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Am Grimsel

James Fenimore Cooper
Die Monikins. Eine Mär
Vorwort

Vorwort

Der eine oder andere Leser dieses Buches verspürt womöglich den Wunsch zu erfahren, wie ich in den Besitz des Manuskripts gelangt bin. Solch Begehren ist nur allzu berechtigt und natürlich, als daß es abzuschlagen wäre, und deshalb sei die Geschichte so kurz und bündig wie möglich erzählt.

Im Sommer 1828, beim Bereisen der Schweizer Täler, die zwischen die beiden mächtigen Bergketten der Alpen gebettet sind und wo sowohl Rhone als auch Rhein entspringen, hatte mich mein Weg von den Ursprüngen des letzteren zu denen der ersteren geführt und jenes Tal erreichen lassen, das für den dort befindlichen Rhonegletscher so berühmt ist, als mir der Zufall einen der raren Augenblicke von Erhabenheit und Einsamkeit bescherte – um so kostbarer auf dieser anderen Erdhälfte, weil so selten. Rings war die Aussicht von schroff aufragenden Bergriesen mit sonnennah glitzernden Gipfeln eingegrenzt, während sich unmittelbar vor mir und geradenwegs im Blick dies wundersame gefrorene Meer erstreckte, aus dessen Tauwasser die Rhone als schäumender Fluß entsteht, um dem fernen Mittelmeer zuzueilen. Zum ersten Mal im Verlauf jahrelanger Pilgerschaft fühlte ich mich in Europa mit der Natur allein. Doch ach!, der Genuß war, wie es solche Genüsse in der drangvollen Enge der Alten Welt nun einmal an sich haben, nur kurz und trügerisch. Auf dem schmalen Saumpfad um eine Felskante herum kam, hintereinander her, eine Reisegesellschaft heran: zwei Damen zu Pferde, ebenso viele Herren zu Fuß im Gefolge und wie gewöhnlich voran der Führer. Da war es schlichtes Gebot der Höflichkeit, sich zu erheben und den sanften Augen und rosigen Wangen der ersteren einen Gruß zu entbieten, als sie vorbeizogen. Sie kamen aus England, und die Herren schienen mich als Landsmann anzusehen. Einer von ihnen blieb stehen und erkundigte sich höflich, ob der Furka verschneit sei. Nein, bekam er zur Antwort, und in Erwiderung der Auskunft teilte er mit, daß ich vielleicht den Grimsel etwas heikel finden könnte, »aber«, fügte er lächelnd hinzu, »die Damen haben die Passage bewältigt, und da werden Sie wohl kaum zögern.« Ich meinte, einer von seinen hübschen Begleiterinnen bewältigten Schwierigkeit wohl gewachsen zu sein. Dann erzählte er mir noch, daß Sir Herbert Taylor zum Generaladjutanten befördert worden sei, und wünschte mir einen guten Morgen.

Ich saß noch ein Stündchen und sann über Wesen, Hoffnungen, Ziele und Interessen der Menschen nach, bis ich zum Schluß kam, daß es sich bei dem Fremden um einen Militär handelte, der einiges aus dem gewohnten Getriebe seiner Gedanken in diese kurze und zufällige Unterhaltung hatte einfließen lassen. Meine einsame Wanderschaft wieder aufzunehmen, die Rhone zu überqueren und mich die zerklüftete Seite des Grimsel emporzumühen nahm zwei weitere Stunden in Anspruch, und so war ich denn heilfroh, in Sicht des ungemütlich kalt anmutenden kleinen Gewässers auf der Paßhöhe zu kommen, Totensee genannt. An einer sehr kritischen Stelle, wo ein Fehltritt den Unvorsichtigen leicht zum Verderben werden konnte, war der Pfad verschneit. Eine größere Reisegesellschaft auf der anderen Seite schien sich dieser Schwierigkeit wohlbewußt zu sein, denn man hatte angehalten und sich mit dem Führer in eingehende Beratung über die Passierbarkeit vertieft. Man entschied, das Unternehmen zu wagen. Als erste kam ein weibliches Wesen mit so liebreizenden und heiteren Zügen, wie ich sie kaum je gesehen hatte. Sie war ebenfalls Engländerin, und wenn sie auch bebte, errötete und über sich selber lachte, strebte sie doch beherzt voran und wäre auch wohlbehalten auf meine Seite gelangt, hätte sich nicht ein unseliger Stein unter einem für diese rauhen Berge viel zu hübschen Fuß verkantet. Ich sprang hinzu und war so glücklich, sie vor dem Verderben zu bewahren. Sie empfand das Ausmaß der Verpflichtung und verlieh sittsam, doch mit Inbrunst ihrem Dank Ausdruck. Schon bald war ihr Gemahl bei uns, der mit warmem Gefühl meine Hand ergriff oder vielmehr mit der Empfindung, die wohl jemand verspüren muß, der gerade der Gefahr ins Auge gesehen hat, einen Engel zu verlieren. Die Dame schien es zufrieden zu sein, uns beide allein zu lassen.

»Sie sind Engländer?«, fragte der Fremde.

»Amerikaner.«

»Amerikaner! Das ist ja kurios – gestatten Sie mir eine Frage? Sie haben mehr getan, als mein Leben zu retten – Sie haben mich wahrscheinlich davor gerettet, den Verstand zu verlieren – gestatten Sie mir eine Frage? Wäre Ihnen mit Geld gedient?«

Ich lächelte und erklärte ihm, auch wenn es ihm vielleicht eigenartig erscheine, sei ich, obwohl Amerikaner, dennoch ein Gentleman. Er schien verlegen, und in seinem vornehmen Gesicht arbeitete es, bis mich allmählich Bedauern ankam, denn es war offensichtlich, daß er mir in irgendeiner Weise zeigen wollte, wie sehr er sich in meiner Schuld sah, aber nicht recht wußte, was er anbieten sollte.

»Vielleicht sehen wir uns ja wieder«, sagte ich, indem ich ihm die Hand drückte.

»Hätten Sie die Güte, meine Karte anzunehmen?«

»Mit größtem Vergnügen.«

Er händigte mir »Viscount Householder« ein, und ich wiederum reichte ihm mein bescheidenes Signalement.

Er blickte von der Karte zu mir, von mir zur Karte, und ein erfreulicher Gedanke schien ihm in den Sinn zu kommen.

»Kommen Sie in diesem Sommer nach Genf?«, fragte er eindringlich.

»Binnen Monatsfrist.«

»Ihre Adresse –«

»Hotel de l’Écu.«

»Sie werden von mir hören. Adieu.«

Wir trennten uns. Er, seine bezaubernde Gattin und seine Führer stiegen zur Rhone hin ab, während ich meinen Weg zum Grimsel-Hospiz fortsetzte. Einen Monat später erhielt ich im Écu ein größeres Päckchen. Es enthielt einen kostbaren Diamantring mit beigefügter Bitte, diesen als Andenken an Lady Householder zu tragen, und ein sauber geschriebenes Manuskript. Die folgende kurze Notiz setzte die Wünsche des Verfassers auseinander:

Die Vorsehung hat uns aus mehr Gründen zusammengeführt, als zunächst ins Auge sprangen. Ich habe lange gezögert mit der Veröffentlichung des beigefügten Berichts, denn in England begegnet man außergewöhnlichen Fakten gern mit Mäkeleien, doch die Distanz zwischen Amerika und meinem Domizil wird mich davor bewahren, zum Gespött zu werden. Die Welt muß die Wahrheit erfahren, und ich weiß keinen besseren Weg, als mich Ihrer Vermittlung zu versichern. Meine ganze Bitte besteht darin, daß Sie das Buch anständig zum Druck befördern und daß Sie ein Exemplar an meine Adresse, Householder Hall, Dorsetshire, England, senden und ein weiteres an Captain Noah Poke, Stonington, Connecticut, in Ihrem Heimatlande. Meine Anna betet für Sie und versichert Sie ihrer unverbrüchlichen Freundschaft. Vergessen Sie uns nicht!

Ihr höchst ergebener HOUSEHOLDER.

Ich habe diesem Ansinnen strikt entsprochen, und nachdem ich die beiden Exemplare anweisungsgemäß versandt habe, steht der Rest der Auflage jedem zur Verfügung, der sich geneigt finden mag, dafür zu zahlen. Auf das nach Stonington gesandte Exemplar hin erhielt ich den folgenden Brief:

An Bord der Debby and Dolly, Stunin’tun, 1. April 1835

An den VERFASSER VON DER SPION, Esquire:

Sehr geehrter Herr! – Ihr wertes Schreiben ist angelangt und erreichte mich bei guter Gesundheit, wie es, so hoffe ich, diese wenigen Zeilen bei Ihnen ebenso vorteilhaft betreffen werden. Ich habe das Buch gelesen und muß sagen, daß es einiges Wahre enthält, wie es, glaube ich, jedem Buch ergeht, die Bibel, den Nautischen Almanach und die Verfassungen unserer Bundesstaaten ausgenommen. Ich erinnere mich gut an Sir John und werde nichts von dem bestreiten, wofür er sich verbürgt, schlicht aus dem Grund, daß Freunde einander nicht widersprechen sollten. Ich war ebenfalls mit den vier Monikins bekannt, von denen er erzählt, kannte sie allerdings unter andern Namen. Miss Poke sagt, sie frage sich, ob auch alles wahr ist, was ich ihr aber nicht verraten werd. Ich weiß nämlich, daß ein bißchen Ungewißheit ner Frau zu Vernunft verhilft. Was mein Navigieren ohne Geometrie angeht, so ist dies ne Sache, die es nicht wert war, verbucht zu werden, denn in jenen Weltgegenden isses nix Besondres, den Blick auf den Kompaß auf ein- oder zweimal pro Tag zu beschränken, und so empfehle ich mich Ihnen denn mit dem Anerbieten, für Sie jederlei Kommission zwischen den Robben-Inseln zu übernehmen, zu denen ich morgen absegel, sofern Wind und Wetter erlauben.

Ihr Diener NOAH POKE.

An den Verfasser von Der Spion, Esquire, –––-town, –––– County, York State.

P. S. – Ich hab Sir John immerzu geraten, zu viel Tagebuchschreiben mit Abstand zu umsegeln, doch er tat nichts als schreiben, Tag und Nacht, eine ganze Woche lang, und wie gebraut, gehört gebacken. Der Wind ist umgesprungen, und wir lichten diese Tide den Anker. Also nichts Weiteres für den Augenblick.

N. B. – Sir John irrt ein wenig, wenn er sagt, daß ich den Affen gegessen hab, was ich allerdings tatsächlich unten in Spanisch-Amerika getan hab, und zwar vier Jahre bevor ich ihm begegnete. Vom Geschmack her gar kein so übles Essen, doch schrecklich irretant fürs Auge. Ich meinte wahrhaftig, ich hätt Miss Poke ihr Jüngstes erwischt.
 
 

James Fenimore Cooper: Die Monikins
übersetzt von Robert Wohlleben
2 Bände Oktav, Leinen, je 336 Seiten,
im Schuber, 48 Euro / 90 sFr.
Erschienen bei der Achilla Presse

Achilla Presse

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Hauptstraße 80
D 26969 Butjadingen
www.achilla-presse.de

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