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Ludwig Reinhard
= Reinhard Piper
(1879 bis 1953)

Reinhard Piper


Reinhard Piper wuchs im mecklenburgischen Penzlin, seinem Geburtsort, in Konstanz und München auf. Am Pfingstsonntag 1898, dem 29. Mai., kam Piper als frischgebackener Buchhandelsgehilfe in Berlin an, um eine Stelle in einer dortigen Buchhandlung anzutreten, schon am Sonntag, dem 19. Juni 1898, machte Piper zum ersten Mal bei Arno Holz Besuch. [1] Beim zweiten Besuch:

    Auch zeigte ich ihm einige Gedichte von mir im Stil des »Phantasus«. Holz sagte, es seinen gute Ansätze drin und riet mir, fleißig daran weiter zu arbeiten. Ich war ein gelehriger Zuhörer und er lobte mich, daß ich, wenn ich einen Irrtum eingesehen hätte, nicht, wie so viele Menschen, noch lange Ausflüchte machte, sondern wirklich zugab, ich sei auf dem Holzweg gewesen. Ein paar Tage später bekam ich eine Karte, mit der ich aufgefordert wurde, mich von jetzt an regelmäßig bei den Zusammenkünften der »Corona« um Arno Holz einzufinden. Zur ersten Sitzung brachte ich einige »fertige« Gedichte mit. [2]

Das erste der im Anschluß daran zitierten vier:

Frühmorgens steh ich an meiner Stubenthür.
Ich fühle noch einmal in alle Taschen.
Nein.
Nichts Verdächtiges.

Die Hand auf der Klinke verwandle ich mich
langsam
in einen Buchhändler.

Dann
stürze ich ins Geschäft.
Alle Strassen wimmeln von Kollegen. [3]

Pipers Resümee zur ersten Sitzung:

    Ich war sehr glücklich, daß ich damit Beifall erntete und daß Holz in dem ersten Gedicht eine echte E. T. A. Hoffmann-Stimmung fand. [4]

Er schrieb über die dann folgende Zeit:

    Nachdem wir Fünf den Winter über sehr fleißig gewesen waren und unsre Gedichte an den Corona-Abenden einander mitgeteilt hatten, schien es an der Zeit, an die Öffentlichkeit zu treten, und zwar mit fünf Büchern auf einmal. Holz mit seinem zweiten Heft »Phantasus«, Stolzenberg mit dem zweiten Heft seines »Neuen Lebens«, dazu Reß mit seinen »Farben«, Martens mit den »Befreiten Flügeln« und ich mit »Meiner Jugend«. […] Jedes dieser Hefte war mit denselben Worten Arno Holz gewidmet, und jedes sollte, so hatte Arno Holz bestimmt, genau fünfzig Gedichte enthalten. So sollten wir streng in Reih und Glied aufmarschieren. Das gefiel mir nicht. Ich hatte gerade in letzter Zeit noch ein paar Gedichte gemacht, die mir durchaus aufnahmewert erschienen. Warum sollten diese nun wegbleiben? Auch gedachte ich, mein Heft an Paul Ernst und Johannes Schlaf zu schicken, die ich beide als Dichter sehr schätzte. Dies wollte mir Holz, aus Gründen seiner Politik gegenüber den beiden, verbieten. Ich stand jedoch auf dem Standpunkt: was geht es mich an, daß Holz mit den beiden entzweit ist? Ich fühlte mich bevormundet. [5]

Piper deutet in seinen Erinnerungen eine Arbeitsweise an, bei der die Gruppenmitglieder ihre Gedichte »einander mitgeteilt« haben – ob es so egalitär zugegangen ist? Im selben Zusammenhang grenzt er sich nämlich ab: »Holz war herrschsüchtig und trat sehr diktatorisch auf.« [6] Er hat Arno Holz aber auch als Lehrer erlebt, dem er nachhaltige Sprachschulung verdankte. [7]

Für sein Heft wählte er das Pseudonym Ludwig Reinhard. Grund fürs Verstecken, irgendwann aufgegeben: »ich mochte mich nicht im Geschäft von den Kollegen als ›Dichter‹ anuzen lassen.« [8] Die römische Eins im Titel seines Hefts Meine Jugend läßt annehmen, daß er genügend Gedichte für ein Folgeheft parat hatte. Die gaben dann wohl Stoff ab für sein Gedichtheft, das 1901 im Rahmen von Avalun erschien, Richard Scheids avantgardistischem »Jahrbuch neuer deutscher lyrischer Wortkunst«, auch Rilke unter den Autoren.

Im Februar 1901 siedelte Piper nach München über. Damals wurde bei ihm Neigung zum Kabarett manifest, bei den Münchner »Elf Scharfrichtern« fungierte er als einer der »Henkersknechte«: »Als solcher führte ich in den satirischen und burlesken Marionettenspielen allerlei Puppen.« [9] 1904 brachte er Arno Holzens Barockmaskerade Dafnis, »Lyrisches Portrait aus dem 17. Jahrhundert«, als erstes Buch seines Verlags heraus.

Im Dachkammergedicht des ersten Phantasus von 1898/99 skizziert Arno Holz eine Zusammenkunft der Werkstattgruppe: »In meine Dachkammer, / eine Etage höher als der Himmel, / kommen sie alle«, nämlich »Der Meister, der Meester, der Maëstro, der Maëstrino und der Maëstrillo.« [10] Die Rubrizierung »junge Leute, die Bücher verkaufen / und Sonntags, in ihren Mussestunden, den lieben Gott totschlagen« läßt im Maëstrillo Reinhard Piper erkennen. In den späteren Phantasus-Großfassungen ist die Sitzung breit ausgeführt, [11] vier der Anwesenden kommen mit – von Holz auf seine Weise ausgebauten – Gedichten zu Wort: für den »Meister« Rolf Wolfgang Martens’ Befreite Flügel, für den »Maëstro« Stolzenbergs Neues Leben, für den »Maëstrino« Ressens Farben entnommen; im »Meester«, der auch einen Beitrag beisteuert, verbirgt sich meinem Vermuten nach Paul Ernst, der sich 1897 unter Blitz und Donner von Arno Holz getrennt hatte.

Mit der Begründung, nichts Ordentliches parat zu haben, wehrt sich der »Maëstrillo« – »kaum Zwanzig erst« – erfolgreich gegen den Gedichtvortrag, wird deswegen heftig angegriffen – »Ha, der Schurke!!‹ ›Ha, der Schuft!!« – [12] und zwei Seiten weiter zum »Tod durch Kuchenfraß« verurteilt. Wieso Holz den »Schüler« Piper nicht auch mit einem Gedicht aus »Meine Jugend« zu Wort kommen läßt, sondern statt dessen die Verweigerung eines Vortrags und ihre Folgen beschreibt, weiß ich nicht. Möglicherweise ist es ja tatsächlich einmal so oder ähnlich passiert. Doch die Sprachlosigkeit des Maëstrillo fällt auf. 1907 war es über Vertragsbedingungen zwischen Holz und Piper zum Zerwürfnis gekommen. Grund für die Vorenthaltung eines Piper-Gedichts? Hintergrund der »Beschimpfung«?

Doch wenigstens ist ihm anläßlich seiner Ankunft in der Dachkammer eine eingehende Beschreibung gewidmet. Von prominenter Nase und widerspenstigem Bürsten-Haarschnitt [13] – eingelöst von Bildern in Pipers Memoirenband Vormittag – ist die Rede, deutlich auch seine Profession:

junge Leute
die
Bücher
verkaufen, sich mit ihrem Prinzipal und dem Publikum raufen,
immer
im
selben, graugrüngelben,
ärmlichst, erbärmlichst oft gestopften, kläglichst, unsäglichst nie
geklopften,
dürftigst, bescheidentlichst, schäbigst
kümmerlichen
Kittelchen
rumlaufen […]. [14]

Piper führt diese Kittelchen-Erweiterung auf den Eindruck zurück, den er als Gast bei einem »um Neujahr 1899« vom gut betuchten Rolf Wolfgang Martens ausgerichteten Abendessen hinterließ:

    Ich war in meiner schon etwas mitgenommenen Geschäftsjacke erschienen, da ich mittags zum Umziehen nicht nach Hause gekonnt hatte, […] und fand mich nun unter lauter Herren im schwarzen Anzug. […] Meine abgetragene Jacke muß übrigens damals auf Holz einen unauslöschlichen Eindruck gemacht haben. Ihre Abgetragenheit nahm nachträglich in seiner Phantasie groteske Dimensionen an. [15]


1] Piper, Vormittag, S. 208. (Pipers Angabe »17. Juni« berichtigt.)
2] Ebd., S. 218.
3] Piper, Meine Jugend, S. 7.
4] Piper, Vormittag, S. 219.
5] Ebd., S. 228 f.
6] Ebd.
7] Ebd., S. 215 f.
8] Ebd., S. 229.
9] Ebd., S. 284.
10] Arno Holz: Phantasus. Verkleinerter Faksimiledruck der Erstfassung. Hg, von Gerhard Schulz. Stuttgart: Reclam 1968 u. ö. (RUB Nr. 8549), S. 104.
11] Arno Holz: Werke. Hg. v. Wilhelm Emrich und Anita Holz. Neuwied, Berlin-Spandau: Luchterhand 1961–1964, Bd. III, S. 7-263.
12] Ebd., S. 220.
13] Ebd., S. 57.
14] Ebd., S. 55 f.
15] Piper, Vormittag, S. 225 f.

Erweitert nach dem Signalement in  

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