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James Fenimore Cooper:
Die Monikins. 24. Kapitel


Ankunft – Wahlkampf – Architektur – Ein Nudelholz sowie Patriotismus reinsten Wassers

Bebrillter Monikin

(Auszug)


Die Stadt Biwak bot einen einzigartigen Anblick, als ich zum ersten Mal den Fuß in ihre geheiligten Straßen setzte. Die Häuser waren alle mit großen Plakaten bedeckt, die ich zunächst für Listen der zum Verkauf stehenden Waren hielt, denn der Ort ist als Handelsplatz bekannt. Es waren aber, wie ich bei näherer Inaugenscheinnahme bald entdeckte, nur Wahlplakate. Der Leser wird sich meine Freude und Überraschung beim Lesen des ersten, das sich darbot, denken. Es lautete wie folgt:

WAAGERECHTE NOMINIERUNG.
Republikaner von Waagerechter Grundsatzüberzeugung, Obacht!

Eure unantastbaren Rechte sind in Gefahr, Eure teuersten Freiheiten sind bedroht, Eure Frauen und Kinder stehen am Rande der Entsittlichung. Die schändliche und verfassungswidrige Auffassung, daß tags die Sonne scheint und nachts der Mond, wird offen und schamlos propagiert. Jetzt ist die einzige sich wahrscheinlich jemals bietende Gelegenheit, einem derart mit Betrug und familiären Mißständen belasteten Irrglauben Einhalt zu gebieten. Wir weisen Euch hin auf einen fähigen Beschützer all dieser Interessen, die Euch lieb und teuer sind, und zwar

in der Person von
JOHN GOLDENCALF,

dem bekannten Patrioten, dem bewährten Volksvertreter, dem grundgelehrten Wissenschaftler, dem unbestechlichen Staatsmann. Unseren naturalisierten Mitbürgern müssen wir Mr. Goldencalf nicht eigens empfehlen, da er einer der Ihren ist. Für die eingesessenen Bürger nur so viel: »Versucht es mit ihm, und Ihr werdet mehr als zufrieden sein.«

Für mich war das Plakat von großem Nutzen, denn es gab mir den ersten überhaupt bisher erlangten Hinweis auf die Aufgabe, die in der kommenden Sitzungsperiode des Großen Rates zu erfüllen man von mir erwartete – was schlicht darin bestand nachzuweisen, daß der Mond tags scheine und die Sonne nachts. Natürlich machte ich mich sofort gedanklich daran, die passenden Argumente aufzuspüren, mit denen sich diese ernste politische Hypothese wirksam stützen ließe. Das nächste Plakat galt

NOAH POKE,

erfahrener Navigator, der das Staatsschiff in den Hafen der Prosperität steuern wird – praktizierender Astronom, dem aus vielfachen Beobachtungen bekannt ist, daß Lunar-Ephemeriden im Dunkeln nicht zu haben sind.

Senkrechte, bleibt im Lot und zwingt Eure Feinde aufs Kreuz!

Danach begegnete mir dies:

DER WOHLGEBORENE ROBERT SMUT

wird allen Mitbürgern vom Nominierungskomitee der Politisch-Tangentialen Bewegung wider sanktioniert Vergeistigtes nach bestem Wissen und Gewissen empfohlen als wahrer Gentleman, reifer Gelehrter*), wohlinformierter Politiker und zuverlässiger Demokrat.

Aber ich würde mein Manuskript mit nichts anderem vollschreiben, wollte ich auch nur den zehnten Teil der Lobsprüche und Beleidigungen, mit denen ein Gemeinwesen, für das wir doch bisher absolut Fremde waren, uns alle überhäufte. Ein einzelnes Beispiel für letzteres soll genügen:

EIDLICHE ERKLÄRUNG.

Vor mir, Hans Billigkeit, Friedensrichter, erschien in Person Peter Wahrhaft, &c. &c., der nach ordentlicher Vereidigung auf die Heiligen Evangelisten wie folgt aussagt: Er war mit einem gewissen John Goldencalf in dessen Heimatland gut bekannt und hat persönlich Kenntnis der Tatsache, daß er, besagter John Goldencalf, drei Ehefrauen hat sowie sieben uneheliche Kinder. Er ist überdies ein charakterloser Bankrotteur und war genötigt zu emigrieren, weil er ein Schaf gestohlen hatte.**)

Beeidigt, &c.
(Gezeichnet) PETER WAHRHAFT.

Ich war natürlich ein wenig indigniert angesichts dieser unverschämten Kundgabe und wollte schon den erstbesten Passanten nach der Adresse von Mr. Wahrhaft fragen, als einer aus dem Nominierungskomitee der Waagerechten mich am Saum meines Fells faßte und ich überschüttet wurde mit Gratulationen, weil ich glücklich gewählt war. Erfolg ist ein herrliches Pflaster für alle Wunden, und ich vergaß tatsächlich, daß ich der Affäre mit dem Schaf und den unehelichen Kindern nachzugehen hatte. Ich versichere allerdings nach wie vor, daß der Schurke, der diese Verleumdung ausstreute, für seine Frechheit hätte büßen müssen, wäre ihm das Geschick weniger gnädig gewesen. Keine fünf Minuten hin, war Captain Poke an der Reihe. Auch ihm wurde in gehöriger Form gratuliert, denn wie es schien, hatte der »Imm’granten-Part«, wie Noah dazu sagte, tatsächlich auf beiden der konkurrierenden großen Listen einen Kandidaten durchgebracht. So weit stand alles zum besten, denn nachdem ich so lange in seiner Messe mit ihm zu Tisch gesessen hatte, gab es für mich nicht den geringsten Einwand dagegen, zusammen mit dem ehrbaren Robbenfänger im niederhupfschen Parlament zu sitzen. Unser beider Überraschung und, wie ich glaube hinzufügen zu dürfen, auch Entrüstung wurden aber dadurch ziemlich rege, daß uns kurz darauf eine herumgetragene Bekanntmachung mit der Programmfolge für den »Feierlichen Empfang des Wohlgeborenen Robert Smut« ins Auge fiel.

Es schien, daß die Waagerechten und die Senkrechten, um die Tangentialen für sich zu gewinnen und einander zu übervorteilen, so viele unechte und undurchsichtige Wahlgänge durchgeführt hatten, daß dieser kleine Spitzbube tatsächlich das Wahlergebnis anführte! Ein politisches Phänomen, das in der niederhupfschen Geschichte der periodischen Kür der Klügsten und Besten allerdings keineswegs selten ist, wie ich später entdeckte.

Es bedeutete ja allemal eine Steigerung der Anteilnahme bei der Ankunft in einem fremden Land, sich binnen ein und desselben Tages an fast allen Ecken der Hauptstadt sowohl in den Himmel gehoben als auch wüst beschimpft zu sehen sowie ins Parlament gewählt zu werden. Dennoch gestattete ich mir nicht, so weit begeistert noch so weit niedergeschlagen zu sein, daß ich nicht alles um mich herum beobachtet hätte, um so genau und so rasch wie möglich ein Verständnis für die Denkungsart, die Vorlieben, die Gewohnheiten, die Wünsche und die Bedürfnisse meiner Wähler zu gewinnen.

*) [Fußnote des Erzählers:] Später entdeckte ich, daß dies in Niederhupf ein geläufiger Begriff war, unterschiedslos auf jeden brillentragenden Monikin angewandt.
**) [Anmerkung des Übersetzers:] … ein Schaf gestohlen: Noch zur Zeit der Reise zu den Monikins konnte für Schafdiebstahl, wie für zahlreiche andere Delikte, nach englischem Recht auf Todesstrafe erkannt werden. Flucht ins Ausland wäre also dringend geboten gewesen. Erst ab etwa 1820 wurden die allermeisten der betreffenden Gesetze sukzessive abgeschafft, was 1835, als die »Monikins« erschienen, noch nicht abgeschlossen war. Im übrigen klingt hier das Alte Testament an: Nach Davids Ehebruch mit Urias’ Ehefrau Bathseba erzählt der Prophet Nathan dem König gleichnishaft vom Diebstahl eines Schafes; der ergrimmte David will den Dieb zunächst mit dem Tode bestraft wissen, erkennt dann die eigene Sünde (2. Sam. 12).

So ists bei Cooper zu lesen

James Fenimore Cooper:
Die Monikins. Eine Mär
Übersetzt von Robert Wohlleben
Herausgegeben und per Nachwort kommentiert
von Christian Huck

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