Am Himmel gesehen

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Der geistliche Pilger erblickt eine andere Welt – Detail

Observationes von solcher Materie

Eigentlich schade, daß Johann Gottfried Schnabel Mons. Eberhard Julii »gar feinen und gelehrten discours« zu solchen Meteora und ähnlichem, von dem in der Anmerkung zur Schilderung einer seltsamen Himmelserscheinung im Theil II der »Insel Felsenburg« die Rede ist, als redundant unterschlägt. [1] Argument fürs Auslassen: Er sei »gar zu weitläufftig« ausgefallen, und überdies seien »seit wenig Jahren fast aller Orten verschiedene Observationes und Abhandlungen von solcher Materie, in deutscher, Lateinischer und andern Sprachen gedruckt zum Vorscheine gekommen«, »so daß fast ein jeder gemeiner Mann in Deutschland ziemlich wohl darvon zu raisoniren weiß«.

Als in Geschichte von Zeitungs- und Sachschriftenwesen wie überhaupt schon mal in Ufologie (mit ihrem stets auf Außerirdisches gerichteten Blick) Unbewandertem ist mir – abgesehn von C. G. Jungs Ausführungen – nicht geläufig, was Mons. Eberhard Julio – und damit ja auch Schnabel – aktueller als Hesekiel 1, 4-28 zu unerklärlichen Himmelserscheinungen »in deutscher, Lateinischer und andern Sprachen gedruckt« hat unterkommen können. »Das Neueste von gestern« gibt mir wenigstens ein bißchen mehr dazu her, von Eberhard Buchner in fünf Bänden zusammengesammelt. Im Register zum ersten Band (16. und 17. Jahrhundert) verweist das Stichwort »Himmelserscheinungen« auf zehn Einträge. Darunter allerdings auch solche, die sich anscheinend auf einen »schlichten« Meteoriteneinschlag beziehen und insofern kein Muster fürs felsenburgische Geschehen abgeben. Ein Beispiel:

 

Auß Venedig vom 10. Februarij. Man hat im Veltlin von dem Wurmbser Joch durch das gantze Thal hinab gen Meyland im Lufft einen fewrigen streimen [= Streifen] wie einen grossen Cometen / mit erschrockenlichem donnerklapf fahren gesehen.

Zeitung Post [Zürich] 1633. Nr. 14 [2]

Ebensowenig taugen Meldungen als Muster, die großes Figurentheater entfalten, wie in einem 1686 präsentierten Extremfall die »zu Deai in Bearn« beobachtete »grosse Feuer-Flamm«, in der »eine grosse Versamblung von Mann- und Weiblichen Geschlecht erschienen sey / und man gar eigentlich mit heller Stimme den 89. Psalmen haben singen hören / welcher anfängt: Ich wil deß Herrn Gnad lobsingen ewiglich / und seine Treu ohn Maaß ausbreiten stetiglich / etc.« [3] Das kann auch mal zu rauschhafter Nummernrevue ausufern. In diesem Fall nur in Andeutung:

 

Auß Antorff / vom 20. Febr. 1628. Von Ambsterdam hat man gar glaubwürdig / daß daselbst ein Adler unnd Löw in dem Lufft / gleich ob der Statt mit einander atreitend / gesehen worden / biß endtlich nach langem Kampff der Adler dem Löwen die Gurgel abgebissen / uberwunden unnd ertödt hat: dises ist von vil tausent Menschen gesehen worden.

Rechte Ordinari Zeitung [München] 1628 [4]

Nur wenig halbwegs zum »Meteoron« im 1732 erschienenen Theil II der Insel Felsenburg Passendes:

 

Lemberg, den 29. Sept. Von Kamieniec wird geschrieben, daß daselbst am 18. dieses ein grosser feuriger Drache in der Lufft über eine viertel Stunde herum geflogen, und ungemein starcke Feuer Flammen, imgleichen viel baares Geld von sich gespieen und zu 2 mahlen einen solchen Knall gegeben, als wenn die grösten Canonen gelöset würden; hier bei uns in Lemberg hat man solches Ungeheuer nicht wahr genommen, sondern es war an eben gedachten dato ein starcker Sturm-Wind und erschrecklicher Platz-Regen.

Vossische Zeitung. Berlin 1728. Nr. 129 [5]

Ähnlich – für Theil II zu spät – ebenfalls in Buchners zweitem Band (1700–1750):

 

Auß Wien / vom 20. 30. Martij. Zu Preßburg ist ein fewriger Drack etlich stund am Himmel gesehen worden / so ein vergifftung des luffts bedeuten solle.

Wochentliche Ordinari Zeitung [Zürich] 1638. Nr. 18 [6]

Die Register zu Buchners nächsten beiden und vermutlich auch den restlichen Bänden kommen ohne das Stichwort »Himmelserscheinungen« aus. Die folgende Meldung von 1736 belegt jedenfalls, daß dies himmlische Motiv bei Erscheinen von Theil IV der Insel Felsenburg (1743) – wo, weil so schön, das rätselhafte »Meteoron« nochmals aufgegriffen wird – immer noch herumspukte:

 

Constantinopel, den 18. Septembr. Den 13. Nachmittage um 4 Uhr wurde der Horizont über dieser Stadt mit einer dicken Wolcken überzogen, und dadurch die Lufft dermassen verfinstert, als ob es Nacht wäre, solches dauerte ungefähr 96 Minuten, worauf sich mitten in der Wolcken ein heller Stern, dessen Farbe gantz Blut-roth war, sehen liesse; nach 6 Uhr deß Abends verlohr sich dieser ungewöhnliche Stern, welcher zuletzt noch mit einem Schweiff sich vermehret, und dadurch einem Cometen nicht ungleich wurde, worauf ein dicker Nebel kam, der biß um 11 Uhr in die Nacht dauerte, und einen üblen Geruch hinterließ, welches die Leuthe bey einer so ungewöhnlichen Sache in eine grosse Bestürtzung setzte.

Schlesischer Nouvellen-Courier. [Breslau] 1736. Nr. 170 [7]

Eberhard Buchner deutet im Vorwort an, daß breite Materialbasis ihn gezwungen habe, für »Das Neueste von gestern« auszuwählen. [8] Was durchaus auch Meldungen zu Himmelserscheinungen betroffen haben könnte. Buchner äußert sich nicht näher zur – mit Sicherheit auch ihm zweifelhaften – Realitätsnähe manches in seine Sammlung Übernommenen. In seinem »Dialog als Einleitung« eine Andeutung seiner Sichtweise, was damalige Zeitungen wie Zeitungen überhaupt angeht: »Ihr Wert liegt erst in zweiter und dritter Linie auf historischem, zunächst aber unbedingt auf kulturhistorischem Gebiet.« Und: »hier spricht die Zeit selbst, ganz direkt, ganz unmittelbar. Du siehst, wie sie auf jeden einzelnen Reiz reagiert, du hörst ihren Puls, und darüber lernst du sie verstehen.« [9]

Zu bedenken: Die Periodika, aus denen zitiert wird, erschienen regelmäßig, d. h. in städtischer Umgebung und für entsprechende Abnehmerschaft, (noch) relativ unereilt von den Schrecken des Dreißigjährigen Kriegs. Den von kommerziellem Interesse geleiteten Herstellern wird an Absatzförderung gelegen gewesen sein. Rezepte dafür boten schon Homers Epen, das Alte Testament und das Neue mit der unüberbietbaren Offenbarung des Johannes: Wunder, Geheimnisse und Schrecken. Allem Anschein nach kulturhistorische Konstante.

Und so hat wohl auch Johann Gottfried Schnabel dies sich immer noch bewährende Rezept genutzt und mit dem »Wunderspiel« der »Meteora« in den Theilen II und IV des Romans seine Felsenburger in Stellvertretung der Leserschaft »in besonderen Schrecken gesetzt«, ihnen dabei jedoch in Theil II auch rationales Herangehen nahelegen lassen.

Robert Wohlleben

1] Insel Felsenburg (Ausg. Zweitausendeins), Theil II, S. 543-545.
2] Eberhard Buchner: Das Neueste von gestern. Kulturgeschichtlich interessante Dokumente aus alten deutschen Zeitungen. Bd. 1, 16. und 17. Jahrhundert. München: Albert Langen 1911, S. 64.
3] Ebd., S. 183.
4] Ebd., S. 44.
5] Ebd., S. 85.
6] Buchner, Bd. 2, 1700–1750 (1912), S. 200.
7] Ebd., S. 309.
8] Ebd., S. VI.
9] Ebd., S. XIV.

(C. G. Jung über frühe Ufo-Sichtungen)