Zu www.fulgura.de mit Navigations-Kolumne

James Fenimore Cooper:
Die Monikins. 27. Kapitel


Auswirkung von Logarithmen auf die guten Sitten — Eine Verfinsterung, eine Abhandlung und eine Berechnung

Ökonomische Barbarei

(Auszug)


Das Haus hatte sich noch nicht lange vertagt, als unser Kollege Mr. Klartext Captain Poke und mich mit einem Besuch beehrte. Eine Angelegenheit von höchstem Interesse hatte ihn dazu veranlaßt. Er hatte eine kleine Broschüre in der Hand, und kaum war die übliche Begrüßung zu Ende, lenkte er unsere Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Passage darin. Es scheine, daß Niederhupf unmittelbar davor sei, eine große moralische Verfinsterung zu erleben. Eintreten und Dauer des Phänomens (wenn sich denn ein Phänomen nennen ließe, was nur allzu häufig vorkomme) seien mit erstaunlicher Genauigkeit von der Akademie von Oberhupf berechnet und über dessen Gesandten als besonderer Gunsterweis unserem geliebten Vaterland übermittelt worden, damit wir nicht etwa überrascht würden. Die Darstellung der Angelegenheit las sich wie folgt:

»Am dritten Tag der Zeit der Nüsse tritt eine große moralische Verfinsterung in dem Teil der monikinischen Welt ein, der sich unmittelbar um den Pol herum befindet. Von der Verfinsterung betroffen ist das große moralische Postulat, üblicherweise mit dem Terminus Grundsatztreue bezeichnet. Der davortretende Körper ist das große unmoralische Postulat, üblicherweise Interesse genannt. Das häufige Vorkommen der Konjunktion dieser beiden bedeutenden Postulate hat dazu geführt, daß unsere Moral-Mathematiker in den letzten Jahren ihre Berechnungen zu diesem Gegenstand eher vernachlässigt haben. Um jedoch diese unverzeihliche Gleichgültigkeit einem der bedeutsamsten Lebensbelange gegenüber wiedergutzumachen, wurde das Berechnungskomitee angewiesen, allen Verfinsterungen des laufenden Jahres besondere Aufmerksamkeit zu widmen, und so wurde das jetzige Phänomen, eins der ausgeprägtesten unseres Jahrhunderts, mit äußerster Genauigkeit und Sorgfalt berechnet. Wir geben die Resultate wieder.

Die Finsternis nimmt damit ihren Anfang, daß ein Motiv monikinischer Eitelkeit um 1 Uhr nachts das Subpostulat der Mildtätigkeit zu bedecken beginnt. 6 h 17 m nach dem Zeitpunkt des Eintritts wird das fragliche Postulat vollständig der Sicht entzogen sein. Unmittelbar darauf folgt der Transit einer politischen Intrige, während dessen die verschiedenen Subpostulate der Wahrhaftigkeit, der Ehrlichkeit, der Selbstlosigkeit und des Patriotismus sämtlich nacheinander verfinstert werden, beginnend mit dem unteren Rand des ersten und nach 3 h 42 m endend mit voller Bedeckung aller. Der Schatten der Eitelkeit und der politischen Intrige wird zunächst durch die Annäherung von wirtschaftlichem Erfolg vertieft, bald darauf, nämlich um 10 h 2 m 1 s, gefolgt vom Eintritt der Bedeckung durch ein großes pekuniäres Interesse, und in genau 2 m und 3 bis 7 s ist die Gesamtheit des großen moralischen Postulats der Grundsatztreue vollkommen der Sicht entzogen. Dieser frühe Transit des dunkelsten jemals vom Interesse geworfenen Schattens hat zur Folge, daß die Transite der Schatten von Ehrgeiz, Haß, Eifersucht und all den anderen kleineren Satelliten des Interesses nicht sichtbar sind.

Das hauptsächlich von der Finsternis betroffene Land ist Niederhupf, ein Gemeinwesen, dessen bekannte Intelligenz und gute Eigenschaften vielleicht besser als die anderer Länder befähigt sind, dem Einfluß der Finsternis zu widerstehen. Die Zeit der Bedeckung beträgt 9 a 7 m 26 d 4 h 16 m 2 s. Am Ende dieses Zeitraums beginnt die Grundsatztreue, dem moralischen Sinnesorgan wiederzuerscheinen, zuerst durch die Annäherung von Unglück, dessen Atmosphäre, viel weniger dicht als die des Interesses, schwache Sicht auf das verfinsterte Postulat zuläßt. Die Strahlkraft des letzteren jedoch wird nicht vollständig wiederhergestellt sein, bevor nicht Elend hinzutritt, dessen mäßigendes Kolorit stets erlaubt, daß alle Wahrheiten selbst durch ein trübes Medium hindurch erkennbar sind. Zusammenzufassung:

Beginn der Finsternis: 1 Uhr nachts.
Ekliptische Opposition: in 4 a 6 m 12 d 9 h ab Beginn der Verfinsterung.
Mitte: in 4 a 9 m 0 d 7 h 9 m ab Beginn der Verfinsterung.
Ende der Verfinsterung: 9 a 11 m 20 d 3 h 2 m ab Beginn.
Zyklus der Bedeckung: 9 a 7 m 26 d 4 h 16 m 2 s.«

Ich starrte den Brigadier voller Bewunderung und Ehrfurcht an. An der Finsternis selbst, bei der es sich um eine recht alltägliche Sache handelte, war nichts Bemerkenswertes, aber die Präzision, mit der sie berechnet worden war, fügte ihren sonstigen Phänomenen noch den erschreckenden Umstand hinzu, einen Blick in die Zukunft zu erhalten. Ich begann jetzt, den gewaltigen Unterschied zu begreifen, bewußt unter einem moralischen Schatten zu leben oder unbewußt. Verglichen mit dem ersten, war das zweite offenbar eine Kleinigkeit. Die Vorsehung hatte höchst gütig für unsere Glückseligkeit gesorgt, indem sie uns die Fähigkeit vorenthielt, über den gegenwärtigen Augenblick hinauszusehen.

Noah ließ sich die Sache sogar noch mehr zu Herzen gehen als ich. Mit trauriger und ahnungsbanger Miene sagte er mir, daß wir uns rasch dem Herbstäquinoktium näherten, wo wir dann am Beginn einer naturbedingten Nacht von sechs Monaten Dauer wären. Wenn auch der Dampf als Ersatz hilfreich sei und sicherlich in gewissem Grade den Übelstand mindere, sei es letztlich eben doch ein entsetzliches Übel, eine so quälend lange Zeitspanne auszuhalten, ohne das Licht der Sonne zu genießen. […]

Er finde die ewige Tageshelle schon schlimm genug, glaube aber nicht, ihr totales Fehlen ertragen zu können. Mutter Natur habe ihn zu einem Wachwechsel-Wesen gemacht. Was das Dämmerlicht angehe, von dem so viel geredet werde, sei davon gar nichts zu halten, weil »weder Fisch noch Fleisch«. Für ihn müßten die Dinge klar und eindeutig sein. Außerdem habe er das Schiff weiter entfernt auf Reede legen lassen, auf daß er keine Konteradmiräle und Fregattenkapitäne mehr unter seinem Schiffsvolk hätte, und so habe er hier nicht weniger als vier Tage lang buchstäblich von nichts als Nüssen gelebt. Nüsse entsprächen ja womöglich dem Gemüt eines Affen, aber aus Erfahrung wisse er nun, daß sie Schindluder trieben mit dem Gemüt eines Menschen. Wie die Dinge jetzt stünden, sei es schlimm genug. Er sehne sich nach einem Bissen Schweinefleisch – es kümmere ihn nicht, wer davon erfahre. Es verletze ja wohl ein wenig das Feingefühl, aber Schweinefleisch sei hervorragende Bordverpflegung. Er sei ausgesprochen zu Schweinefleisch veranlagt, und er glaube, in der einen oder andren Weise stecke bei den meisten Menschen mehr oder weniger Schweinefleisch in ihrer menschlichen Veranlagung. Nüsse würden vielleicht für die monikinische Veranlagung ausreichen, aber die menschliche Veranlagung möge eben Fleisch. Wenn die Monikins es nicht schätzten, müßten die Monikins es ja nicht essen – dann würde nur um so mehr dasein für die, die wirklich was dafür übrig hätten. Er sehne sich nach seiner naturgemäßen Kost, und neun Jahre in einer Finsternis zu leben, das komme überhaupt nicht in Frage. Die längsten Stunin’tuner Finsternisse dauerten selten mehr als drei Stunden – einmal habe er erlebt, daß Diakonus Spiteful bei einer von Anfang bis Ende durchgebetet habe, vom Apogäum bis zum Perigäum. Er schlage deshalb vor, daß Sir John und er unverzüglich ihre Mandate niederlegten und sich bemühen sollten, die »Walrus« so schnell wie möglich nordwärts auslaufen zu lassen, wenn sie nicht in der Polarnacht festsitzen wollten. Und was den Ehrenwerten Robert Smut betreffe, so wünsche er dem nur so viel Glück, lebenslang da zu bleiben, wo er sei, und seine acht Dollar pro Tag in Form von Eicheln zu kassieren.

Wenn es auch unmöglich war, Noahs Gedanken zu überhören und, nachdem gehört, auch zu registrieren, war meine Aufmerksamkeit dennoch stärker vom Verhalten des Brigadiers angezogen als von der Jeremiade des Robbenfängers. Auf besorgte Erkundigung, ob ihm nicht wohl sei, antwortete unser würdiger Kollege in klagendem Ton, er trauere über das Mißgeschick seines Vaterlands.

»Ich habe oftmals den Durchgang der Leidenschaften und der kleineren Motive an der Scheibe der Grundsatztreue vorbei erlebt, des großen moralischen Postulats. Aber die Auslöschung ihres Lichtes durch ein pekuniäres Interesse, und das auf so lange Zeit, ist entsetzlich! Weiß der Himmel, was aus uns wird!« […]

»Sind denn die Finsternisse nicht im Grunde allesamt nur Veranschaulichungen der Theorie vom gesellschaftlichen Einsatz? Es tut mir leid, aber recht bedacht, ist diese Bedeckung, vor der Sie so große Angst zu haben scheinen, nichts so Furchtbares, wie sie zunächst zu sein schien.«

»Sie haben ganz recht, Sir John, soweit es das Wesen der Finsternis selbst betrifft, das selbstverständlich vom Wesen des dazwischentretenden Körpers abhängen muß. Doch unsere weisesten und besten Denker sind der Ansicht, daß das gesamte Gefüge, dem wir nur als unbedeutende Teile angehören, auf unveränderliche Wahrheiten göttlichen Ursprungs gegründet ist. Die Prämissen beziehungsweise Postulate all dieser Wahrheiten sind allesamt moralische Richtmaße für die Handhabung monikinischer Angelegenheiten. Im Moment, da sie außer Sicht geraten, wie es für die Dauer der heraufziehenden grauenvollen neun Jahre der Fall sein wird, werden wir gänzlich der Selbstsucht anheimfallen, und Selbstsucht ist bereits dann nur allzu furchtbar, wenn sie noch von der Grundsatztreue in Schranken gehalten wird. Läßt man aber ihrer Habgier und ihren dreisten Winkelzügen freien Lauf, ist in meinen Augen die moralische Perspektive grauenhaft. Wir sind nur allzusehr daran gewöhnt, unsere Augen von der Grundsatztreue abzuwenden, wenn wir sie in himmlischem Glanz und voller Pracht strahlen sehen. Daher ist es nicht schwer, die Art der Konsequenzen vorherzusehen, die sich aus ihrer lange währenden Totalverfinsterung ergeben.«

»Sie meinen also, es gebe einen dem Interesse übergeordneten Maßstab, der bei der Regelung monikinischer Angelegenheiten zu respektieren sei?«

»Ohne allen Zweifel. Worin sonst sollten wir uns denn von Raubtieren unterscheiden?« […]

»Ich durchschaue nicht ganz, ob sich das mit den Vorstellungen, die die Volkswirtschaftler von der Theorie des gesellschaftlichen Einsatzes haben, deckt oder nicht.«

»Wie Sie sagen, Sir John: Es deckt sich damit und auch nicht. Ihre Theorie vom gesellschaftlichen Einsatz geht davon aus, daß jemand, der das hat, was man eine eindeutige und gewichtige Beteiligung an der Gesellschaft nennt, wahrscheinlich am ehesten deren Angelegenheiten weise, gerecht und uneigennützig verwaltet. Das würde zutreffen, wenn denn die großen Wahrheiten respektiert würden, bei denen alles Glück wurzelt. Unglücklicherweise aber wird der fragliche Einsatz gewöhnlich dahingehend eingeschränkt, bloß noch Einsatz in Besitz zu sein statt Einsatz in Gerechtigkeit und Sittlichkeit.

Alle Erfahrung zeigt ja, daß die großen Besitzanreize darauf zielen, den Besitz zu mehren, den Besitz zu schützen und vermittels des Besitzes Vorteile zu kaufen, die mit dem Besitz nichts zu tun haben sollten, nämlich Ehren, Würden, Macht und Privilegien. Ich kann nicht sagen, wie es bei den Menschen aussieht, aber in unseren Geschichtsbüchern steht viel zu diesem Thema. Bei uns wurde das Besitzprinzip gründlich in die Praxis umgesetzt, und das Resultat hat gezeigt, daß seine Hauptwirkung darin besteht, den Besitz so unverletzlich wie möglich und alle, die nichts besitzen, mit Haut und Haar zu seinen Sklaven zu machen. Kurz, es gab einmal eine Zeit, da waren die Reichen sogar davon ausgenommen, zu den üblichen Bedürfnissen des Staates beizutragen. Aber es ist ganz und gar müßig, über dies Thema zu theoretisieren, denn dem Geschrei auf der Straße zufolge beginnt sich der untere Rand des großen Postulats jetzt zu verfinstern, und leider werden wir bald übergenug Faktisches erfahren.«

Der Brigadier hatte recht. Beim Zurateziehen der Uhren stellten wir fest, daß die Finsternis tatsächlich schon vor einiger Zeit eingesetzt hatte und wir dicht vor der totalen Verfinsterung der Grundsatztreue standen, bewirkt vom gemeinsten und schmutzigsten aller Motive: dem pekuniären Interesse.

Der erste sich einstellende Beweis für den wahren Stand der Dinge fand sich im Sprachgebrauch des Volkes. Das Wort Interesse war in aller Monikins Munde, während das Wort Grundsatztreue, wie in der Tat nur passend, völlig aus dem niederhupfschen Vokabular getilgt zu sein schien. Um einen lokalen Terminus ins Englische zu übertragen, schien die Volkssprache zur Hälfte einzig und allein im Wort »Dollar« komprimiert zu sein. »Dollar – Dollar – Dollar« – nichts als »Dollar«! »Fünfzigtausend Dollar – zwanzigtausend Dollar – hunderttausend Dollar« – begegneten einem bei jeder Gelegenheit. Die Worte ertönten an allen Ecken – auf den Straßen – an der Börse – in den Salons – ja selbst in den Kirchen. War ein Tempel zur Anbetung des Schöpfers erbaut worden, war die erste Frage: Wieviel hat er gekostet? Gab ein Künstler die Früchte seiner Schöpferkraft dem Geschmacksurteil seiner Mitbürger anheim, stellten die Beschauer flüsternd Vermutungen an bezüglich des Wertes in der kurrenten Münze der Republik. Präsentierte ein Schriftsteller denselben Sachverständigen das Werk seines Genius, wurden seine Verdienste nach demselben Standard bestimmt, und ein Geistlicher, der einen energischen, aber unzeitigen Appell an die Mildtätigkeit seiner Landsleute gerichtet hatte, indem er die Reize und die Belohnungen gottgefälligen Besitzes darstellte, wurde gründlich mundtot gemacht mit der Darlegung, daß sein Ansinnen auf beträchtliche Auslagen hinauslaufe, während nicht deutlich werde, was mit dem Eingehen ins Himmelreich zu verdienen sei! […]

Brigadier Klartext hatte gute Gründe für seine düsteren Vorahnungen, denn Fähigkeiten, Kenntnisse und Erfahrung, in vielen Jahren des Reisens erworben, wurden jetzt als schlimmer denn nutzlos befunden. Wenn sich mein ehrbarer Kollege und Reisegefährte eine Äußerung zum Thema Außenpolitik erlaubte, ein Politikbereich, dem er beträchtliche Aufmerksamkeit gewidmet hatte, wurde sie mit einer Börsennotierung beantwortet. Eine Bemerkung zu einer Frage des Geschmacks löste unausweichlich eine eingehende Vergleichung des Geschmacks von Alkoholika aus, im Verein mit einer minutiösen Erörterung ihrer jeweiligen Preise. Und als der würdige Monikin einmal an Hand von Informationen, die ich für ausnehmend stichhaltig hielt, erklären wollte, daß die auswärtigen Beziehungen des Landes in einem Zustand seien, der große Festigkeit, besondere Umsicht und viel Voraussicht erfordere, wurde er völlig zum Schweigen gebracht von einem Gegner, der an Hand der letzten Verkäufe den hohen Wert von Grundstücken in den besseren Wohnvierteln nachwies!

Kurz, kein Thema konnte zur Sprache kommen, das sich nicht im Zuge der üblichen Gespräche auf Dollars bringen ließ. Die Verblendung griff vom Vater auf den Sohn über, vom Ehemann auf die Gattin, vom Bruder auf die Schwester, von einem Schwippschwager zum andern, bis sie ziemlich durchschlagend die Gesamtheit dessen ergriffen hatte, was man üblicherweise als »Gesellschaft« bezeichnet. Noah schimpfte erbittert über diese abstoßende Lage der Dinge. Er behauptete, daß er nicht mal irgendwo in einer Ecke eine Walnuß knacken könne, ohne daß jeder vorbeikommende Monikin ihm das Vergnügen, so bescheiden es auch sei, mißgönne. Stunin’tun sei, obwohl allemal ein so pfennigfuchserischer Ort wie sonst keiner, den er kenne, nach gegenwärtiger Lage der Dinge im Vergleich mit Niederhupf geradezu ein Paradies.

Es war schmerzlich zu beobachten, wie der Glanz der normalen Tugenden verblaßte, als die Zeit der Verfinsterung voranschritt und sich das Auge allmählich an das vom pekuniären Interesse erzeugte Zwielicht gewöhnte. Ich erschauerte unwillkürlich angesichts der offenen und unverhohlenen Art, in der Leute, die sonst als achtbare Monikins gelten mochten, von den Methoden redeten, die sie ständig zur Verwirklichung ihrer Ziele anwandten, und ihre völlige Vergessenheit des jetzt verborgenen großen Postulats bloßlegten. Einer prahlte gelassen damit, wieviel schlauer er sei als das Gesetz, ein anderer bewies schlagend, daß er seinen Nachbarn übers Ohr gehauen habe, während ein dritter, noch verwegener beziehungsweise geschickter, dieselben Gründe zum Jubeln hinsichtlich der gesamten Nachbarschaft aufbot. Dies zeichnete sich durch Gerissenheit aus, jenes durch Verstellung, ein weiteres wiederum durch Betrug und alles insgesamt durch Erfolg!

Der Schatten übte seinen unheilvollen Einfluß auf jedes mit monikinischem Leben verbundene Interesse. Tempel errichtete man zu Spekulationszwecken, die Regierung war zur Geldanlage mit dem Ziel Profit statt Gerechtigkeit und Sicherheit verkommen, der heilige Ehestand bekam rasch den Aspekt von Kaufen und Verkaufen, und es beteten nur wenige, die geistlichen Gewinn nicht mit Gold und Silber gleichsetzten. […]

Die eingefleischte Neigung meines Ahnen begann sich bald in Niederhupf zu zeigen. Viele dieser makellosen und unverfälschten Republikaner riefen »Eigentum ist in Gefahr!« ebenso markig wie nur je von Sir Joseph Job hinausgebrüllt, und dunkle Anspielungen auf »Revolutionen« und »Bajonette« liefen um. Doch ein sicherer Beweis fürs Überhandnehmen der Verfinsterung und dafür, daß der Schatten des pekuniären Interesses dunkel über dem Lande lag, ließ sich in der Sprache der sogenannten »Wenigen« finden. Sie fingen an, alle, die wider sie waren, ganz nach Fischweiberart mit Dreck zu bewerfen – ein sicheres Symptom, daß der Geist der Selbstsucht vollends erwacht war. Auf Grund reichlicher Erfahrung halte ich dies für ein unfehlbares Zeichen, daß aristokratische Gesinnung lebendig und wach ist. Ich war bisher noch in keinem Land, in dem eine Minorität auf das Hirngespinst verfallen war, allein sie sei fähig, über ihresgleichen zu bestimmen, ohne daß sie unverzüglich darangegangen wäre, ihrer Position mittels Verunglimpfungen und Beschimpfungen Nachdruck zu verleihen. In diesem Punkt sind die »Wenigen« wie Frauenspersonen, die im Bewußtsein ihrer Schwäche selten verfehlen, den Mangel an Körperkraft durch Rückgriff auf die Kraft der Zunge auszugleichen. Der »Eine« läßt aufhängen, die »Vielen« gebieten kraft der Stärke, die »Wenigen« schimpfen und keifen. Das ist, glaube ich, auf der ganzen Welt der Fall, außer in den besonderen Fällen, in denen zufällig auch die »Wenigen« das Privileg des Aufhängens genießen.

Es verdient angemerkt zu werden, daß man sich unter dem unheilvollen Einfluß in Niederhupf die Begriffe »Pöbel«, »Wühler«, »Jakobiner« und »Landreformer« gegenseitig an den Kopf warf, mit eben derselben Berechtigung, Urteils- und Geschmackssicherheit, wie wenige Jahre zuvor von meinem Ahnen in London angewandt. Gleiche Ursachen führen bekanntlich zu gleichen Wirkungen, und nichts gleicht sich so sehr wie ein Engländer im Besitzfieber und ein Niederhupfer Monikin, der an derselben Krankheit leidet.

Die Passage des Schattens des pekuniären Interesses hatte eine so bemerkenswerte Wirkung auf den Zustand der Parteien, daß es unsere Beachtung verdient. Patrioten, die seit langem für ihre unbeugsame Entschlossenheit bekannt waren, mit der sie ihre Freunde unterstützten, verzichteten offen auf ihre Ansprüche auf die Gewinne des kleinen Glücksrads und gingen zum Feind über, und dies zudem ohne Rückgriff auf die Mysterien des »Koppheisters«. Richter Volksfreund war für den Augenblick komplett seines Einflusses beraubt – und zwar in einem Maße, daß er ernsthaft daran dachte, eine neue Mission anzunehmen –, denn während dieser Finsternisse galten lange Dienstzeit, staatsbürgerliche Zuverlässigkeit, wohlanstehende Liebenswürdigkeit und all die anderen schönen Qualitäten des vielgepriesenen Patrioten für nichts, sobald sie gegen Gewinn und Verlust abgewogen wurden. Es kam zustatten, daß die Durchhupf-Frage im wesentlichen so zufriedenstellend erledigt war, obwohl das Unbehagen derjenigen, die Grund und Boden quadratzollweise kauften und verkauften, eben dies Interesse abermals an die Öffentlichkeit brachte, indem sie darauf bestanden, daß ein paar Millionen in die Vernichtung von Kriegsgerät gesteckt würden, weil die Nation sonst womöglich aus Unbedachtsamkeit in Versuchung geraten könnte, in der naturgemäßen Weise Gebrauch davon zu machen. Die Kaperschiffe wurden folglich in den Strom verholt und zu Flutmühlen umgebaut, Gewehrläufe in Gasleitungen verwandelt und die Festungen schnellstmöglich in Lagerhäuser und Teegärten. Danach war es groß in Mode, die Ansicht zu vertreten, der fortgeschrittene Stand der Zivilisation habe alle künftigen Kriege undenkbar gemacht. Tatsächlich war der Impuls, der in dieser Weise von den Wirkungen des Schattens auf die Menschlichkeit en gros ausging, ebenso bemerkenswert wie seine auf die Menschlichkeit en détail wirkenden Tendenzen.

Die öffentliche Meinung bewies schon recht bald, wie umfassend sie unter dem Einfluß des Schattens stand. Tugend wurde von nun an mehr und mehr nach Pachtregistern bewertet. Die Wohlhabenden eigneten sich ohne Zögern beziehungsweise eigentlich ohne Widerstand den alleinigen Gebrauch des Wortes »anständig« an, und zugleich gingen Geschmack, Urteilsvermögen, Ehrlichkeit und Weisheit wie Familienerbstücke unauffällig in den Besitz derer über, die Geld hatten. Die Niederhupfer sind ein Volk von großem Scharfsinn und außergewöhnlicher Detailkenntnis. Jeder, der in Biwak von einiger Wichtigkeit war, bekam bald seinen gesellschaftlichen Rang zugewiesen, so daß die ganze Gesellschaft in Klassen aufgeteilt war, wie »Hundertausenddollar-Monikins«, »Fünfzigtausenddollar-Monikins«, »Zwanzigtausenddollar-Monikins«. Eine Folge dieser Gesinnung war eine bedeutende Bündigkeit der Sprache. Die alten Fragen wie »ist er ehrlich?«, »kann er etwas?«, »ist er gebildet?«, »ist er klug?«, »hat er einen guten Charakter?« waren nämlich allesamt zusammengefaßt in der einzigen Fragestellung »ist er reich?« […]

Dieser sehr ungewöhnliche Zustand hatte eine Auswirkung, die ich nicht erwartet hatte. Alle Kreise mit Geldinteressen legten ohne Ausnahme eine ausgesprochene Vorliebe für eine sogenannte starke Regierung an den Tag. Niederhupf war zwar nicht nur eine Republik, sondern praktisch auch eine Demokratie, aber dennoch entdeckte ich, daß die Mehrheit dieser hochangesehenen Klasse von Bürgern nicht im geringsten anstand, ihrem Wunsch nach einem Wandel Ausdruck zu geben.

»Wie kommt denn das?«, fragte ich den Brigadier, den ich selten verließ, denn sein Rat und seine Ansichten bedeuteten mir viel, gerade in der gegenwärtigen Krise. »Wie kommt denn das, mein Freund? Ich sah mich immer zur Annahme veranlaßt, daß der Handel besonders viel für Freiheit übrig hat, und hier erlebe ich, daß Ihre ganze Handelswelt am lautesten gegen die Gesetze wettert.«

Der Brigadier lächelte. Es war allerdings nur ein melancholisches Lächeln, denn sein Elan schien ihn gänzlich verlassen zu haben.

»Bei Politikern gibt es drei große Gruppen«, sagte er. »Die die Freiheit überhaupt nicht schätzen – die sie schätzen, aber nur bis zu ihrer jeweiligen Klasse hinab – und die sie ihrer Mitgeschöpfe halber schätzen. Die erste ist nicht zahlreich, aber mächtig dank Bündnisbildung. Die zweite ist eine bunt gemischte Gruppierung, die natürlich fast alle einschließt, der aber zwangsläufig Einigkeit und Disziplin fehlen, da sich niemand unter sein Niveau begibt. Zur dritten gehören nur wenige – ach, wie wenige! –, und sie besteht aus denen, die über die eigene Selbstsucht hinausschauen. Diese in Städten ansässigen Handelsleute, bei denen Einigkeit, die Mittel und eine Gleichheit der Interessen gegeben sind, haben es nun aber geschafft, als Streiter wider despotische Macht aufzufallen, ein Umstand, der ihnen den billigen Ruf freiheitlicher Gesinnung eintrug. Aber so weit monikinische Erfahrung reicht – Menschen mögen sich da als besser gesinnt erwiesen haben –, ist keine Regierung, auf die der Handel entscheidenden Einfluß hat, jemals etwas anderes als elitär oder aristokratisch gewesen.«

Ich erinnerte mich an Venedig, Genua, Pisa, die Hansestädte und all die anderen wichtigen Orte dieser Art in Europa, und ich empfand die Richtigkeit der von meinem Freund getroffenen Bewertung. Zugleich kam ich nicht umhin zu bemerken, um wieviel stärker der Menschengeist unter dem Einfluß von Begriffen und Abstraktionen steht als unter dem Einfluß von Realien. Dieser Ansicht stimmte der Brigadier bereitwilligst zu und merkte zugleich an, daß eine wohlgezimmerte Theorie generell stärkere Wirkung auf die Einstellung habe als fünfzig Fakten – ein Resultat, das er dem Umstand zuschrieb, daß Monikins die eingefleischte Neigung besäßen, sich die Mühe des Nachdenkens zu ersparen.

Ich staunte insbesondere über die Wirkung, die von der Verfinsterung der Grundsatztreue auf die Motive ausging. Ich hatte schon oft bemerkt, daß wir uns auf keinen Fall sicher auf die eigenen Motive verlassen konnten, und zwar aus zwei triftigen Gründen: Erstens wußten wir nicht immer, was denn eigentlich unsere Motive waren, und zweitens, einmal angenommen, wir wüßten es, war es ganz unsinnig anzunehmen, daß unsere Freunde sie für das halten würden, wofür wir selbst sie hielten. Gegenwärtig schien sich jeder Monikin voll und ganz dieser Schwierigkeit bewußt zu sein. Statt nämlich darauf zu warten, daß seine Bekannten ihm eine moralische Abscheulichkeit als Beweggrund unterstellten, schützte er mit Bedacht eine in Maßen eigennützige Begründung für sein Tun vor und vertrat sie mit einer Naivität und Offenheit, die allgemein Anerkennung fanden. War dann einmal akzeptiert, daß es sich bei dem Motiv um kein anstößig uneigennütziges und rechtschaffenes handelte, zeigte sich tatsächlich niemand abgeneigt, sich die Pläne seines Freundes anzuhören, der gewöhnlich in der Wertschätzung stieg, da man ihn für gewitzt, gerissen und gerieben hielt. All das hatte die Wirkung, die Gesellschaft ausnehmend aufrichtig und offenherzig werden zu lassen, und wer so viel Rückhaltlosigkeit nicht gewohnt war oder den Grund nicht kannte, hätte durchaus zuweilen annehmen können, der Zufall habe ihn unter ein sonderbares Völkchen von lauter Artistes verschlagen, die, wie es gemeinhin heißt, von gerissenen Tricks leben. Wäre es in Niederhupf Brauch gewesen, Taschen zu haben, hätte ich – das bekenne ich offen – oftmals um deren Inhalt gefürchtet, denn unter dem Einfluß des Schattens wurden so ganz und gar unverblümte Gedanken so offen vorgebracht, daß man unvermeidlich öfter, als einem lieb war, dazu veranlaßt wurde, an die Beziehungen zwischen meum und tuum zu denken wie ebenso an die unvorhergesehenen Anlässe, von denen sie gelegentlich durcheinandergebracht wurden. […]

Am zweiten Tag der Finsternis ergab sich unter den Repräsentanten von Biwak eine Vakanz, und der Kandidat der Waagerechten wäre sicherlich gewählt worden, sie auszufüllen, hätte es da nicht ein mit dieser Motivsache zusammenhängendes Contre-temps gegeben. Der Betreffende hatte kürzlich das getan, was in den meisten anderen Ländern und unter anderen Umständen als Ausdruck lobenswerter Vaterlandsliebe gegolten hätte, was aber seine politischen Gegner selbstverständlich den Wahlmännern nur zu gern als Beweis seiner Untauglichkeit präsentierten, mit ihren Interessen betraut zu werden. Die Freunde des Kandidaten waren besorgt und bestritten entrüstet die Vorwürfe der Senkrechten unter der Beteuerung, ihr Monikin sei für das, was er getan habe, gut bezahlt worden. In einer dunklen Stunde leistete sich der Kandidat ein erklärendes Brieflein, in dem er bekundete, daß er von keinem anderen Motiv beeinflußt gewesen sei als vom Wunsch, das zu tun, was er für richtig halte. Von einem wie ihm nahm man an, ihm fehle die natürliche Befähigung, und selbstverständlich unterlag er, denn der Niederhupfer Wähler ist ja nicht so dumm, daß er die Wahrnehmung seiner Interessen jemandem anvertrauen würde, der die eigenen so wenig wahrzunehmen weiß.

Ebenfalls etwa zu dieser Zeit brachte ein erfolgreicher Dramatiker ein Stück auf die Bühne, in dem der Held aus Vaterlandsliebe heraus Wundertaten vollbringt. Lohn der Mühe war, daß das Werk seiner Feder prompt abgelehnt wurde. Parkett wie Logen – die Ränge dachten anders – waren nämlich zur Überzeugung gelangt, daß es vollkommen gegen die Natur sei, einen sich in Gefahr begebenden Monikin in dieser unerhörten Weise darzustellen, das heißt, ohne ein Motiv. Der arme Kerl schrieb die letzte Szene dahingehend um, daß er seinen Helden mit einer hübschen runden Summe belohnt werden ließ, woraufhin das Stück für den Rest der Theatersaison sehr anständig lief. Ich bezweifle allerdings, daß es je so populär wurde, wie es das gewesen wäre, wenn diese Vorsichtsmaßnahme schon vor der ersten Aufführung getroffen worden wäre.
 

James Fenimore Cooper:
Die Monikins. Eine Mär
Übersetzt von Robert Wohlleben
Herausgegeben und per Nachwort kommentiert
von Christian Huck

Achilla Presse

Achilla Presse
Hauptstraße 80
D 26969 Butjadingen
www.achilla-presse.de

Achilla Presse

Ohr für MP3



Rechte bei Achilla Presse


Link zur Initiave zur Erhaltung der Soziologie in Schleswig-Holstein