begegnet.

Ja: Klaus M. Rarisch weicht mit der »Stärke« seines Volkmann-Vortrags um einiges von dem ab, was ich mir als Vorstellung von der Lautgestalt der Maurerischen gebildet hatte. Ich verstehs so: Da dröhnt das Rumoren im »Massengrab« nach. Insofern erscheint mir die Aufnahme als »Dokument«. Und das kann ich akzeptieren. –

Form und Gerüst: Ihre Feststellung, Form zerfalle beim Vortrag meiner Sonette im Espressivo, scheint sich mit meiner eignen Beobachtung zu begegnen, daß mir das Gerüst des Sonetts als eine Art Rettungskapsel oder Überlebenssystem dient, mir den »Wiedereintritt« in »unsre« Atmosphäre zu garantieren. Ich meine: Beim Schreiben empfind ich, wie »Zerfall« oder »Auflösung« einsetzen und um sich greifen wollen … im Gegenzug gerät die Form dann streng. Aus solcher Notwendigkeit scheint mir, und nicht um irgendeinem dichtungstechnischen Konzept zu entsprechen. Vielleicht können dann später die Produkte die inhärente Auflösungstendenz nicht verheimlichen.

Ein altes Sonett füg ich hier an (gegenüber den strengen eher »verwahrlost«):

      Sonnenstern

      Der rotzt und glotzt nur, und der Mond geht unter.
      Der gibt nicht an, der steckts nicht auf.
      Die Treppen fährt der auch mit dem Fahrrad rauf
      und seilt denn schwälblings wieder runter.

      Schmalhans und -hänschen? Dat kunn der längst, was die ihm taten.
      Das trummt, glockt, bummt, bockt (Tümmel und viel Kreisch),
      Du, liebes Fleisch, bissest Fleisch von dessen Fleisch,
      ein weises Steak, ein Schnitzel, zum Verbraten.

      So herzlich Willkommen, zuheim, zuheim, nu kieke!
      Zuheim vor Weib und Kind, vor Sand und Wind, nu pieke
      doch die Forke in aller Abend Bockwurscht, daß der Saft nur so der Saft!

      Wenn über den ein banniges Sitzfleisch rötlich heraufhügelt,
      der lacht und verflixt: All ehrliche Haut hat der schön gebügelt,
      Hand drauf, Hand drin, all stubenreines Aug zergafft.

den 15./16. April 1990

Lieber Ernst-Jürgen Dreyer!

Arnfrid Astel hat für den 2. Juni eine Sendung mit mir verabredet (Aufnahme am 29. Mai). Genaueres werd ich in der kommenden Woche mit ihm verabreden. Ich denk, es wird um Sonette gehn. Er hat den Titel »William und die Folgen« gewählt – ich hab keine Widerrede. Gemeint hatt ich damit eigentlich die seit Mai letzten Jahres entstandenen Sonette – aber ich war ja schließlich auch schon mal ganz zu Anfang unterm Shakespeare-Eindruck: noch in der Schulzeit und zu Beginn des Studiums ein paar Übertragungsversuche (verloren).

Bei erstem Nachdenken übers Gespräch mit Arnfrid Astel (erster korrespondenzieller Kontakt datiert von 1967 – gesehn haben wir uns noch nie) komm ich drauf, was über »Einflüsse« sagen zu wollen. Dazu gehört ganz sicher der Umgang mit Sonetten von Klaus M. Rarisch: hat die Beachtung von strengem Bau und »Klangpflege« verstärkt. Wichtig auch die Sonette von Richard Klaus (seit Anfang 1988). Verstärkung etwa der Tendenz, keine altväterlichen Wörter wie »Gauch« und »Fant« in den Mund zu nehmen (Klaus M. Rarisch!), möglichst sparsam umzugehn mit Relativsätzen, Wie-Vergleichen und attributiven Adjektiven (Richard Klaus!). – Da denk ich dran, das »Schlaf-Triptychon« in der Sendung vorzuzeigen, um die Beschaffenheit des Austausches zu kennzeichnen. Eine ausgebaute Sonett-Theorie werd ich sicher NICHT entwickeln – ich neig nicht so sehr zum Theoretisieren (allerdings: eine vom Feldbegriff der Physik ausgehende Texttheorie zu entwickeln war mal ein Traum, die Mathematik dazu fehlte mir – geistern tuts noch, wenn ich in Rezensionen mal was fallen lasse über »Achsen« eines Textes). Ein Zipfel eines solchen Theorie-Ansatzes lugt vor im letzten Satz des Klappentextes für die Geigerzähler (»anbei«) – aber vielleicht geh ich da auch zu sehr von eignen Bedingungen aus, darf das gar nicht generalisieren. (Als die Waschzetteltexte für die Sonetthefte von Richard Klaus, Dieter Volkmann und mir fertig waren, fiel mir – hinterher! auf, daß in allen dreien das Wort »Grenze« vorkam – war mir merkwürdig!) –

Ihre Bemerkungen zu meinen Sonetten zu lesen, ist mir immer spannend: Ich hab doch an all das, was da dann an die Sonnen kommt, beim Schreiben (meist) gar nicht gedacht! Manchmal will mir scheinen, daß ich meinerseits allzu sparsam (geizig?) bin mit »so was«. Könnt aber auch sein, daß ich da zu andren Formen find: Heut/gestern z.B. hab ich in einem Brief an Klaus M. Rarisch ausführlich »aufgeklärt«, was Dieter Hasselblatt mit den im »Teufelstrillersonett« festgestellten »Obszönitäten« gemeint haben könnte (»jeijeijei!«). Dazu war ja der Text von Klaus M. Rarisch anzuschauen. – Ganz anders das Gespräch mit Richard Klaus bei der Herausgabe seiner Eisprünge. Ihm gegenüber hatte ich keine Hemmungen, auch mal alternative Formulierungen zu notieren (und zu begründen). Das führte zumeist zu neuen Formulierungen – nicht mehr die erste und auch nicht mein Vorschlag – und ich war dann »zufrieden«.

Ihre Bemerkungen zur »Großaufnahme« gehen mir nach, haben schon Änderungsarbeit ausgelöst. Angefangen hatten die Änderungen mit einer Einrede von Klaus M. Rarisch (Photographensohn): Er monierte, daß Kienspanlicht kaum auf den Film zu kriegen wär … da hab ich den Anfang auf »Lichteffekt« geändert (so gehts ja im Film, und so wars von Anfang gemeint). – Am Glycerin halt ich fest: Damit werden »im Film« die Kunsttränen produziert. – Die zerfetzten Tempos waren ein schwacher Punkt – klar: erst NACH Gebrauch gehn sie in Fetzen … jetzt deutlicher? – Flau schien mir von Anfang an auch die Stelle mit dem »flau« die hab ich jetzt hoffentlich konkretisiert. Die neue Version »anbei«. Ich hab an keine bestimmte Filmszene gedacht – das Gedicht ist schlicht für meinen Freund Hans-Michael Bock, den (auf Woody Allen stilisierten) Filmhistoriker (und Arno-Schmidt-Bibliographen). Im Übergang zu den Terzetten schwenkt die »Darstellung« jetzt von statischem Bild auf Ton um, dann doch wieder Bild, aber das in (verunglückender) Bewegung. »Kentern«: Küstensprache – die »Tide« läuft auf – KENTERT – läuft ab. Die Zähne im Lächeln: Beißverkzeuge. Grinsen: die Verhöhnung.

      Großaufnahme

      Und Lichteffekt! Ja, blakend brennt der Kien,
      schlägt Schatten in die Ebenen von Puder …
      da findet fix Canaille sich zu Luder:
      am Lide hängt der Tropfen Glycerin.

      Da flieht die Bilderflucht zum Flimmerscreen,
      an Tempos gehn in Fetzen ganze Fuder …
      die kalte Linse krümmt sich krud und kruder,
      im Fokus flackert, was Kristall erst schien.

      Ein Atem lenkt verwehte Windgezeiten,
      die kentern an den Lippen, laufen ab
      und lassen Worte sich zu Wellen spreiten.

      Die Lippe rührt an Lippe wund und knapp,
      da soll im Lächeln Licht mit Dunkel fighten …
      der Mund mit allen Zähnen grinst sich schlapp.

Am »Feuerlied« (beschissener Titel und auch sonst – zusammengeklitschte Bildlichkeit – verunglückt) tu ich nichts mehr. – G-Punkt = Graefenberg-Punkt: Gleich bei der Klitoris und besonders berührungsempfindlich-empfänglich.

»Zollenspieker« (mir sommerlich ans hamburgische Gemüt rührend, im Gedicht winterlich kontrastiert, nicht weit von der ähnlich verassoziierten Fährstation Tesperhude, wo’s dann, Der arme Vetter, literarisch wird): Mir bewußt, wie ich in der Fuge des Sonetts den Blick vom Land auf den Strom wende. Das Krad: Bewußt ist mir, daß wir’s damals als Todesdrohung erlebt haben und daß ichs als solche im Gedicht gemeint hab – an die Orphée-Motorradfahrer hatte ich nicht gedacht (ich erinnere MÄNNER als Fahrer … wie kommen Sie auf FRAUEN?). Orphée mir wichtig und wert, in den ausgehenden Fünfzigern ixmal gesehn, ins Rotkäppchen »verschleppt« (ZWEI MOTORRADFAHRER schwarzes Lederzeug, schwarze Sturzhelme; ohne anzuhalten quer durch die Waldschlucht), im horen-Abdruck ein Standphoto untergebracht (das Spiegel-Archiv hatte kein besseres) – zu spät fiel mir ein, daß ich dem von einem der Motorradfahrer und jemand anders abgeschleppten Marais eigentlich mein Gesicht hätt aufmontieren sollen. – Vermieden hatte ich, beim damaligen Spaziergang V. auf den Igelkadaver hinzuweisen (sie hat verschiedentlich Igel aufgezogen) und ihn ins Gedicht aufzunehmen. Die Brasse reicht ja auch. – Was den Schnabel zerklafft – so meine Idee: – ist ein Schrei. So endet das Gedicht für mich DAmit. (»Hellsichtig« genug, scheint mir – wie das Über-Stag-Gehn im »Törn« – wenn ich an den »Ausgang« der Beziehung denke.) – Sogar V. mit ihrer Schwäche, »Affektsymbolisierung« in sprachlichen Äußerungen aufzufassen) hatte »schrafft/Schrift« bemerkt … ist es also doch »zu dick«? – Absicht übrigens, den damaligen Spaziergang (der »irgendwie« was ganz andres als grad nur »Spaziergang« war) möglichst GANZ ins Gedicht zu kriegen … ging nicht: der tote Igel ist rausgefallen wie der bedrohliche Brandgeruch (V.s Geruchsempfindung herabgemindert, Bemerkungen über Gerüche »verunsichern« sie) und noch so viel mehr! Dieses »Bedürfnis« hat dann die so disparaten Realien zusammengefegt. Und weil sie eben DA gewesen waren (in ihrer himmelschreienden Disparatheit!), können sie vielleicht im Text zusammengehn. (Auch ein ausführliches Gespräch mit Thomas Schmidt, dem Gitarristen und Ornithologen, hat nicht erbracht, WER denn nun dieser dunkle Vogel war … ich hatte – von der Größe her – auf See- oder Fischadler getippt, aber Thomas schüttelte nur nachdenklich den Kopf.)

Ich FREU mich, daß Sie meine Beschreibung der zunächst von aufquellenden Strömungswirbeln (unverständlich) »beschriebenen«, dann vom drauffallenden Wind überschraffierten Wasseroberfläche nachvollziehen (das rennt so sich ausbreitend und wieder verlierend hin).

      Wortbruch

      War nicht ein sanfter Tag – wenn nicht gewährt
      so doch auf Ehrenwort uns zugesagt?
      Wir hätten uns ins Licht getraut, wenns tagt,
      von Lieb empfangen und von Luft genährt.

      Wir hätten uns gezapft, was lange gärt,
      dann wär ein Beutezug wie nix gewagt!
      Zu Fluß und Auen ging die wilde Jagd …
      zu warten, daß der Abend niederfährt.

      Doch ätsch! Da zog herauf die Wetterwand,
      auf briste Wind und drehte bald auf Nord.
      Da hats die Haut mit schwarzem Frost gebrannt.

      Das knackt die Knochen, bis das Aug verdorrt.
      Ein Netz vom Morgen bis zur Nacht gespannt …
      das hält uns sorgsam fest im Sog von Mord.

Ich ufere so schrecklich wortreich aus. Machs kurz mit »Wortbruch«. Geschrieben für Richard Klaus, als er allem Anschein nach moribund war (das hat sich zum Glück wieder gewendet … das Krankenhaus hats – aller Digitalis-Überdosierung zum Trotz!!! – nicht geschafft). WAS kann »man« denn jemandem in DEM Zustand »sagen« …? (Allem zum Trotz dann doch ein »Spiel« darin – von einem Graffitto an der Straßenunterführung neben der Holsten-Brauerei hab ich gelernt: WAS LANGE GÄRT, wird endlich Wut.) –

den 20. April 1990

Lieber Richard Klaus!

Überlegungen auch, was ich denn zu erzählen wüßte (ich kann doch zuzeiten eine SO schwere Zunge haben!). Ich komm drauf, daß ich erzählen sollte, was mich dazu gebracht hat, Sonette zu schreiben: Das war schlicht Shakespeare, gegen Ende der Schulzeit/Anfang des Studiums hab ich mal versucht, das eine oder andre von ihm zu übertragen (die Versuche hab ich nicht mehr), die zugrunde liegende Werkausgabe mir von meinem damaligen englischen Freund (über Schüleraustausch hatten wir uns kennengelernt) geschenkt. Danach dann selten, aber doch regelmäßig mal eins. Komisch: Wie ich in den »Meiendorfer Beiträgen« (Text/Graphik-Kombination) versucht hatte, auf dem Weg über Sonette Agitprop zu betreiben. »Verstand« doch niemand! – Dieter E. Zimmer hatte mal eins für die »Zeit« angenommen (Gedicht in einem Satz, wie ichs damals Klopstock abgekuckt hatte). Ein andres gab er mir zurück als »perfekte Heym-Imitation«. EMPÖRT war ich, weil doch auch da Klopstock mit seinem Satzbau Pate gestanden hatte! Hab ihm einen GANZ langen Brief geschrieben.

Ich frag mich, ob nicht später dann vielleicht Klaus M. Rarisch mit seinem Beispiel – er schickte mir ja immer sofort die frisch Gebackenen zu – bei mir die Neigung verstärkt hat, ins Sonett zu »fallen«, wenns um eher zwiespältige »Gegenstände« ging. Ganz sicher hat sein strenges Reimschema auf mich abgefärbt… vorher hab ich doch mehr das sonet licencieux praktiziert. Gerade NICHT abgekuckt hab ich mir dagegen seinen Sprachgebauch: Da hat er mich verstärkt in der Nichtverwendung von altväterlichem Wortschatz und Satzbau. Ich bin – im Gegenzug wohl – dahin gekommen, auch entlegeneren Fachwortschatz (der in mir rumkollert) nicht zu vermeiden. Und neueste Umgangssprache nicht zu scheuen.


Ich fragte Ernst-Jürgen Dreyer, welche Vernetzungen sein scharfes Auge zwischen den Sonetten «Zwei Ringe» und «Wandlung» von Klaus M. Rarisch einerseits und meinen Responsen («Gestirne» bzw. «Abgeflogen») andererseits zu erblicken imstande sein möchte. Er schreibt:

den 26. Juli 2000

… Nun würden es mir Zeit und Neigung erlauben, die Sonettpaare zu kommentieren, aber so sehr ich auch suche und wende, ich finde zwischen «Zwei Ringe» (samt Kommentar) und «Gestirne» keinerlei Korrespondenz. Die Vokale muß ich doch wohl nicht zählen? Auch sehe ich ja im Reimpaar 10/14, daß der Vokal ö bei Dir nicht fehlt. Mit «Wandlung» und «Abgeflogen» geht es mir schon besser, ich sehe in Deinen Reimen die des Originals sozusagen transponiert, wie in ein anderes Licht getaucht. Und so wenig ich sonst von Deinen Gedichten verstehe – ich lese sie 20mal und finde sozusagen den Anfang der laokoonischen Nudel nicht, und das Ganze kriege ich nicht in den Mund –, so weht mir doch aus jedem eine gewisse Skepsis entgegen, die KMRs Vorgabe Lügen straft: Blendung – verfallen – Pfändung – verfehlt – schwinden – verhallt – erblinden – sich ertöten – frisches Leid lang vorm gewissen Tod; bzw.: Es ist nicht gut, daß … was?! Ach was etc., was alles resignativ klingt, als wollte es sagen: «Gibs auf; es wird ja doch nichts draus».

Klaus M. Rarisch theoretisiert
 

Sonett-Sprechsaal

Sonett-Sprechsaal
Der Sprechsaal

Rechte bei mir