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1898 und 99 erschienen im Verlag von Johann Sassenbach in Berlin u. a. diese sieben Hefte mit Gedichten:
Da war das »Regiment Sassenbach« *) angetreten, wie sich die Dichtergruppe intern nannte. Alle ihre Gedichte sind ohne Reim und ohne festes Versmaß, ihre Zeilen sind auf Mittelachse angeordnet. Die Gedichte von Arno Holz und seiner »Schule« halten in miniaturisierten Skizzen Treibsel im Bewußtseinsstrom fest. Eine Streichholzschachtel ist Motiv bei Reß, eine Bank im Tiergarten bei Holz, die Eisenbahnfahrt über den Brenner bei Martens aber auch Träume, Gedankenspiele, Erinnerungen und Gefühlsverläufe gingen in die Gedichte ein. Hundert dieser Miniaturen enthalten die beiden Phantasushefte von Arno Holz. Er hatte vor, die Zahl auf 1000 zu bringen. Die Idee dabei: Mit diesem Mosaik ein möglichst umfassendes Bild eines zeitgenössischen Bewußtseins zu geben. Zweimal ein Leutnant im Tiergarten Aufschlußreich für die Arbeitsweise der Gruppe und für die Rolle von Arno Holz sind ein paar motivisch ähnliche Gedichte bei Paul Ernst und beim »Regiment Sassenbach«. Nach einem von Inge Zöllner mitgeteilten Ms. von Paul Ernst hatten Ernst und Holz im Tiergarten einen Leutnant reiten sehen. Daraufhin verabredeten sie, das Motiv unabhängig voneinander zu verarbeiten [1]. So etwas war nicht neu. Ein Beispiel für derartige Arbeitsweise zeigt die Hamburger Kunsthalle mit den beiden absolut motivgleichen, im Duktus allerdings unterschiedlichen Bildern »Am Quai de Bercy in Paris« (um 1874) von Paul Cézanne und Arman Guillaumin. In Paul Ernsts Gedichtband »Polymeter«, etwas später als das erste Phantasusheft erschienen, steht folgendes Gedicht: Durch Wiederholungen betont Ernst in seinem Text eine gespielte Schwerfälligkeit: zweimal mit umständlichem Relativsatz »eine kleine Brücke, die gebogen ist«. Gespielt unbeholfen sind auch Grammatik und Satzbau am Schluß: zunächst »spiegelt sich der ruhige Himmel«, mit zweimaligem »und« werden die Brücke und der Leutnant noch nachgereicht. Am Ende erhält wenn ich böswillig lese gar das PFERD einen »breiten, roten Kragen«. Bewegung ist nur im Wort »reiten« angespielt das könnte sich aber ebenso gut auf ein unbewegtes Bild beziehen. Der Text häuft Eigenschaftswörter: klein, ernsthaft, jung, breit, rot, still, ruhig fast alle Hauptwörter bekommen eins oder zwei davon ab. Derartig viele Eigenschaftswörter in einem Text weisen oftmals auf mangelndes Vertrauen in die Bildkraft der Textinformationen hin. Ob das hier zutrifft, lasse ich offen. Immerhin ist sich Ernst des Bildes der Seerosenblätter so ungewiß, daß er sie als »schwimmend« deutlich macht. Auf jeden Fall scheint es Paul Ernst darum gegangen zu sein, mit der Anhäufung von Eigenschaftswörtern die Intensität und Differenziertheit des Wahrnehmens zu markieren. Die betonte Umständlichkeit will auf etwas Bedeutsames weisen abgesehen davon, daß die auch sonst von Ernst geliebten Doppelungen die Spiegelung wiedergeben sollen. Insofern enthält der Text ein Angebot an Hörer oder Leser und legt nahe, den Durchblick in das registrierende Bewußtsein zu suchen. Die Figur des Leutnants scheint für dies Bewußtsein keine spezielle Bedeutung zu haben, obwohl er doch Repräsentant des damaligen aggressiven Chauvinismus war. Im Schützenwiesengedicht **) von Robert Reß ist zu merken, wie dem Autor bei einer vergleichbaren Beobachtung »das Messer in der Tasche aufging«. Im Gedicht von Ernst dagegen gibt es keinerlei Hinweise auf die Absichten oder gar Gefühle bei dieser Motivwahl. Die Assoziationen bei Hörer oder Leser können so freundlich oder so ablehnend sein, wie sie wollen, selbst der »ernsthafte junge Leutnant« könnte sich durch die literarische Porträtierung geschmeichelt fühlen der Dichter hält sich raus. Deshalb ist sein Gedicht schließlich leer. Es zeigt gerade nur das Bemühen, eine Szenerie auf wenige Details zu reduzieren und diese geschraubt vorzuführen. Bei Arno Holz erscheint das Motiv des reitenden Leutnants im ersten Phantasusheft: Im Thiergarten, auf einer Bank, sitz ich und rauche; Diese Verfahrensweise der alternativen Motivausführung war in der Werkstattgruppe um Arno Holz nicht ungewöhnlich. Eine Reihe von Motiven ist bei jeweils zwei, auch mal drei oder gar vier Autoren gleich oder ähnlich behandelt. Wo Paul Ernst Wahrnehmungs-Details von ihrem Zusammenhang isoliert, deutet Arno Holz die Struktur einer komplexen Wahrnehmung an. Bei Ernst haben wir ein praktisch bewegungsloses Tableau, bei Holz ist die Szene in vielfältige Bewegung geraten. Selbst die Gangart des Pferdes ist drin: »langsam Schritt«. Eine durchaus nicht statische Dimension von Gefühl ist bei Arno Holz auszumachen. Anfangs unterfüttert ein entspanntes Wohlbehagen die Darstellung: »und freue mich über die schöne Vormittagssonne«. Der Leutnant löst eine Distanzempfindung aus: Als er ins Bild kommt, ist er gerade nur »ein Leutnant«, und die Aufmerksamkeit DAVOR noch! gilt der Bewegung seines Pferdes. Die Distanzempfindung bestimmt die Wahrnehmung auch weiterhin. Erst in der verzerrten Spiegelung auf dem Kanal fällt der rote Uniformkragen auf. Am Ende blitzt deutlich Mokanz und vielleicht noch mehr auf, wenn Holz zum Bild des schaureitenden Leutnants den Kuckucksruf vermerkt. Was jemandem beim Kuckuck einfallen kann, muß bei einem äußerst bewußt formulierenden Autor wie Arno Holz natürlich MIT in Betracht: »Zum Kuckuck!« Und der Kuckuck ist ja der Spötter unter den Vögeln. Daniel Sanders informiert in seinem Handwörterbuch beziehungsreich im hier gegebenen Bezug zu einem Offizier: [...] im Volksglauben als prophetischer Vogel geltend, nam[entlich]. als Fragenden die Zahl der noch zu lebenden Jahre durch seinen Ruf verkündend, andrerseits oft als Bild des Undanks (gegen die Pflegeeltern), des nur sich selbst rühmenden Egoismus etc. [4] Dazwischen: Der Tiergarten im literarhistorischen Nichts Am Tiergarten-Gedicht von Arno Holz als dem prominentesten Vertreter des »Regiments Sassenbach« läßt sich nebenher zeigen, wie bis heute die Phantasuslyrik von 1898/99 der Literaturwissenschaft nicht immer zugänglich ist. 1968 sah Jost Hermand im Tiergarten-Gedicht nicht mehr als »ruhiges Verweilen auf einer Parkbank« und »die beschreibende Addition durch den subjektiven Sehreflex« ersetzt [5]. Reinhold Grimm lieferte 1980 ein deutlicheres Beispiel. Er geht darin auf Situation und Bildlichkeit im Holzschen Gedicht ein: Angesiedelt in der konkreten Realität der preußisch-deutschen Hauptstadt um die Jahrhundertwende, wo offenbar nicht bloß die wohlhabenden Bürger, sondern auch die armen Poeten müßiggehen konnten, vom Drohnenleben der Offizierskaste zu schweigen, bietet dieses Gedicht ein kleines, ganz auf die subtile Wiedergabe des optischen Eindrucks abgestelltes Augenblicksbildchen, das beinah nur aus Lichtern und Farben und deren zitternden Schwingungen besteht. [6] Etwas blinde (oder vielleicht doch tendenziell böswillige?) Verkennung ist es, den beobachtenden Dichter in die müßiggehenden Kasten einzuordnen. Das läßt sich doch überhaupt nicht aus der Tiergartensituation ableiten, nachdem sie so sinnfällig im Gedicht verARBEITet wurde! Zusammen mit der neckischen Ironie des »armen Poeten« sieht es nicht ganz ehrlich aus, da Grimm unmittelbar vorher beansprucht, »den literarhistorischen Ort« des Dichters »aufs genaueste zu markieren«. Das hätte doch mit einer Bestimmung des historischen und wegen der »armen Poeten« des sozialgeschichtlichen Orts beginnen müssen. In der Gegenwart finde ich Ralf Thenior als Beispiel. Als er noch in Hamburg wohnte, setzte er sich regelmäßig zu den Rentnern und Arbeitslosen im Park am Eppendorfer Krankenhaus Augen und Ohren weit offen. Geraucht hat er auch dabei, wie ich ihn kenne und für seine Texte registriert. Das ist die Parkbank als literarische Methode. Da hätte Reinhold Grimm für sein Ressentiment NOCH einen Müßiggänger, der über Sonne, rauchende Menschen auf einer Bank, über Himmel und Wasser in Bewegung schreibt: Grimm verkennt weiter, daß die Holzsche Schilderung der Szene mehr bringt als die Summe der Einzelheiten. Er scheint fasziniert davon, dem Holzschen Gedicht das Etikett »Jugendstil« anheften zu können wie etwa einer Tapete von van de Velde. Dabei entgeht ihm, was in der Abfolge der Bild-Eindrücke an Empfindungen mitgeteilt ist. Er versucht auch gar nicht herauszufinden, was das Motiv »Leutnant« für ein beobachtendes Bewußtsein an diesem besonderen historischen Ort im auf- und nachrüstenden Deutschen Reich 1898 bedeutet haben könnte oder etwa gar für Arno Holz persönlich. Der hatte 1882 als junger Mann die Idee, in die USA zu emigrieren, um nicht zum Militär zu müssen. Das wäre die als »Wehrpflichtverletzung« unter Strafe gestellte »unerlaubte Auswanderung« gewesen. Einem Bekannten schrieb er: Da ich fürchten muß, [...] unter das Militär gesteckt zu werden, ziehe ich vor den Sichern zu spielen. Bis zum Herbst werde ich bei der bewußten Zeitung arbeiten, um mir die Technik der Journalistik anzueignen und werde dann als Journalist, Literat, Zeitungsschreiber, oder wie Du es nennen willst, nach Neu-Jork [...] gehen [...]. [8] Ganz sicher hatte für Arno Holz das »Sujet« des Leutnants eine ganze ANDERE Qualität als Wasserreflexe und Kastanienbäume. Aber Reinhold Grimm findet nur »verschlungenste Ornamentik im Sinne des Jugendstils«. Seine Interpretation bleibt unehrlich ambivalent. Einerseits hebt er mal einen »unübertrefflichen Farbtupfen« und eine »glücklichste Formulierung« hervor und nennt schließlich das Gedicht insgesamt »dieses inhaltlich wie formal vollkommene, beinah schwerelose Gebilde« aber andrerseits läßt Reinhold Grimm sich nicht wirklich ein. Er hält sich und den Leser auf Distanz, und zwar auf Kosten von Arno Holz. Der erscheint zunächst als Müßiggänger und wird dann als ausgesprochen unsympathisch in die Ecke gestellt: Zugegeben, statt »schwerelos« könnte man, mit weniger feinsinniger Wendung, auch sagen, das von Holz Gebotene sei doch wirklich fast ohne Gewicht und Gehalt, sei selbstzufrieden, ja spießig und letztlich eine Banalität. Mit seiner Diffamierung von Arno Holz scheint sich Reinhold Grimm auf ein Verständnis von Jugendstil zu beziehen, wie Jost Hermand es plausibel formuliert hat: Weltanschaulich betrachtet, huldigt er [d. i. der Jugendstil] demselben Ästhetizismus wie die betont dekadenten, symbolistischen und neuro-mantischen [!] Strömungen der Jahrhundertwende, die sich als eine Reaktion gegen das Häßliche und Formlose der naturalistischen Ära empfanden. Hier wie dort flüchten kleine, selbsterwählte Eliten in eine Welt des schönen Scheins, in der man sich nicht mit den immer dringender werdenden Fragen der technischen, wirtschaftlichen und sozialen Realität auseinanderzusetzen braucht. [9] Demgegenüber ist Holzens Umgang mit dem Motiv des berittenen Offiziers alles andre als Realitätsflucht Grimm und Hermand haben das Wesentliche verpaßt. Distanz drückt Arno Holz aus, landet bei Spott oder gar Mokanz vor dem Hintergrund einer Todesdrohung: Die Anzahl der Kuckucksrufe gilt ebenso gut für den Leutnant wie für das Ich im Gedicht. Arno Holz setzte sich also mit einem sehr BÖSEN Aspekt der damaligen gesellschaftlichen Realität auseinander. Seine Mitteilungen dazu sind mit einer »verschlungenen Ornamentik im Sinne des Jugendstils« überblendet. Damit hat er das Jugendstilhafte in seinem Gedicht auf durchtrieben dialektische Weise zu »Material« umfunktioniert. Mit dem Leutnant dringt massiv Wirklichkeit ins Gedicht, die sich mit dem Linien- und Flächenspiel gar nicht meinen läßt. Die Dimensionen des Textes und des halben Grinsens darin vervielfältigen sich. Widerstand gegen den »Meister«: Paul Ernst fällt ab Paul Ernst berichtete später in seinen Erinnerungen über die Zusammenarbeit mit Arno Holz unter anderem: Ich hatte, kurz bevor ich nach Berlin zog, einige kleinere gedichtartige Stücke verfaßt [...]. Ich besprach meine Arbeiten mit Holz [...]: Holz hielt es für selbstverständlich, daß ich sein Schüler wurde und nahm an, daß meine Arbeit in ganz derselben Richtung gehe wie die seine; als es nachher zu Auseinandersetzungen kam, habe ich ihm eines oder mehrere der Gedichte überlassen, wo durch das Gespräch eine Art gemeinsamer Arbeit zustande gekommen war. [10] Paul Ernst scheint nicht gesehen zu haben, daß seine Texte durch die Bank weniger geeignet waren, Arno Holz überlassen zu werden. So bemerkte auch Albert Soergel 1911 zu den »Polymetern« von Paul Ernst: »in Wirklichkeit keine Gedichte, sondern Notizen zu Gedichten« [11]. Die beiden parallel entstandenen Leutnant-Gedichte sind bezeichnend für die Unterschiede in den Arbeitsweisen von Ernst und Holz: Ernst macht aus dem Motiv einen beziehungslosen, eher flachen Kurztext, Holz verdichtete es zu einem impressionistischen Telegramm mit kompliziert sich veränderndem Mitteilungsfeld. Arno Holz und Paul Ernst trennten sich 1897; Ernst scheint der eigentlichen »Arno-Holz-Schule« nicht angehört zu haben oder höchstens zu Beginn. Wenn Arno Holz im April 98 gegenüber Maximilian Harden einen »Apostata« der »Schule« erwähnte [12], könnte er damit durchaus Paul Ernst gemeint haben. Ernst ließ 1898 seinen Gedichtband »Polymeter« erscheinen und veranlaßte dadurch Arno Holz, sein erstes Phantasusheft früher als geplant zu veröffentlichen. Der Phantasus sollte doch ZUERST erscheinen [13]! Arno Holz hat die vorzeitige Veröffentlichung bedauert: [...] äußere Umstände, die ich nicht ändern kann, nötigen mich leider, die betreffende erste Handvoll schon jetzt auszugeben. Schade. Der ganze Matsch hätte noch gut ein Jahr kochen dürfen. [14] Paul Ernst ist Arno Holz gegenüber gründlich auf Abstand gegangen. Ich vergleiche seine Gedichte in den »Polymetern« mit denen des »Regiments Sassenbach« und finde: Die »Polymeter«-Gedichte hätten überwiegend den Anforderungen an gedankliche Struktur und Sprachform nicht standgehalten. Der Vergleich zwischen den Leutnant-Gedichten von Ernst und Holz paßt in diese Beobachtung. Ein weiteres Beispiel soll verdeutlichen: Gedichte von Paul Ernst und vom Holz-Schüler Robert Reß über den Bruchmoment in einer Liebesbeziehung. Zuerst das Gedicht von Paul Ernst: Unter blühenden Apfelbäumen Paul Ernst stellt hier ein paar Mitteilungs-Elemente zusammen, die der Hörer oder Leser in einen Zusammenhang bringen soll. Insofern hat sein Gedicht noch Berührung mit den Gedichten aus der Lyrikwerkstatt um Arno Holz, wo gerade mit der Spannweite des Ungesagten experimentiert wurde. In seinem Manuskript »Mein Verhältnis zu Arno Holz« [1] gab Ernst wahrscheinlich 1898 Erläuterungen zu seiner Lyrik-Auffassung und listete akribisch anhand seiner »Brouillons« auf, was in seinen »Polymetern« alles auf Arno Holz zurückging. Danach hatte Holz besonders bei vielen Streichungen die Hand im Spiel. In einem Fall fiel zunächst unter die Streichung »eine Anzahl abstract ausgedrückter Gefühle, deren Abdruck aber mindestens eine Seite beanspruchen würde«. Im Verlauf der Bearbeitung wurde »weiterhin unverwendbares Abstractes« gestrichen. Ernst resümiert: Hier verdanke ich Holz, daß er mir zur Streichung der abstracten und künstlerisch wertlosen Stellen riet. Mit seiner Lyrik-Auffassung will er sich vom Holzschen Konzept der bedingten Natur-Reproduktion (»Kunst = Natur x«) absetzen, braucht dazu die ganze Menschheit: Ich teilte und teile die Meinung der übrigen Menschen über die Kunst, hier also über die Lyrik: gewisse Gefühle auszudrücken, daß im Leser dieselben Gefühle wieder erzeugt werden. Sein »Schluß, welcher sich mir bildete«, erster Satz im Manuskript unterstrichen: Man kann die äußere Form ersetzen durch gesteigerte Aufmerksamkeit auf die Association der Vorstellungen. [...] Das Auffinden der Vorstellung, ihre Verknüpfung mit dem Gefühl und das Finden des suggestiven Worts, durch welches man Alles ausdrückt, das wird immer nur der Dichter leisten können. Ernst scheint hier hindeuten zu wollen auf Texte, die das Verschweigen als Mitteilungskomponente haben. Aber mit der Einschränkung auf den »Dichter« als einzig Kompetenten entzieht er sein Konzept jeder Überprüfung. Seine Gedichte machen deutlich: Ernst wollte oder konnte von Arno Holz nicht das geringste annehmen. Sein Selbstverständnis war wohl im Wege: [...] es wurde ihm [d. i. Arno Holz] bald klar, daß ich mich, trotzdem ich mehrere Jahre jünger war, doch für wesentlich mehr halten mußte, als ihn. [16] In seinem Langeweile-Gedicht scheint er die Grenzen für Spannweiten und Leistung der Motive falsch eingeschätzt oder nicht in Betracht gezogen zu haben. Seine »blühenden Apfelbäume« als Augen-Eindruck bleiben papierene Kulisse, da dem Leser oder Hörer fast ALLES überlassen bleibt. Gerade DAS zu vermeiden, hatte Arno Holz in einem Gedicht dasselbe Motiv mit genauer Nachzeichnung konkret gemacht es beginnt: Hinter blühenden Apfelbaumzweigen Das »Küssen« und der gewiß weiblich gemeinte »pochende Busen« bei Paul Ernst konnten sich ohne weitere Konkretisierung fest darauf verlassen, daß bei ihrer Erwähnung die Tabuzonen der männlichen Leserschaft ins Kribbeln gerieten. WER die Frage »Hast du mich denn auch wirklich lieb?« rausbringt, darf tatsächlich ungesagt bleiben: Es ist derb gesagt die Angeschissene. Der Gelangweilte am Schluß ist es ganz sicher nicht. Der bemüht sich auch nicht mehr um die Beschaffenheit seiner »Langeweile« oder um die Frage, ob nicht vielleicht seine Benennung »Herz« zu einer Lüge verkommen ist. Zum Vergleich das Gedicht von Robert Reß: Der Lampenschirm taucht das ganze Zimmer Hier ist am Anfang mit wenigen sprachlichen Strichen die Situation zweier Menschen umrissen. Der Regung Langeweile bei Ernst entspricht der Widerwille bei Reß. Wie Ernst bringt auch Reß keine Erklärung, aber wenn er die dicken Rauchwolken damit verkoppelt, plötzlich das angespannte Saugen wahrscheinlich an der Zigarre, bildet er sehr genau das Festsitzen im angedeuteten Konflikt ab. Da ist keine Erklärung möglich, keine Lösung in Sicht. Von »Übersprungshandlung« spricht die Verhaltensforschung bei solchem Konfliktverhalten [19]. Der Rauch überm Zylinder der Petroleumlampe wird zu Recht eine »blaue Schlange«: Abbildung der unberechenbaren Bedrohung für beide.
1] Paul Ernst: Mein Verhältnis zu Arno Holz. Nachgelassenes Ms., mitgeteilt von Inge Zöllner: Arno Holz und Paul Ernst. Der frühe »Phantasus« und die »Polymeter« ein Beitrag zum Vergleich. Mainz, Magisterarbeit 1983. [Masch.] Dort S. 77-88. Das Ms. ist wahrscheinlich 1898 im Verlauf der Auseinandersetzung zwischen Ernst und Holz entstanden, war für Verwendung in der Öffentlichkeit
konzipiert, blieb aber in der Schublade (Zöllner, S. 53).
Rechte am Text bei Robert Wohlleben
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