Zu www.fulgura.de mit Navigations-Kolumne

James Fenimore Cooper:
Die Monikins. Sechstes Kapitel


Eine Theorie von handgreiflicher Großartigkeit — etliche praktische Ideen und der Auftakt der Abenteuer

Glück und Geld

(Auszug)


Die Rekapitulation der starken Gefühle jenes bedeutsamen Abschnitts meines Lebens hat in gewissem Maße den Zusammenhang der Erzählung gestört und womöglich im Kopf des Lesers einige Unklarheit hinterlassen, was das Thema der neuen Glückseligkeitsquellen angeht, das meinen Verstand überbrandet hatte. Deshalb ist hier wohl ein erläuterndes Wort nicht unangebracht. Um meinen Ansichten billige Würdigung zu sichern, habe ich allerdings vor, mehr auf mein Handeln und auf die wunderbaren Geschehnisse zu sprechen zu kommen, die der Welt zu offenbaren, binnen kurzem meine Pflicht sein wird, denn auf bloße begriffliche Erklärungen.

Glückseligkeit – Glückseligkeit im Dies- und Jenseits war mein Anliegen. Mir ging es um ein Leben fruchtbarer und tätiger Güte, ein Sterbebett in Hoffnung und Freude und eine Ewigkeit der Erfüllung. Mit derartigem Ziel vor Augen, hatte ich von dem Augenblick an, als ich die Reue meines sterbenden Vaters erlebte, intensiv über die Mittel und Wege nachgegrübelt, es zu erreichen. Schlichteren Gemütern wird es ohne Zweifel überraschend erscheinen, daß ich den Schlüssel zu diesem erhabenen Mysterium bei der verflossenen Wahl für das Borough Householder und aus dem Munde des hochwohlgeborenen Lord Pledge erlangte. Gleich anderen bedeutsamen Entdeckungen ist es, sobald verstanden, sehr einfach und läßt sich leicht dem schwerfälligsten Auffassungsvermögen einsichtig machen, wie es in der Tat bei jedem Prinzip der Fall zu sein hätte, das so eng mit dem menschlichen Wohlergehen verknüpft ist.

Allgemein für gültig genommener Wahrheit gemäß ist das Glück das einzige berechtigte Ziel aller menschlichen Zusammenschlüsse. Die Regierten treten einen gewissen Teil ihrer natürlichen Rechte ab, um in den Genuß von Frieden, Sicherheit und Ordnung zu gelangen, wohlwissend, daß sie sich des verbleibenden Teils als ihres eigenen, unverletzlichen Besitzes erfreuen sollen. Es stimmt, daß von Nation zu Nation manch deutliche Auffassungsunterschiede hinsichtlich der Frage der Ausmaße dessen bestehen, was zu gewähren und was vorzuenthalten ist. Doch diese Abweichungen von einer goldenen Mitte haben nur mit den entsprechenden Kapricen menschlichen Urteilsvermögens zu tun und schmälern die Gültigkeit des Prinzips in keiner Weise. Ich entdeckte auch, daß die Weisesten und Besten unter den Menschen oder – was praktisch dasselbe ist – die im höchsten Maße Verantwortlichen einheitlich der Ansicht sind, daß jemand mit dem größten Einsatz in die Gesellschaft der Natur der Sache nach auch am besten geeignet ist, deren Angelegenheiten in die Hand zu nehmen. Gesellschaftlicher Einsatz soll in Übereinstimmung mit allgemeiner Konvention heißen: Vervielfältigung der Belange, die uns in unserem alltäglichen Tun und Treiben in Anspruch nehmen, beziehungsweise dessen, was gemeinhin Besitz genannt wird. Das Prinzip funktioniert, indem es uns zum Rechttun anspornt, und zwar mittels unserer umfänglichen Investitionen, die unvermeidlich darunter leiden würden, sollten wir unrecht tun. Damit ist die These verdeutlicht, und auch die hinführenden Gedanken sind der Gefahr entrückt, mißverstanden zu werden. Glück ist das Ziel der Gesellschaft, und Besitz beziehungsweise ein festverankertes Interesse an dieser Gesellschaft ist beste Garantie für unsere Uneigennützigkeit und Gerechtigkeit sowie die beste Voraussetzung für ihre richtige Lenkung. Als logischer Folgesatz ergibt sich sodann, daß eine Vervielfältigung dieser Interessen den Einsatz vergrößert und uns zunehmend des Vertrauens würdig werden läßt, indem sie uns, soweit es in Annäherung gehen kann, in den reinen und vergeistigten Zustand der Engel erhebt. Ein glücklicher Zufall, wie er zuweilen Menschen zu Kaisern und Königen macht, hatte mich zum womöglich reichsten Mann Europas werden lassen. Mit diesem Leitstern von Theorie vor Augen und derart reichlich ausgestattet mit zweckdienlichen Mitteln, wäre es gewißlich schuldhaft von mir gewesen, hätte ich mein Schifflein nicht in den rechten Port gesteuert. Wenn derjenige mit den umfänglichsten Investitionen am ehesten imstande ist, seine Mitmenschen zu lieben, sollte es für jemanden in meiner Lage keine große Schwierigkeit bedeuten, führend zu werden in der Philanthropie. Es trifft zu, daß das Beispiel meines unmittelbaren Ahnen bei oberflächlichen Betrachtern zur Annahme führen könnte, dieses bilde eine Ausnahme von der Theorie oder eher gar einen Einwand dagegen. Das ist jedoch nicht im entferntesten der Fall, sondern beweist gerade das Gegenteil. Mein Vater hatte in großem Maßstab seine gesamten Anlagen in der Staatsschuld konzentriert. Jenseits aller Nörgelei nämlich schätzte er die Staatspapiere ungemein. Er geriet in Zorn, wenn sie angegriffen wurden, er rief nach Bajonetten, wenn die Masse auf die Besteuerung schimpfte, brach eine Lanze für den Galgen, wenn Aufruhr drohte, und bewies auf hunderterlei andere Weise das Wort: »Wo der Schatz ist, da ist auch das Herz.« Das Beispiel meines Vaters lief daher wie alle Ausnahmen letzten Endes darauf hinaus, die Gültigkeit der Regel zu beweisen. Er war bloß in den Fehler der Konzentration verfallen, wo Expansion der einzig sichere Weg gewesen wäre. Ich beschloß, zu expandieren, also das zu tun, was wahrscheinlich kein Volkswirtschaftler je zu tun in Betracht gezogen hatte – kurz, das Prinzip des gesellschaftlichen Einsatzes derart zur Ausführung zu bringen, daß es mich bewege, alles und jedes zu lieben, und ich in der Folge würdig sei, mit der Obhut für alles und jedes betraut zu werden.

Gleich nach Ankunft in der Stadt diente mein erster Besuch der Dankabstattung an den hochwohlgeborenen Lord Pledge. Zunächst hatte ich einige Zweifel empfunden, ob wohl die Würde eines Baronet den Zielen der Philanthropie förderlich sei oder nicht, denn indem sie mich über große Teile der Menschheit erhob, war sie wohl, wenigstens insoweit, ein Abrücken von philanthropischen Neigungen. Bei Eingang des Adelspatents und Entrichtung der Gebühren jedoch war ich bereits zur Ansicht gelangt, sie möchte sich recht und billig als finanzielle Anlage betrachten lassen und sei folglich mit der Regel in Einklang gebracht, die ich mir für mein Vorgehen aufgestellt hatte.

Als nächstes galt es, fähige Agenten anzustellen, zwecks Unterstützung beim Tätigen der Ankäufe, die erforderlich waren, mich der Menschheit zu verbinden. Einen Monat lang war ich emsig damit beschäftigt. Da es an flüssigen Mitteln nicht fehlte und ich in der Frage der Preise nicht besonders heikel war, keimten am Ende dieses Zeitraums bei mir gewisse Empfindungen auf, die dann schließlich den glorreichen Erfolg des Experiments bewiesen. Mit anderen Worten: Ich besaß viel und fing an, mich lebhaft für all das zu interessieren, was ich besaß.

Ich erwarb Liegenschaften in England, Schottland, Irland und Wales. Die Streuung des Grundbesitzes hatte den Sinn, meine Gefühle gleich und gerecht zwischen den verschiedenen Regionen meines Vaterlands aufzuteilen. Damit jedoch nicht zufrieden, dehnte ich das Verfahren auf die Kolonien aus. Ich hielt Anteile der East India Company, hatte einen Schnellsegler, Grundbesitz in Canada, eine Pflanzung auf Jamaica, Schafherden am Kap und in Neusüdwales, eine Indigo-Beteiligung in Bengalen, eine Firma zur Beschaffung von Antiken auf den Ionischen Inseln und eine Geschäftsverbindung mit einer Seehandelsgesellschaft zwecks Versorgung unserer mannigfachen abhängigen Gebiete mit Bier, Schweinespeck, Käse, feinen Tuchen und Eisenwaren. Vom Britischen Empire weiteten sich meine Interessen bald auf andere Länder aus. An der Garonne und in Xeres kaufte ich Weingüter. In Deutschland erwarb ich Beteiligungen an verschiedenen Salz- und Kohlebergwerken, ebenso für Edelmetalle in Südamerika, in Rußland stieg ich mächtig in Talg ein, in der Schweiz etablierte ich eine umfängliche Uhrenmanufaktur und kaufte die Pferde für ein in großem Maßstab betriebenes Fuhrunternehmen zusammen. Mir gehörten Seidenraupen in der Lombardei, Olivenhaine und Hutmachereien in der Toskana, ein Bad in Lucca und eine Makkaronifabrikation in Neapel. Nach Sizilien schickte ich Gelder zum Ankauf von Weizen, und in Rom hielt ich einen Kunstkenner mit der Aufgabe, eine Generalagentur zur Belieferung mit britischen Produkten wie Senf, Porter, Pickles und Salzfleisch zu leiten und zugleich für die Verschiffung von Gemälden und Statuen an Liebhaber von Kunst und Nippes zu sorgen.

Bis all dies ins Werk gesetzt war, hatte ich alle Hände voll zu tun. Doch methodisches Vorgehen, fähige Agenten und Zielstrebigkeit ebneten den Weg, und ich fing an, mich zu besinnen und Atem zu schöpfen. Zwecks Entspannung kümmerte ich mich nun näher um Details und besuchte ein paar Tage die Zusammenkünfte der sogenannten Saints, um herauszufinden, ob sich nicht durch ihre Mithilfe etwas zur weiteren Verwirklichung meines Ziels tun ließe. Ich kann nicht behaupten, daß dieser Versuch restlos zu dem Erfolg führte, den ich mir davon versprochen hatte. Ich bekam eine ganze Menge an feinsinniger Erörterung zu hören, stellte fest, daß die Form mehr zählte als die Sache, und erlebte unbillige und unaufhörliche Ansinnen an meinen Beutel. Derartige Nahansicht der Wohltätigkeit hatte die Tendenz, die Makel hervortreten zu lassen, wie ja auch bekanntlich die Leuchtkraft der Sonne die Mängel im Antlitz der Schönheit enthüllt, die dem Auge entgehen, solange sie durch die Vermittlung künstlichen Lichtes wahrgenommen werden, dem sie aufs beste angepaßt sind. Schon bald begnügte ich mich damit, in angemessenen Abständen meine Beiträge zu schicken, mich aber in Person fernzuhalten. Dieser Versuch ermöglichte mir die Erkenntnis, daß menschliche Tugenden gleich kleinen Kerzen am hellsten im Dunkel leuchten, ihre Strahlkraft also hauptsächlich den Lichtverhältnissen einer »argen Welt« zu verdanken ist. Ich ließ das Theoretisieren sein und wandte mich wieder den Tatsachen zu.

Die Sklavenfrage hatte seit einer Reihe von Jahren die Gutmeinenden bewegt, und da ich in meinem Busen eine eigentümliche Gleichgültigkeit diesem bedeutsamen Thema gegenüber beobachtete, kaufte ich je fünfhundert Stück beiderlei Geschlechts, um meine Einfühlung zu stimulieren. Das führte mich näher an die Vereinigten Staaten von Amerika heran, ein Land, das ich aus meiner Wahrnehmung herauszuhalten gesucht hatte, denn wenn ich auch, wie beschrieben, die Liebe zur Menschheit förderte, hatte ich doch kaum daran gedacht, mich dabei derart weit von zu Hause zu entfernen. Da nun keine Regel ohne Ausnahme ist, bekenne ich, recht zur Annahme geneigt gewesen zu sein, daß ein Yankee getrost fehlen dürfe in der Philanthropie eines Engländers. Doch »wer A sagt, muß auch B sagen«. Die Neger führten mich an die Ufer des Mississippi, wo ich bald Besitzer einer Zuckerrohr- wie einer Baumwollplantage war. Zusätzlich übernahm ich Anteile an verschiedenen Südseefahrern, besaß eine Korallen- und Perlenfischerei und entsandte zu König Tamamamaah einen Agenten mit dem Vorschlag, ein Sandelholzmonopol auf gemeinsame Rechnung aufzubauen.

Die Erde und alles, was sie enthielt, gewann in meinen Augen eine neue Herrlichkeit. Ich hatte die Hauptbedingung der Volkswirtschaftler, der Rechtsgelehrten, der Verfassungsschmiede und der gesamten »Kulturwelt« erfüllt und verfügte in der Hälfte aller Länder der Welt über Besitzinteressen. Ich war nun imstande zu herrschen, war imstande, den meisten Völkern der Christenheit Rat zu geben, ihnen zu gebieten gar, denn ich hatte ein direktes Interesse an ihrem Wohl begründet, indem ich dieses zu meinem eigenen machte. Wohl zwanzig Male war ich drauf und dran, in eine Post-Chaise zu springen und zur Pfarrei hinunterzujagen, um Anna meinen neugeschmiedeten Bund mit dem Menschengeschlecht und die ganze damit einhergehende Beglückung zu Füßen zu legen – doch der schreckliche Gedanke an Monogamie und ihre Konsequenzen, das Hinwelken der Zuneigung nämlich, hielt mich ab, wie so oft. Ich schrieb ihr jedoch wöchentlich und ließ sie wenigstens an einem Teil meines Glücksgefühls teilhaben, wenn ich auch nie die Freude erlebte, auch nur eine einzige Antwortzeile von ihr zu empfangen.

Völlig von Selbstsucht befreit und dem Menschengeschlecht verpflichtet, verließ ich jetzt England zu einer philanthropischen Inspektionstour. Ich werde den Leser nicht mit einem Bericht über meine Reisen auf den vielbefahrenen Routen des Kontinents ermüden, sondern ihn und mich sogleich nach Paris befördern, in welcher Stadt ich am 17. Mai Anno Domini 1819 anlangte. Ich hatte viel gesehen, bildete mir ein, mich veredelt zu haben, und indem ich mich beständig mit meiner Theorie beschäftigte, sah ich ihre Schönheiten ebenso deutlich, wie Napoleon den vielgerühmten Stern sah, der der trüberen Vision seines Onkels, des Kardinals, Trotz bot. Gleichzeitig geschah, was gewöhnlich allen so widerfährt, die ihre gesamten Energien auf einen gegebenen Punkt richten: Die ursprünglich zu manchen Partien meiner Theorie gebildeten Ansichten begannen, Wandlungen durchzumachen, als nähere und mehr praxisbezogene Inaugenscheinnahme Ungereimtheiten aufdeckte und Mängel enthüllte. […]
 

James Fenimore Cooper:
Die Monikins. Eine Mär
Übersetzt von Robert Wohlleben
Herausgegeben und per Nachwort kommentiert
von Christian Huck

Achilla Presse

Achilla Presse
Hauptstraße 80
D 26969 Butjadingen
www.achilla-presse.de

Achilla Presse

Ohr für MP3



Rechte bei Achilla Presse


Link zur Initiave zur Erhaltung der Soziologie in Schleswig-Holstein