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Bo-Peep

Robert Wohlleben

Wer ist das Rotkäppchen?

Erster Akt


    WOHLLEBEN im Spotlight auf der im übrigen dunklen Bühne, will allen alles verklaren:

        So ist die Nacht
        zur Nordwand verbracht,
        vom Trick aller Tricks:
        mir nix.

        Ist euch das Fell
        so ganz zerkraust wie meins,
        verlacht mich schnell:
        mir eins.

        Ich steh aufm Schlauch
        und stell den Brägen laut,
        der Morgen graut:
        mir auch!

    DIE MASKENBILDNERIN mit den Effekten nicht zufrieden, stürzt brutal auf die Bühne und schaltet sich ein:

        Dein Morgengrauen ist ein Scheiß.
        Kuck dich doch an: Wie siehst du aus!
        Was trägst du deinen weichen Flaus?
        Noch gar kein festes Eis!

    WOHLLEBEN ohne Verständnis für dies Unverständnis:

        Mein Atem raus,
        mein Atem rein,
        ich leg mich krumm und mach mich klein,
        mein Kopf zwei schlicht, zwei kraus.

        Das Licht stößt blind
        am Himmel an.
        Nischt weht, was mich verwehen kann,
        blind an der Haut klebt Wind.

        Rühr mich nicht an!
        Mein Atem stockt,
        mich schreckt, was uns die Hände schockt:
        Die ganze Haut klebt dran!

    DIE MASKENBILDNERIN sperrt sich einfach:

        Come on! Bist du es oder du’s?
        Man duzt nicht das Geripp im Schapp,
        zur Polonaise holts dich ab:
        erst rechter und dann linker Fuß.

    WOHLLEBEN dreht sich mehrmals um 180 Grad, als wollt er sein Spiegelbild kontrollieren:

        Du reckst das Gesicht
        und kriegst an n Latz.
        Erwartest du nicht
        vom Ich-Zusatz.

        Bist zusätzlich ich:
        Das setzt mir zu.
        Bin zusätzlich du –
        entsetz ich dich?

        Ich reck das Gesicht –
        doch ist mal wann
        vorm Ich-Gericht
        dein Richt-Ich dran?

    DIE MASKENBILDNERIN dreht ihms Wort im Mund um:

        Du wirst gefressen oder frißt:
        Wer holt dich dann aus deinem Wanst?
        Mit barften Beinen Schuh zertanzt:
        Ist das nun Wunder oder Mist?

    WOHLLEBEN versucht den Widerpart:

        Das treibt mich an die Wand,
        da hebt mein Lieb sich ab:
        Wie nischt und zappzerapp
        hat sie mich in der Hand.

        Das überfährt mich ganz:
        Mein Liebchen hat mich bunden,
        das braucht nur ein paar Runden
        Belmonte und Konstanz.

        Das hat uns tief gekränkt:
        noch niemals gleichgerichtet,
        geschichtslos, doch geschichtet,
        gestohlen und ertränkt!

    DIE MASKENBILDNERIN präzisiert ihre Kostümvorschläge:

        Das Herz für den Picaro,
        der Skalp für den Sioux,
        der Kopf für den Jivaro:
        Auch das bist du!

    WOHLLEBEN legt diese Prothesen an, versucht aber doch, ein bißchen er selbst zu bleiben:

        Bin Intsche und lieber nicht Trapper,
        man kriegt mich und ich BIN!
        Ich lauf in den Wald kantapper
        und bleib, wenns denn sein muß, auch drin.

        Einzelwohnhaft zu guter Adresse:
        unbezogen verkannt.
        Ein Animal meschant
        ist die Gedankenblesse.

    DIE MASKENBILDNERIN zupft an seiner Kostümierung rum:

        Geh aus auf krummen Wegen,
        bis du verloren bist.
        Der Fußmarsch stockt im Hegen,
        die Blesse macht nur Mist.

        Was gibst du dich verloren
        im ultimaten Off?
        Ein Heulen von Motoren ...
        das wär’s, was ich erhoff.

        Die Heimkehr kostet teuer,
        ein Heimgang macht nicht stolz.
        Aufs Gas denn und gib Feuer:
        mit Wumm durchs Unterholz!

    WOHLLEBEN Anhalterdaumen hoch:

        Die Ampel springt auf Rot, da willst du halten,
        der Fahrer neben dir trägt Hut: Es hackt!
        Egal ob er beim Start beim Gelb versackt versackt –
        er soll doch bloß nicht dein Geschrei hochschalten!

        Wie Straßen sich im Plan und Auge falten,
        so fährst du zwangsweis, wie die Stadt sich zackt.
        Verschwenkte Leuchtspur pulst im Ampeltakt
        und nah vorbei an schwankenden Gestalten.

        Und Schlüssel rum und raus! – und endlich fliehn
        dahin, wo lächelnde Gesichterfetzen
        wie windgedrängt in Abdrift sich versetzen.

        Ein Kuß in Luft geküßt. Die Münder ziehn
        Bilanz aus Plunder, Schwund und Planungsschwächen.
        Ein Pony noch! – und dann zusammenbrechen.

    DIE MASKENBILDNERIN gibts auf und ab in die Kulissen.

    Mehr Licht jetzt auf der Bühne, die Standardszene: Wolfsschlucht, Höhle, bescheidne Hütte.

    WOHLLEBEN betritt die Hütte, eine Weile nichts, dann öffnet sich ein Fenster, und er deklamiert nach draußen:

        Durch meinen Fensterrahmen,
        da geht ein großer Sprung.
        Meins Liebchens schönste Namen
        sind all mein Äußerung.

    an einem Buddelschiff demonstrierend: Brigantine, alle Sky- und Moonsegel gesetzt

        Ich werd den Mond anschiffen
        und wüßt gern, was ich tu.
        Der Houyhnhnm grinst verkniffen
        und schifft ein bißchen zu.

    Kleidung ordnen, das nimmt ihn in Anspruch, dann fährt er aber fort

        Wie kann son bißchen Asten
        so große Dinge tun?
        Ich und die andern Gasten
        fahrn hin auf des toten Manns Kasten,
        allein und freilich dun.

    Das Buddelschiff nach oben ab.

    FRANK BÖHM hat alles mit angehört und sowieso vorhergewußt, verläßt jetzt doch seinen Horchposten in der Höhle, auch er möchte strukturierend eingreifen:

        Dein Stern stieß fast bis an die Dächer:
        Verklor mi dat!
        Und gäbs auch Wörter satt
        vom schlimmen Sylbenstecher.

        Und reimt sich auch Murks auf Malesche,
        naja: und die Buddel mit Rum –
        ich als dein Publikum
        möcht Langtext und keine Depesche!

    WOHLLEBEN will sich wieder nicht darauf nageln lassen:

        Erzähl mir keine Märchen!
        Du zupfst Rapunzels Härchen
        und klönst mit Rumpelstilz –
        ach, mach doch, was du willst!

        Ich weiß doch, was ich weiß.
        Ich weiß doch und bewahr
        die Nas voll Achselschweiß
        und Hand und Mund voll Haar.

        Die Hand zum linken Griff,
        der Fuß Sprung auf Marschmarsch!
        Dem Stert ein letzter Schliff,
        ein Feuer unterm Arsch.

    Frank holt statt einer Erwiderung einen Pack Photos eines elfischen Zauberwesens hervor und breitet sie aus.

        Frank Böhm: Foto

    WOHLLEBEN zuckt augenblicklich zurück, wirft das Fenster zu und innen die Windmaschine an, damit sie mit ihrem tierischen Heulen alles andre übertönt und die Photos in alle ihre Winde zerstieben läßt.

    FRANZ STRAUSS – Dr. seiner Ehre halber – von der Windmaschine ganz grundlos hergeweht, wundert sich natürlich über die Situation, spricht Platt, man muß eben auf alles gefaßt sein bei ihm, auch auf ganz unmögliche Dinger:

        Ji hebbt keen Strümp un hebbt keen Schoh,
        ji sabbelt ’n bannigen Schiet:
        Dat geiht all to lang, un dats nu no.
        Marks Müs? Bi lütten wardt Tid!

        Vundog dor heurt mi Bayern to
        un morn de heele Eer.
        De Lü hebbt n Dötz as Swin un Peer
        un Herrn Pastor sin Koh.

    Alle anderen fragen sich natürlich, was sie mit Franz Strauß zu schaffen haben. Die Windmaschine löst das Problem, wie sie es geschaffen hat: Weg ist er. DAS ist Fiction.

    Die Maskenbildnerin kommt mit Transparenten aus dem Souffleurkasten, anders kann man sich ja beim Geheul, das Wohlleben veranstaltet, gar nicht mehr verständigen. Mit Franks Hilfe entrollt sie eins, und beide tragen es an die Rampe.

    TRANSPARENT:

        Stadt und Land: Hand in Hand.

    WOHLLEBEN kann ja nicht ewig in der Hütte bleiben, müht sich allein mit dem zweiten. So recht klappts nicht, aber doch ein bißchen.

    TRANSPARENT:

        Rotkäppchen und der Wolf ...

    Man kann sich auch schlecht vorstellen, wies sich nun reimen soll. »Spielen Golf« vielleicht, aber was soll das! Oder »Syrte und Golf«, aber das ist verflucht esoterisch. »Fahren Golf« dann wieder ziemlich albern.

    WOHLLEBEN mit einem ganz schlimmen Vorschlag, der schon ziemlich weh tut:

        Rotkäppchen und der Wolf
        haben keine Schanze.

    Das Transparent bleibt also undurchsichtig, und der Vorhang fällt schlagartig.


Bo-Peep
Zum 2. Akt

 

Hans Ritz
Muriverlag



 


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