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Der Deichgraf
blieb im Skagerrak

Oder:
Störtebeker auf Wotans Schimmel

Mathias Wieman
Mathias Wieman als Hauke Haien im Film »Der Schimmelreiter« (Curt Oertel & Hans Deppe, 1933)

Von Robert Wohlleben


Den Orpheus-Mythos nach Niedersachsen versetzen, das tat Arno Schmidt. Da versteckt sich Pluto im Wirt des Dorfgasthauses, die unterweltlichen Totenrichter maskieren sich als skatspielende Bauern, und Eurydike ist dem Orpheus Orje Düsterhenn ein Grausen. So verliert er sie.*) Dies in Schmidts Erzählung CALIBAN ÜBER SETEBOS zu entdecken mag überraschend sein, nicht aber wirklich unerwartet bei einem so verbissenen Sprachspieler, der doch unvermeidlich in die Ring- und Rasterfahndung der Avantgarde-Überwachung hatte geraten müssen. Joyce hat die ODYSSEE nach Dublin portiert ...

Wie aber wäre es, etwa in Hedwig Courths-Mahlers GIB MICH FREI von 1912 Goethes FAUST I verarbeitet zu finden? Bei Courths-Mahler hat noch niemand jedes Wort umgedreht, um nachzuschauen, ob wohl was darunter versteckt ist. Also keine Bange! Das hat Arno Schmidt mit Karl Mays letztem Roman, IM REICHE DES SILBERNEN LÖWEN, vorgemacht und den »letzten Großmystiker« in diesem Hünen der Trivialliteratur entdeckt. Das war unerwartet. An der Grenze zum Unglaubhaften.


Gorch Fock mit fremder Feder

Unerwartet ist auch eine ganz neue Entdeckung in Gorch Focks Roman SEEFAHRT IST NOT! von 1912: Dort ist gründlich DER SCHIMMELREITER von Theodor Storm eingewebt und gibt der Erfindung Gorch Focks die Struktur. Gorch Fock hat Stormsche Motive teils direkt, teils in raffinierter Tarnung übernommen. Gelegentlich hat er besonders Düsteres und Bedrohliches ins Gegenteil verkehrt, als sei es ihm um einen Gegenzauber gegangen.

Erinnert sei an solche Bilder: In der Aufsicht zeigen sie etwa eine Landschaft; ein Gesicht jedoch, sobald der Betrachter in flachem Winkel darüberhin schaut. Solche anamorphotischen Bilder sind aus der Mode gekommene Kunststücke. Seit über 80 Jahren blieb unbemerkt, daß Gorch Focks heldenhafter Ewer-Fischer Klaus Mewes bei entsprechendem Hinschauen zugleich einen Schimmelreiter darstellt. SEEFAHRT IST NOT! ist ein anamorphotischer Roman.

Im Fischerhaus auf Finkenwerder und auf dem Fischer-Ewer spielt Gorch Focks Roman. Doch als Motto ist ihm dieser berittene Goethe-Vers vorangestellt:

    Laßt mich nur auf meinem Sattel gelten,
    bleibt in euern Hütten, euern Zelten,
    und ich reite froh in alle Ferne –
    über meiner Mütze nur die Sterne.

Literatur-Ikone wie Karl May ist auch Gorch Fock, geboren 1880 als Johann Wilhelm Kinau auf Finkenwerder, was damals noch Elbinsel war. Schon das zweite Schulschiff der Kriegsmarine heißt nach ihm. Mit einem zwischen Kiel und Nürnberg bzw. Frankfurt/ Main laufenden Intercity-Paar verewigt ihn die Bundesbahn. An die Vielmillionen-Auflagen Karl Mays kommt sein eines Erfolgsbuch SEEFAHRT IST NOT! nicht ran, dazu ist es wohl zu wasserkantig. Aber mit etwa einer Million dürfte die Gesamtauflage nicht gar so falsch geschätzt sein. Inklusive der leicht gekürzten Schulausgabe aus der Nazizeit:

    Im Auftrage des Oberkommandos der Kriegsmarine und des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung.

Und nein: Ich lehne es strikt ab, Gorch Fock auf solcherlei Vereinnahmungen hin als »Vordenker nationalsozialistischer Ideologie« verstehen zu wollen. Soll ich denn die Faschisten in ihrem literarischen Urteil ernstnehmen?! So was passiert aber! Recht kürzlich erst durch KD im Nachschlageband zum Hamburger Liederbuch AN DE ECK STEIHT ’N JUNG MIT’N TÜDELBAND (Hamburg, Dölling und Galitz 1993). Wie auch immer bei Gorch Fock die deutsche Flagge weht und in den Briefen aus den Vernichtungsschlachten des ersten Weltkriegs bald etwas wie Chauvinismus aufgischtet ... es fehlt der Kern todkalten Hasses. So führt die Gorch Fock-Lektüre nicht zum Anblick dieser Gorgo Medusa, wie sie uns durch Faschismus bekannt sein sollte, sondern allenfalls zum Jammerbild der blind sich an Moden und »Zeitströmungen« ankuppelnden Ich-Schwäche. (Ach ...!)


Seemannsbraut ist die See

Gorch Focks schnell weggelesenes Buch SEEFAHRT IST NOT! mit seinem Pathos und seinen amüsanten »Döntjes« war wohl seit 1912 gerade nur dafür geeignet, daß Jungs und männliche Jugendliche sich von Brise und Dünung der Roman-Handlung ergreifen lassen:

    Und hinein in die Brecher geht es! Händereibend steht der Tod neben ihm auf dem Achterdeck und jauchzt: »Nu krieg ik di, Klaus Mees, nu krieg ik di!« Aber der Schiffer hält das Ruder fest und läßt sich nicht erschüttern. Vor ihm tobt der Hexenkessel der Tegeler Plate: er hält darauf zu. Grauenhaft schallt ihm das Donnern und Zischen der Grundseen entgegen, die sich wild überschlagen – er verzieht keine Miene. [SIN 201]

Dem Ewer-Fischer Klaus Mewes geht es darum, seinen sechsjährigen Sohn Störtebeker gegen den Willen seiner immer ängstlichen Frau Gesa auf seinem Ewer H. F. 125, der »Laertes«, auf Fangreise mitfahren zu lassen, um ihn zur Fischerei zu konditionieren:

    »Denn nehm ik den Jungen mit no See, Mudder, dat weest du jo, dor is all genog ober snackt worden,« sagte er sicher. / Sie war aufgestanden und erwiderte mit erregter, heiserer Stimme: »Un ik segg di soveel, Klaus Mees, du kriegst den Jungen ne mit no See! [...] Is genog, wat ik em soveel oppe Ilw loten mütt: no See schall he noch ne!« / [...] »Geef di, Gesa,« beschwichtigte Klaus gelassen [...]. »De Jung kummt düssen Sommer mit no See, dat is so gewiß as de Heben. He schall bitieds seefast warrn!« [SIN 28 f.]

Der kleine Klaus Mewes alias Störtebeker entspricht vom ersten Auftreten an den väterlichen Präge-Absichten:

    Das war sein Junge, der kleine Mann mit den hellen Haaren, den blauen, nordischen Augen und dem wettergebräunten Gesicht, der eine graue, wollene Matrosenmütze aufhatte, um den Hals ein schottischbuntes Tuch trug, einen weißblauen Buscherump und eine marineblaue Büx anhatte und auf braunen Segeltuchschuhen ging, wie ein Janmaat, der auf Freiwache ist und sich landfein gemacht hatte. Das war sein Junge! Wer den so gehen und stehen sah, dem mochte wohl das Gedicht von Uhland einfallen: Jung Siegfried war ein stolzer Knab [...]. [SIN 13]

Der Widerstand der Mutter blieb natürlich vergebens. Irgendwann nach dem Seemannstod ihres Mannes ist sie vor Gram gestorben [SIN 275]. Klaus Störtebeker löst am Schluß des Romans die väterlichen Hoffnungen ein:

    Der junge Klaus Mewes zieht sein Ölzeug an und setzt den Südwester auf, dann faßt er das Ruder an und läßt die Stroppen losmachen. Langsam schwoit der Kutter – die Segel fallen voll und das Fahrzeug setzt sich allmählich in Bewegung. / Hinter der Alten Liebe erst besinnt es sich auf seine Kraft und schießt mächtig davon, um Austern zu kurren. Gewaltig taucht es in die schwere Dünung hinein. / Am Ruder aber steht der junge Klaus Mewes und freut sich seines Schiffes und seiner Fahrt. [SIN 277]

Seefahrt ist not!, R. Biebrach, 1921

   HF 125 im Film »Seefahrt ist not!« **


Seemansgrab ist die See

Die Erfindung projiziert ein nibelungen-dunkles Untergangs-Mantra:

    [...] jeder Seefischer ist ein Hagen, der ins dunkle Heunenland hinunterzieht. [SIN 179]

Anti-britische Tendenz im Buch von 1912 markiert das Fahrwasser Richtung Weltkrieg, wenn am Schluß ein Torpedoboot-Offizier – ganz unbekümmert um vernichtend und blutig ausgegangene Geschichte – zum erwachsenen Seefischer-Sohn spricht (»Sie waren zusammen in Afrika und halten noch jetzt viel voneinander«):

    »Klaus Mewes, wenn ich Sie ansehe, ist mir um die Wacht an der See nicht bange,« hat der Seeoffizier zum Abschied gesagt und ernst hinzugefügt: »Mehr als auf die Wacht am Rhein kommt es jetzt auf die Wacht an der See an! England ist Rom und wir sind Karthago – goden Wind, Klaus Mewes!« [SIN 275]

Storms Deichgraf Hauke Haien stürzt sich am Ende mitsamt seinem Schimmel ins Meerwasser, wie es durch den Deichbruch in den Koog einströmt und das Fuhrwerk mit seiner Frau Elke Volkerts und der schwachsinnigen Tochter Wienke verschlingt:

    »Herr Gott, nimm mich; verschon die andern!« / Noch ein Sporenstich; ein Schrei des Schimmels, der Sturm und Wellenbrausen überschrie; dann unten aus dem hinabstürzenden Strom ein dumpfer Schall, ein kurzer Kampf. / Der Mond sah leuchtend aus der Höhe; aber unten auf dem Deich war kein Leben mehr als nur die wilden Wasser [...]. [Sch 143]

Demgegenüber leuchtet der Seemannstod von Klaus Mewes in todes-sehnsüchtiger Verklärung:

    Noch einmal ließ er sich von einer Wogenriesin emporheben und blickte von ihrem Gipfel wie vom Steven seines Ewers über die See, die er so sehr geliebt hatte, dann gab er es auf. Es paßte nicht zu seinem Wesen, sich im letzten Augenblick klein zu machen und mit den Seen um die paar Minuten zu handeln. Er konnte doch sterben! / Er schrie nicht auf, noch wimmerte er, er warf sein Leben auch nicht dem Schicksal trotzig vor die Füße, wie ein Junge. Groß und königlich, wie er gelebt hatte, starb er, als ein tapferer Held, der weiß, daß er zu seines Gottes Freude gelebt hat und daß er zu den Helden kommen wird. Mit einem Lachen auf den Lippen versank er [...]. / Dann ging die gewaltige Dünung des Skagerraks über ihn hinweg. [SIN 251 f.]

Gorch Focks Held mag bei seinem Untergang diese Zeile aus dem Motto des Romans beherzigt haben:

und ich reite froh in alle Ferne –


Kinder als Strafe Gottes

Hier setzt meine These an, Gorch Fock habe Theodor Storms dunklen Mythos aus der nordfriesischen Marsch des tiefen 18. Jahrhunderts auf sein Finkenwerder von 1887 versetzt, um Storms depressive Düsternisse ins Frohgemute umzustülpen. Das sieht wie Selbstbeschwörung aus. Bei den Kindern setzt Gorch Fock an. Über Wienke, die Tochter von Elke Volkerts und Hauke Haien, heißt es anläßlich der Geburt des Kindes:

    [...] schon sein Geschrei war wunderlich verhohlen und hatte der Wehmutter nicht gefallen wollen. [Sch 98]

Früh zeigt sich Wienkes geistige Behinderung:

    [...] das Kind [...] lachte nicht, seine Augen [...] schauten ein wenig stumpf ins Weite, und die kleinen Hände griffen nicht nach dem Stöckchen, das der Vater ihr hinhielt. [Sch 103]

Da ist Störtebeker aus anderem Holz geschnitzt. Gorch Fock läßt ihn so über die Maßen gesund sein, daß es bald zum Fürchten ist. Störtebeker ist »großer Strömer und Liekedeeler [...], ein Britte und Tunichtgut« [SIN 13 f.], »großer Stankmacher und Ausfresser« [SIN 43] und »wilder Ungestüm« [SIN 107]. Bei den anderen Müttern im Ort gilt er als »Buschräuber« [SIN 71]. War Störtebeker erbost, »tat er den Mund auf wie ein Kesselflicker« [SIN 89]. Dem Dorfschuster wirft er im Jähzorn eine Scheibe ein, als der mit den bestellten Seestiefeln nicht überkommt [SIN 56]. Störtebeker gerät durch seine unausgesetzten Feuerteufeleien scharf in Verdacht, am Abbrennen einer Kate schuld zu sein [SIN 99 f.]. Und der sonst so allwissende Erzähler Gorch Fock deckt gnädig den Mantel der Ungewißheit über diese Affäre.

Alles in allem bietet sich das Bild eines hyperaktiven Kindes, das zu Zeiten Gorch Focks wohl als schwererziehbar klassifiziert worden wäre, heutzutage wohl als verhaltensgestört am Rande der Verwahrlosung.

Wienke ist ein angstvolles Kind. Sie erzählt es nach einem Ausritt ans aufgewühlte Meer ihrer Mutter:

    »Nun, Wienke«, sagte diese [...], »magst du das große Wasser leiden?« / Aber das Kind riß die Augen auf: »Es spricht«, sagte sie; »Wienke ist bange!« [Sch 117]

Störtebeker wird von seinem Vater ganz und gar entgegengesetzt geprägt:

    Und eines brannte er dem Jungen wie mit glühenden Eisen ins Herz und drückte es tief und unverwischbar, unauslöschlich ein: Ne bang warrn! Nicht bange werden, sonst kommst du nicht mit nach See! Nicht bange werden, zu keiner Zeit und Stunde, einerlei ob es hell oder dunkel ist, ob es donnert oder blitzt oder weht, weder auf dem Wasser noch an Land, weder in den Masten noch auf den Bäumen, weder vor Menschen noch vor Tieren, weder vor Lebendigen noch vor Toten! [SIN 17 f.]

Im Hinblick auf die Haien-Tochter sagt bei Storm die alte Trin’ Jans:

    Du strafst ihn, Gott der Herr! Ja, ja, du strafst ihn! [Sch 114]

Gorch Fock scheint es entgangen zu sein, daß ihm der als extremes Gegenbild zu Wienke entworfene Störtebeker auf seine Weise ebenfalls zu einer »Strafe Gottes« geraten ist.


Tüchtige Väter

Und doch sind die Lebenswelten der beiden Kinder parallel angelegt. Beide sind Einzelkinder und wachsen hinterm Deich auf, im nordfriesischen Koog steht eine Esche vorm Haus, auf Finkenwerder eine Linde – nun, so ein Ensemble ist ja küstentypisch.

Vergleichbar ist der soziale Status der Elternhäuser: Hauke Haien bewirtschaftet einen eigenen Hof von einiger Größe mit Hilfe des Knechts Iven Johns und des Dienstjungen Karsten; Klaus Mewes fischt mit seinem eigenen Ewer H. F. 125, seine Mannschaft besteht aus dem Bestmann Kap Horn und dem Schiffsjungen Hein Mück.

Spiegelsymmetrisch ist dabei folgender Unterschied angelegt: Hauke Haien kommt – als Kleinbauernsohn nicht ebenbürtig – durch Heirat auf den großen Deichgrafenhof [Sch 64]; Gesa Mewes, die Geestbauerntochter, kommt durch Heirat zu einem »Glück, um das die ganze Heide sie beneidete«:

    [sie] war eine große Seefischerfrau mit Haus und Hof und Deich, der jede Reise die Hundertmarkscheine auf den Tisch flatterten. [SIN 23 f.]

Beide Väter kommen ungewöhnlich jung zu bedeutenden Funktionen in der jeweiligen Kommune: Hauke Haien ist als Deichgraf für Deichbau und die lebensnotwendige Deichverteidigung zuständig, Klaus Mewes gehört dem Vorstand der Seefischerkasse an und trägt damit zur sozialen Absicherung seines Standes bei [SIN 188].

Beide Väter planen und organisieren umfangreiche Gemeinschaftswerke. Hauke Haien läßt einen neuen Deich bauen, von der Bevölkerung inoffiziell und respektvoll »Hauke-Haien-Deich« genannt [Sch 110]. Klaus Mewes läßt mit seinem Ewer für die vom Eis eingeschlossene Finkenwerder Fischereiflotte eine Fahrrinne zum Elbe-Fahrwasser brechen [SIN 27, 42-52], »Klaus Mees sien Lock« genannt [SIN 59], also Klaus Mewes’ Loch. Hoher Respekt klang in dieser Benennung durch, denn drei Kilometer weiter östlich gab es damals einen Fahrwasserzugang mit der offiziellen Bezeichnung Kaisers Loch.

Beiden Männern sind Anwandlungen von Grauen nicht fremd. Hauke Haien hat es als Junge erfahren. Wie Faust in der Szene »Nacht. Offen Feld« (und wie Hebbels visionärer Hagen) sah er Spuk, den Wienke später »die Seeteufel« [Sch 121] nennt:

    Auf jenen Stellen war jetzt das Eis gespalten; wie Rauchwolken stieg es aus den Rissen [...]. Hauke sah mit starren Augen darauf hin; denn in dem Nebel schritten dunkle Gestalten auf und ab, sie schienen ihm groß wie Menschen. Würdevoll, aber mit seltsamen, erschreckenden Gebärden; [...] plötzlich begannen sie wie Narren unheimlich auf und ab zu springen [...]. / »Was wollen die? Sind es die Geister der Ertrunkenen?« dachte Hauke. [...] / Erst als die Finsternis alles bedeckte, schritt er steifen Schrittes heimwärts. Aber hinter ihm drein kam es wie Flügelrauschen und hallendes Geschrei. [Sch 15 f.]

Im Fall des Hochseefischers Klaus Mewes ist das Grauen bezeichnenderweise und betont an Land verlegt:

    Tiefes Schweigen lag über den dunkeln Gräben, und in den kahlen Wipfeln der Eschen und Erlen saß das nächtliche Grauen, das die See nicht hat, sondern nur das Land, und das den Seefischer darum einigermaßen bedrückte, als er sich nun aufmachte, seinen Jungen zu suchen. [SIN 33]

Für Hauke Haien an der See Flügelrauschen und hallendes Geschrei in der Finsternis. In der Umkehrung ist es Klaus Mewes an Land nicht geheuer, wie dort im Dunkeln nichts zu hören ist. Gorch Fock arbeitete nicht ungeschickt!


Verzagte Mütter

Hauke Haien und Klaus Mewes geben beide ihren Frauen Anlaß, ums Leben ihrer Männer zu fürchten. Bei Gesa Mewes ist es die Angst vor dem Schiffsuntergang:

    Klaus rüstete mit Gewalt zur Fahrt: sie sah ihre böse Zeit kommen, sie hörte schon den Regen gegen die Fenster schlagen und den Wind an der Tür saugen und wußte nicht, wie sie es ertragen sollte, ihren Mann auf See zu wissen. [SIN 23]

Einer ähnlichen Angst um Hauke Haien ist Elke Volkerts ausgesetzt:

    [er] fuhr [...] mit einem Knecht zu Boot ins Wattenmeer hinaus und maß dort mit Lot und Stange die Tiefen der Ströme, über die er noch nicht sicher war. Elke zitterte oft genug für ihn [...]. [Sch 73]

Ihre Angst kommt zum Ausdruck, wo sie während des Kindbettfiebers phantasiert:

    »Wasser! Das Wasser!« wimmerte die Kranke. »Halt mich!« schrie sie; »halt mich, Hauke!« Dann sank die Stimme; es klang als ob sie weine: »In See, ins Haf hinaus? O lieber Gott, ich sehe ihn nimmer wieder!« [Sch 98]

Hauke Haien gelingt es, seine Frau bei einem Anflug von Verzagtheit zu stärken:

    »Für wen soll der Besitz?« sagte sie. »Du müßtest denn ein ander Weib nehmen; ich bring dir keine Kinder.« / [...] er zog sie fest in seine Arme: »Das überlassen wir dem Herrgott«, sagte er; »jetzt aber und auch dann noch sind wir jung genug, um uns der Früchte unserer Arbeit selbst zu freuen.« / Sie sah ihn lange [...] aus ihren dunkeln Augen an. »Verzeih, Hauke«, sprach sie; »ich bin mitunter ein verzagt Weib!« [Sch 83]

Verzagtheit kennt auch die Seefischerfrau Gesa Mewes:

    Warum mußte sie so erschaffen sein, daß sie nicht getroster Hoffnung und fröhlichen Herzens an die Seefahrt denken konnte, warum konnte sie sich der Keckheit ihres Jungen nicht freuen? Sie war doch jung und gesund: warum mußte sie da immer wieder zusammenbrechen und klein und verzagt werden [...]? [SIN 39 f.]

Allerdings findet Gesa bei ihrem Klaus Mewes keinerlei Rückhalt, wenn sie von Ängsten angefaßt wird:

    »Ochott, wat ist en Hartleed mit mi arme Froo! [...] Uns Herr Kristus is bloß eenmol för di storben: ik starf jede Nacht üm di! Un nu wullt du mi ok noch den Jungen nehmen!« / Klaus Mewes aber ging es wie dem wallensteinischen Kürassier: wo sie die Not nur sah und die Plag, schien ihm des Lebens heller Tag. Unbeirrt ging er in der Küche auf und ab [...]. / »Wat kummst du merden inne Nacht mit son Gedanken vertüch? Seefischerfroo dött ne bang wesen, dat weest du doch?« [SIN 136 f.]

Seefahrt ist not!, R. Biebrach, 1921

   Lucie Höfkich als Gesa Mewes
   im Film »Seefahrt ist not!« **


Die Arbeit ruft

Beide Männer sind so durch ihre Arbeit in Anspruch genommen, daß der Kontakt zwischen ihnen und ihren Frauen stark eingeschränkt ist. Hier ist die Situation im Haienschen Hause zur Zeit des Deichprojekts angedeutet, als Hauke Haiens Arbeitsbelastung zu einer scheußlichen Verwindung zwischen den Eheleuten führt:

    Und es war Arbeit genug für beide, die schwerste Last aber fiel jetzt auf des Mannes Schulter. An Sonntagnachmittagen, oft auch nach Feierabend, saß Hauke mit einem tüchtigen Feldmesser zusammen, vertieft in Rechenaufgaben, Zeichnungen und Rissen; war er allein, dann ging es ebenso und endete oft weit nach Mitternacht. Dann schlich er in die gemeinsame Schlafkammer [...] und sein Weib, damit er endlich nur zur Ruhe komme, lag wie schlafend, mit geschlossenen Augen, obgleich sie mit klopfendem Herzen nur auf ihn gewartet hatte; dann küßte er mitunter ihre Stirn und sprach ein leises Liebeswort dabei und legte sich selbst zum Schlafe, der ihm oft nur beim ersten Hahnenkraht zu Willen war. [Sch 73]

Klaus Mewes’ ausgedehnte Fangreisen bringen es mit sich, daß Gesa darunter leidet, »immer allein zu sein« [SIN 24]. Sie bringt das in einem Brief an ihren Mann zum Ausdruck:

    Sie schrieb: warum sie denn immer nach der Weser segelten und nicht einmal nach Hause kämen? Sie komme sich vor wie eine Witfrau, so einsam und verlassen sei sie, und habe Tag und Nacht keine Ruhe ... [SIN 205]


Knechte und Hexen

In den jeweiligen Personenkonstellationen entsprechen Hauke Haiens Knecht Iven Johns und Klaus Mewes’ Bestmann Kap Horn einander ... beide Kinder erleben von dieser Seite behütende Fürsorge.

In Wienkes Fall geschieht dies beim Losbrechen des katastrophalen Sturms, als Hauke Haien sich zum bedrohten Deich aufmacht:

    Wienke war [...] hinter dem Fortjagenden hergelaufen; aber schon nach hundert Schritten strauchelte sie [...] und fiel zu Boden. / Der Knecht Iven Johns brachte das weinende Kind der Mutter zurück [...] »Hier ist das Kind, Frau!« schrie John ihr zu; »haltet es fest!« und drückte die Kleine der Mutter in den Arm. [Sch 135]

Störtebeker macht die vergleichbare Erfahrung mehr nach seinem Zuschnitt. Er hilft tatkräftig mit, als die Finkenwerder Fischer mit Hilfe von Klaus Mewes’ Ewer für ihre im Eis festsitzenden Fischereifahrzeuge eine Fahrrinne zum Elbe-Fahrwasser hin brechen:

    er hatte sich den kleinen Haken hergekriegt und die Eisblöschen mit weggeschoben: dabei war er über Bord gefallen und wäre beinahe unter das Eis gekommen, wenn Kap Horn ihn nicht noch mit dem Haken erwischt hätte. Er zog ihn wie einen Seehund an Deck [...]. [SIN 46 f.]

Beide Kinder halten naiv freundlichen Kontakt zu einer alten Frau, die von den Erwachsenen distanziert bis ablehnend behandelt wird.

Wienke freundet sich mit der alten Trin’ Jans an, von Hauke Haien im Stillen als »alte Hexe« bezeichnet [Sch 130]. Seine Tochter Wienke dagegen fühlt sich zu der Alten hingezogen:

    »Laß Wienke zu Trin’ Jans, die hat rote Äpfel!« [Sch 117]

Seefahrt ist not!, R. Biebrach, 1921
Die alte Sill (Ilka Grüning) & Gesa Mewes
im Film »Seefahrt ist not!« **

Sill, »eine alte, wackelige Frau«, ist in Gorch Focks Roman das Pendant zu Trin’ Jans:

    Sill war ein wenig wunderlich geworden in ihrem harten Leben und galt auf dem Eiland allgemein als eine Hexe. [SIN 76]

Vater Klaus Mewes schickt Störtebeker zu Sill, ihr ein paar Schollen zu bringen:

    Der Junge tat es: Sill war vergnügt und wollte ihm einen Apfel schenken, aber sie konnte nicht gleich einen finden und sagte ihn für später zu. [SIN 77]

Später bekommt Störtebeker tatsächlich zwei »schöne, rotbackige« Kantäpfel von Sill, mit der Komplikation, daß seine Mutter sie ihm abnimmt, sie heimlich vergräbt, »um die Hexerei unwirksam zu machen«, Störtebeker sie wieder ausgräbt, »mit großem Behagen« verspeist und dem von Gesa als Kompensation spendierten Prinzenapfel, der ihrer Meinung nach besser schmecke, entgegenhält:

    »Van wegen beter, Mudder, dat will ik di man seggen: ik mag Kant leber as Prins!« [SIN 78-80]

Kein Wunder: Zwar galten beide konkurrierenden Apfelsorten als sehr gute Tafeläpfel, aber gegenüber den »schönen, rotbackigen« Danziger Kantäpfeln muß der mehr gelbliche Prinzenapfel abfallen ... Wienke ist ja auch auf rote Äpfel aus.

Wie Wienke mit dem Hund Perle und der zahmen Möwe Claus spielt [Sch 111], geht Störtebeker mit dem Bordhund Seemann und der gefangenen Nebelkrähe Kluß um [zuerst SIN 11 bzw. S. 32 f.]. Hauke Haien setzt die kleine Wienke im Spiel auf einen Ast der Esche vor dem Haus [Sch 103], umgekehrt wird Störtebeker vom Vater gewaltsam aus der Linde vor dem Haus geholt, in die er gestiegen ist [SIN 230].


Vaterprägungen

Als Kleinkind macht Störtebeker andere Erfahrungen mit seinem Vater als Wienke mit dem ihren. Von Anfang an wendet Hauke Haien sich Wienke zu, und das mitten im 18. Jahrhundert, das nicht gerade von Kinderfreundlichkeit geprägt war:

    [...] an der Wiege seines Kindes lag er abends und morgens auf den Knien, als sei dort die Stätte seines ewigen Heils. [Sch 102]

Klaus Mewes dagegen weiß mit dem Kleinkind nichts anzufangen:

    Bis zu drei Jahren war der Junge ein rechtes Mutterkind gewesen [...] und sein Vater hatte sich wenig mit ihm abgegeben, sondern nur immer lachend erklärt, daß er mit so kleinen Gören nicht umzugehen wisse: ein Mann, der ein kleines Kind auf dem Arm habe, komme ihm vor wie ein Hahn, der auf Eier gesetzt sei. [SIN 40]

Gorch Fock hat seinen Störtebeker nicht nur mit Wienke teils parallelisiert, teils gekontert, sondern ihm auch Züge des jungen Hauke Haien geliehen. Beide Jungen sind vergeblichen Versuchen ausgesetzt, sie von ihrer Vaterprägung abzubringen. Hauke Haien widerfährt es vom Vater:

    Als der Alte sah, daß der Junge weder für Kühe noch Schafe Sinn hatte, [...] und weiterhin bedachte, daß die kleine Stelle wohl mit einem Bauer und einem Jungen, aber nicht mit einem Halbgelehrten und einem Knecht bestehen könne, [...] schickte er seinen großen Jungen an den Deich, wo er mit anderen Arbeitern [...] Erde karren mußte. »Das wird ihn vom Euklid kurieren«, sprach er bei sich selber. [Sch 11]

Bei Klaus Mewes jun. schreitet nach dem Seemannstod von Klaus Mewes sen. massiv die Mutter gegen die Seefahrtsbesessenheit ein, versteckt zuerst seinen Kahn und greift dann radikaler durch:

    Zuletzt brachte Gesa ihn nach der Geest zu ihren Eltern, wo es kein Wasser und kein Boot gab, und hoffte, daß er dort auf der Heide seinen Vater und die See, die Schiffahrt und die Fischerei vergessen würde. [SIN 270]

Der junge Hauke Haien und Klaus Mewes jun. machen da ähnliche Erfahrungen und ähneln sich auch in dem, was sie tun. So wird von Hauke Haien ein ausgedehnter Aufenthalt am Deich bei Sturmflut berichtet, der den Vater beunruhigt:

    Du hättest ja versaufen können [...]. [Sch 12]

Der kleine Störtebeker ist immerzu mit seinem Kahn auf Priel und Elbe zugange. Einmal fürchtet gar sein sonst so unbekümmerter Vater um sein Leben, als er auf seinem Ewer nach dem verschwundenen Jungen forscht:

    [...] wenn ik di bloß ne halfstock holen mütt! [SIN 34]

Seefahrt ist not!, R. Biebrach, 1921

   Störtebeker (Werner Pfullmann)
   an Bord von HF 125 **


Killer

Beide Jungen haben bedeutende Übung im Umbringen von Tieren. Hauke Haien hat es auf Vögel abgesehen:

    Er hatte sich tags zuvor droben auf der Geest die Taschen voll von Kieseln gesammelt, und als in der Ebbezeit die Watten bloßgelegt waren und die kleinen grauen Strandläufer schreiend darüber hinhuschten, holte er jählings einen Stein hervor und warf ihn nach den Vögeln. Er hatte das von Kindesbeinen an geübt, und meistens blieb einer auf dem Schlicke liegen [...]. [Sch 18]

Der kleine Klaus Mewes verfügt über ein breiteres Repertoire. Außer daß er Fische fängt, kann die alte Sill beim Problem ihrer jungen Katzen ganz auf Störtebeker rechnen – denn dem geht das Katzentöten leichter von der Hand als Hauke Haien:

    »[...] De Katt hett Junge: wenn du Lust hest, kannst jüm offermorgen all versupen.« / »Jo, Sill, dat mokt jo Spoß,« sagte er gemütlich. [SIN 78]

Der Sturm, der seinen Vater das Leben kostet, gibt Störtebeker anderes zu tun:

    Störtebeker hatte es hild: er war mit den andern Jungen am Westerdeich zugange, mit einem großen Knüppel bewaffnet, und schlug die Ratten und Mäuse und Maulwürfe tot, die angeschwommen kamen, als das Wasser den niedrigen Katendeich überflutete [...]. Diese Rattenjagd war etwas für Störtebeker, dazu hatte er Lust. [...] Junge, Junge, dat wür wat! [SIN 254]


Rasende Einsamkeit

Gemeinsam ist beiden Jungen auch, sich von Gleichaltrigen abzusondern. Über Hauke Haien wird kurz angemerkt:

    Mit denen zu verkehren, die mit ihm auf der Schulbank gesessen hatten, fiel ihm nicht ein [...].[Sch 14]

Das gleiche Bild bietet Störtebeker nach seinen ersten Reisen auf dem väterlichen Ewer:

    Was sollte er noch mit den Gören spielen, der einen ganzen Sommer Seefischer gewesen war und einen großen Fischerewer allein gesteuert hatte [...]! / [...] Mit den andern Jungen konnte er sich nicht mehr stellen. Nach und nach erzürnte er sich mit allen, [...] denn er sprach wie ein Großer mit ihnen, befahl noch mehr als früher, konnte keinen Widerspruch mehr vertragen, namentlich nicht in Fischer- und Wetterdingen [...] – und das ließen sie sich bald nicht mehr von ihm gefallen. So war er die meiste Zeit allein. [SIN 225 f.]

Zerstörerischer Jähzorn wird von beiden berichtet. Hauke Haien erwürgt den Angorakater der alten Trin’ Jans, als der ihm einen erbeuteten Eisvogel hatte entreißen wollen [Sch 16], Störtebeker zerschmeißt dem Ortsschuster eine Fensterscheibe und eine Schusterkugel, als der seine Nachfrage nach seinen bestellten Seestiefeln nicht ernst genommen hatte [SIN 56]. Diese eher weitläufige Parallelität zieht sich im Schadenersatz zusammen. In Form eines Krontalers von Christian dem Vierten leistet Tede Haien ihn an Trin’ Jans, daß sie sich »ein gegerbtes Lammfell für Ihre kalten Beine« kaufe [Sch 22]. Weniger souverän geht Störtebekers Mutter mit der Schadenersatzforderung um:

    Die ängstliche Gesa [...] ließ sich kopfschüttelnd die schlimme Tat berichten und bezahlte die Scheibe und die Kugel. Auch versprach sie dem Schuster, daß Klaus kommen und Abbitte tun solle [...]. [SIN 61]

Andrerseits sind beide Jungen beherrscht, was Alkoholgenuß angeht. Hauke Haien will beim alten Deichgrafen in Dienst treten, denn dessen Kleinknecht wurde wegen Trunkenheit entlassen. Mit diesem Bezug bemerkt Tede Haien bei der Verhandlung:

    »[...] dafür ist keine Gefahr bei meinem Jungen.« [Sch 27]

Störtebeker lehnt ein zum Auslecken angebotenes Grogglas ab:

    »Ik bün keen Restensuper,« sagte der Junge verächtlich und schob das Glas von sich. [SIN 85]

Auch der Sohn aus Storms Novelle HANS UND HEINZ KIRCH gibt ein Modell ab für Gorch Focks Störtebeker, bis hin zum Scheibeneinwerfen und zur Vorliebe für rote Äpfel. Im übrigen verkörpert dieser Heinz Kirch einen düsteren Lebensentwurf, wie die seelische Härte des Vaters ihn in Verschollenheit und Untergang treibt (was zu denken gibt hinsichtlich dessen, was alles Gorch Fock in Störtebeker, seinem kindheitlichen alter ego, mag abgebildet haben). Und exakt wie Störtebekers Vater erscheint Heinz Kirch in seiner Todesstunde als Gespenst.


Okkulta

So trifft sich Gorch Fock auch im Okkulten mit Storm. Bei Storm übernimmt zuvörderst die sterbende Trin’ Jans die küstentypische Spökenkiekerei:

    In Haukes Innerm aber klang schwer die letzte Rede der Sterbenden. »Gott gnad de annern!« sprach es leise in ihm. »Was wollte die alte Hexe? Sind denn die Sterbenden Propheten – –?« [Sch 130]

Bei Gorch Fock ist der Segelmacher Thees to Baben aufs Okkulte spezialisiert. In Klaus Mewes’ Todesstunde arbeitet er an der für dessen Ewer H. F. 125 bestellten Fock, das Segel gerät spukhaft in Bewegung, und so erhält er als erster die Todesnachricht:

    Als er das Segel wieder übers Knie legte, lag es ganz still – das Zerren hatte aufgehört. »Brukst du dat Seil nu ne mihr, Klaus?« fragte er leise, und wollte weiternähen, aber da brach ihm die Nadel ab. Seine Augen weiteten sich, als wenn er etwas sähe, dann stand er auf, rollte das Segel schweigend zusammen und ging an Hinnik Külpers Besan. [SIN 252 f.]

Aberglaube unterfüttert beide Welten, und beide Helden tun ihn ab ... Hauke Haien in souveräner Aufgeklärtheit, Klaus Mewes in Entsprechung eines retrograd breitschultrigen Männlichkeitsideals.

Die nordfriesische Deichbruch-Katastrophe kündigte sich durch Vorzeichen an. Eine Magd weiß mit angedeutet apokalyptischem Zungenschlag etwas zu berichten, was den Knecht Iven Johns an »ein Unglück über ganz Nordfriesland« glauben läßt:

    Nicht bloß Fliegen und Geschmeiß, auch Blut ist wie Regen vom Himmel gefallen; und da am Sonntagmorgen danach der Pastor sein Waschbecken vorgenommen hat, sind fünf Totenköpfe, wie Erbsen groß, darin gewesen [...]! [Sch 131]

Hier wird klar, woher die fünf Schädel im Steven der »Laertes« stammen. Die besieht sich der frierende Störtebeker, als er nach dem unfreiwilligen Bad beim Eisbrechen in der Kambüse des Ewers aufs Trockenwerden seiner Kleidung wartet:

    Einem plötzlichen Einfall folgend, schob er die Hinterwand der Koje zurück und guckte über die Ketten hinweg nach den fünf Totenschädeln, die ganz vorn im Steven zwischen den Kneeßen steckten. Kap Horn hatte sie ihm vorher einmal gezeigt und gesagt, die hätten sie in der Kurre gefangen. Man dürfe solche Totenköpfe nicht wieder über Bord werfen, sondern müsse sie in den Steven stecken, dann könne der Ewer niemals umkippen. Nachdenklich starrte der Junge sie an, als wenn er nicht recht klug daraus werden könnte, denn sein Vater hatte auf seine Fragen geantwortet: das sei nichts zum Besprechen und Besehen, sondern etwas zum Schweigen. Wie grösig kalt die Luft aus dem dunkeln Loch kam! [SIN 51]

Wer seinen Storm gelesen hat, kann also hier schon an den fünf Totenköpfen das schlimme Ende absehen. Mit bewundernswerter Raffinesse baut Gorch Fock das Motiv des unglückskündenden Vergänglichkeitssymbols bei der Beschreibung des Schauers auf dem Klaus Mewesschen Grundstück aus:

    Nach einiger Zeit [...] trug [Störtebeker] sein Netz nach dem Schauer und heilte [d. h. reparierte] dort weiter, unter den großen Namensbrettern gestrandeter Schiffe aus der alten Zeit, als noch gute Beute zu machen war [...]. / Das Schauer von Klaus Mewes wies fünf Namensbretter auf, davon zwei mit Goldbuchstaben, und über dem vorderen Eingang stand eine gekrönte Jungfrau, die Gallionsfigur eines Vollschiffes, einst von Albatrossen umschwebt, von fliegenden Fischen umschwirrt – nun von Spatzen umpiept, von Hühnern umgackert. [SIN 87]

Der Bauplan dieses Schauers mit der Gallionsfigur überm Eingang stammt aus der Storm-Novelle IM NACHBARHAUSE LINKS. Dort erzählt in der dritten Erzählebene ein alter Mann von einer Kindheitsliebe:

    In ihrem Garten war ein seltsames Lusthäuschen gewesen, das der Vater einmal aus den Trümmern eines früheren Schiffes hatte bauen lassen. [...] Über der Tür des Lusthauses war die frühere Gallion des Schiffes angebracht, eine schöne, hölzerne Fortuna, die mit vorgestrecktem Leibe aus dem Frontespize hervorragte. [Storm I 889 f.]


Reiten, reiten, reiten ...

Zurück nun zum Zentralmotiv – bei Storm im Titel SCHIMMELREITER bezeichnet, bei Gorch Fock gleich in der ersten Zeile des Roman-Mottos:

Laßt mich nur auf meinem Sattel gelten ...

Storms Berittener erscheint klar als solcher gezeichnet. Gorch Fock braucht für seinen Fischer-Roman jedoch eine Verkleidung. Die ist einfach zu haben, wo doch schon im Kenning der Skalden das Schiff zum Wogenroß mutierte:

    Es gab kein Halten mehr für den großen Ewer: mit dem flagigen, starken Südwestwind in den Segeln, brauste er mächtig einher und schnitt eine breite, schaumige Furche wie ein rechter Pflüger. [SIN 149]

Das Pferdebild kommt wieder:

    Der Ewer zog mit seiner Kurre seitwärts davon, wie ein Roß mit dem Pflug [...]. [SIN 158]

Wie des Schiffers Beziehung zu seinem Schiff beschrieben wird, könnte dies auch auf einen Reiter und sein Roß zutreffen:

    Klaus Mewes aber will seinen Ewer nicht verlassen. Er fühlt das Zittern und Beben des treuen Fahrzeuges und ist entschlossen, sich durchzuschlagen. [SIN 201]

In die folgende Schiffs-Beschreibung ist ein Pferd hineinzudenken:

    Jonn Meier kam auf, der glückliche Störfischer, [...] er hatte neun große Störe gefangen, die er an Stroppen hinter sich her schleppte, wie Etzel die Könige an Stricken mitnahm [...]. [SIN 122]

Gorch Fock hat es nämlich direkt von Etzel aus Hebbels NIBELUNGEN:

    Ich ritt einmal das Roß, von dem dir nachts
    In dem gekrümmten, funkelnden Kometen
    Am Himmel jetzt der Schweif entgegenblitzt.
    Im Sturme trug es mich dahin, ich blies
    Die Throne um, zerschlug die Königreiche
    Und nahm die Könige an Stricken mit.
    [Hebbel 981]

Wird die Gleichsetzung von Jonn Meiers Schiff mit Etzels Roß ernst genommen und in Hebbels Text weiterverfolgt, erscheint der »glückliche Störfischer« allerdings in einem eher unheimlichen Licht:

    Etzel (deutet gen Himmel)
    Mein Roß steht immer noch gesattelt da,
    [...]
    Und wenn sich’s wieder wandte und den Kopf
    In Wolken tief versteckte, so geschah’s
    Aus Mitleid und Erbarmen mit der Welt,
    Die schon sein bloßer Schweif mit Schrecken füllt.
    Denn seine Augen zünden Städte an,
    Aus seinen Nüstern dampfen Pest und Tod,
    Und wenn die Erde seine Hufen fühlt,
    So zittert sie und hört zu zeugen auf.
    [Hebbel 982]

Theodor Storm hat offenbar hippologischen Spaß daran, den Leser anschaulich über Kopf und Gangart von Hauke Haiens Schimmel zu informieren:

    [...] nun sah er auch, was die Araber verlangen, ein fleischlos ANGESICHT; draus blitzten ein Paar feurige braune AUGEN. [...] kaum saß er droben, so fuhr dem Tier ein Wiehern [...] aus der Kehle; es flog mit ihm davon, [...] dem Deiche zu; [...] und als sie oben waren, ging es ruhiger, leicht, wie TANZEND, und warf den KOPF dem Meere zu. [Sch 85; Hervorhebungen RW]

Nicht minder bildhaft und offensichtlich mit Anleihe bei Storms Wortschatz geht Gorch Fock vor, wenn er Gangart und Kopf von Klaus Mewes’ Ewer schildert:

    [...] wie TANZTE der Ewer! Wenn er mit dem KOPF tauchte, stand er mit dem Achtersteven so hoch, daß es aussah, als überschlüge er sich, und erhob er den Bug hoch aus der See, so zeigte er das tränenüberströmte GESICHT eines Riesen: das Wasser rann ihm aus den KlüsenAUGEN und über die Backen. [SIN 245; Hervorhebungen RW]

Mit Hauke Haiens Schimmel ist es nicht geheuer. Das klingt bereits heraus, wo er Elke Volkerts von der Erwerbung berichtet:

    [...] auf dem Damm, hinter dem Hafen, begegnet mir ein ruppiger Kerl; ich wußt’ nicht, war’s ein Vagabund, ein Kesselflicker oder was denn sonst. Der Kerl zog den Schimmel am Halfter hinter sich [...]. [Sch 83]

Der Kauf wird für dreißig Taler vereinbart, der Teufelspakt klingt an:

    Und da, Frau, hab ich dem Burschen in die dargebotne braune Hand, die fast wie eine Klaue aussah, eingeschlagen. [...] Wunderlich nur war es, als ich mit den Pferden wegritt, hört’ ich bald hinter mir ein Lachen, und als ich den Kopf wandte, sah ich den Slowaken; der stand noch sperrbeinig, die Arme auf dem Rücken, und lachte wie ein Teufel hinter mir darein. [Sch 84]

Im Aspekt des Unheimlichen trifft sich Störtebekers Kahn mit dem Schimmel des Deichgrafen. Gesa hatte bereits vermutet, daß Klaus Mewes den Kahn nicht von norwegischen Seeleuten, sondern »vom Teufel gekauft« habe [SIN 41]. Einmal überlädt Störtebeker seinen Kahn, als er zu einer Sandbank gerudert ist, um von dort für seine Mutter eine Ladung Elbsand zum Streuen im Schweinestall zu holen. Die Flut läuft auf, und der Kahn sitzt auf dem Nienstedter Fall fest:

    [...] aber es war, als wenn das Fahrzeug angewachsen wäre, jedenfalls rührte es sich nicht. »Dat is jo rein, as wenn dat Diert behext wür,« scherzte er [...]. [SIN 126]

Das sieht aus wie Reflex des Stormschen Geisterschimmels, in den sich das auf Jeverssand liegende Pferdeskelett zuzeiten zu verwandeln schien. Dann verschwand es, um sich im Gerede der Marschbewohner in Hauke Haiens neu erworbenen Schimmel zu verwandeln.

Gorch Fock hat also Schiffe in Pferde verwandelt. Es ist dann nur konsequent, daß Klaus Mewes an Hand von Gustav Schwabs Gedicht DER REITER UND DER BODENSEE klarmacht, wie Reiter-Geschichten auszugehen haben. Der Schiffsjunge liest das Stück während einer Segelpause vor:

    Als der Junge fertig war, entstand eine kleine stille Pause im Ewer, obgleich Klaus Mewes der Schluß nicht recht gefallen wollte, denn hinterher vor Angst sterben, das war nichts für ihn. [SIN 66]

Das Gedicht DER REITER UND DER BODENSEE dient Gorch Fock dazu, den literarischen Geschmack seines Helden Klaus Mewes zu charakterisieren: Geschichten von verzagten Menschen, die angesichts einer Gefahr – wie auch immer überstanden – ihr Leben aufgeben, sind nicht zugelassen. Der Verdacht liegt nahe, daß der mit unübersehbarer Gloriole ausgestattete Klaus Mewes Gorch Focks eigenes Empfinden ausspricht, und zwar mit Anspielung auf den unglücklichen Reiter bei Storm. Gorch Fock dürfte Storms Schimmelreiter ebenso wenig gemocht haben.

Gorch Focks ganz unverkleidete Schimmelreiter-Gestalt ist der kleine Störtebeker, wo er eben kein Schimmelreiter sein will. Nachdem Klaus Mewes mit seinem Ewer verschollen ist und Störtebeker so überhaupt nicht daran glauben will, schickt ihn seine Mutter Gesa zu ihren Eltern auf den Heidehof. Aber er hält es bei den Großeltern nicht lange aus, vergißt anscheinend gar das Motto des Romans mit den Sternen über der Mütze des Reiters:

    Störtebeker ließ sich das neue Leben und die neue Umgebung auch einige Tage gefallen [...]: dann aber fiel ihm plötzlich ein, daß sein Vater aufgekommen sei und auf dem Neß mit dem Ewer läge und auf ihn warte; da sprang er kopflängs von dem Schimmel herab, auf dem er saß, und lief in Sprüngen weg, ohne Mütze und alles [...]. [SIN 270 f.; Hervorhebungen RW]


Heil Wotan!

Und so sieht es aus, als habe Gorch Fock mit aller Kraft gegen den düster depressiven Sog des SCHIMMELREITERS geschrieben. Deshalb die breitschultrige Erfindung und das schollernde Tremolo in der Huldigung an seinen Klaus Mewes:

    Denn navigare necesse est – Seefahrt ist not, und bitter not ist es, daß das Lachen von Klaus Mewes nicht von der See gehe! [SIN 142]

Und mehr noch: Zusätzlich zu Plutarchs klassischem Pompejus-Slogan und zur Anspielung aufs imperialistische Wort Kaiser Wilhelms des Zweiten von 1899 ...

    Bitter not ist uns eine starke deutsche Flotte

... zusätzlich dazu sichert Gorch Fock seinem Helden auch noch germanisch mythische Überhöhung. Mythisch unterfüttert war bereits Theodor Storms Schimmelreiter. Im Nachwort zur Reclam-Ausgabe schreibt Wolfgang Heybey:

    Die Sage vom Schimmelreiter entstammt sicher dem Kreis altgermanischer Wotansmythen. [Sch 157]

Bei Gorch Fock kümmert der Schimmelreiter Wotan sich um die Finkenwerder Kirmes:

    Die Sonne steht am höchsten: Wotan will nach Süden reiten, aber ehe er sein weißes Roß, den Sleipner, wendet, hält er einen Augenblick in Gedanken inne, und diesen Augenblick benutzen die Finkenwärder Fischer, um ihr Sonnwendfest zu feiern. [SIN 184]

Beim Seemannstod von Klaus Mewes ist Wotan Garant der Paradies-Versprechung:

    Noch einmal ließ er sich von einer Wogenriesin emporheben [...], dann gab er es auf. [...] Er konnte doch sterben! / Er schrie nicht auf [...], er warf sein Leben auch nicht dem Schicksal trotzig vor die Füße [...]. Groß und königlich, wie er gelebt hatte, starb er, als ein tapferer Held, der weiß, daß er zu seines Gottes Freude gelebt hat und daß er zu den Helden kommen wird. [SIN 251 f.]

Zu keiner Verzweiflung und und zu keinem Gebet läßt Klaus Mewes sich hinreißen. Das überläßt er dem rettungslosen Schimmelreiter Storms. Stattdessen wirtschaftet Gorch Fock mit heidnischer Paradies-Gewißheit: Die im Kampf gefallenen Helden kommen ja nach Walhalla, von den Walküren hingeführt. Deren Aufgabe fällt der »Wogenriesin« zu. Und so ist in Klaus Mewes’ Gott nicht der christliche, sondern der in Walhall residierende Wotan zu erkennen.

Kontur wie von Archetypus leiht Gorch Fock seinen beiden Klaus Mewes bei Friedrich Hebbel aus. Schon für den älteren Mewes wird der grimme Hagen zur Erklärung der Handlungsmuster bemüht. Für den erwachsenen Störtebeker – endlich selbst ein Seefischer – soll es am Schluß des Romans genauso stimmen:

    Was ihn treibt, ist das, was Hagen trieb, den Zug ins Heunenland mitzumachen: es ist ihm um die Ehre zu tun! Er muß überall der erste sein! [SIN 276]


Tödliche Mißverständnisse

Ausgerechnet – und wohl gründlich mißverstanden! – der nicht nur einmal berufene Siegfriedmörder Hagen [außerdem SIN 248]! Der ist überdies Schiffszerstörer, wie Hebbel in KRIEMHILDS RACHE vorführt, wo Hagen die Donaufähre mit dem Balmung zerhackt [2. Akt, 1. Szene]. Die Wendung »jeder Seefischer« heißt: auch Störtebeker, der am Schluß des Romans mit seinem eigenen Kutter im Winter auf den lebensgefährlichen Austernfang ausfährt.

Was ist denn davon zu halten, daß der »Hagen« Störtebeker anfänglich mit »Jung Siegfried« [SIN 13] überblendet wird?! Wo in der alten Sage der Recke Hagen doch zunächst einmal der verschlagene Siegfried-Mörder ist!

Und was ist davon zu halten, daß Gorch Fock im Titel wie im Text das programmatische Plutarch-Zitat über die Notwendigkeit der Seefahrt fälscht? So hohl pathetisch holt er es sich für seine beiden Klaus Mewes in seine Erzählung:

    Du Wind mußt wehen, du Sonne mußt lachen, du Wasser mußt blinken, auf daß die Freude in Klaus Störtebekers Herz komme und er die Fahrt lieb gewinne, auf daß er ein Fahrensmann werde! Daß er sich dem Kampf mit der See zuschwöre, wie der Knabe Hannibal dem Kampf mit Rom [...]! / Denn navigare necesse est – Seefahrt ist not [...]! [SIN 142]

Hier schweigen wir übers blutig untergegangene Karthago. Als Klaus Mewes seinen Sohn durch Bremen führte, zeigte er ihm den Dom und den Bleikeller, die Börse, den Schütting, das Rathaus, den Roland, das Wilhadi-Denkmal, den Ratskeller und das Essighaus [SIN 171-174]. Der kleine Abstecher zum damaligen Haus Seefahrt scheint nicht not gewesen zu sein. Steckt Absicht dahinter, also bewußtes Vermeiden? Denn dort am Portal war das Zitat ja vollständig wiedergegeben:

    Navigare necesse est, vivere non est necesse.

Es ist nicht not zu leben ... Gorch Fock unterdrückt diese Fortsetzung des Zitats, als wolle er die darin ausgesprochene Todesdrohung verheimlichen. Er sieht den Seefischer als Hagen auf dem Weg ins Heunenland, und auch dabei unterschlägt er etwas Entscheidendes – hier nämlich das, was Hagen bei Hebbel in einer Vision von Meerweibern prophezeit bekommt:

    Wir haben dich betrogen,
    Ihr alle seht, wenn ihr ins Heunenland
    Hinunterzieht, den grünen Rhein nicht wieder [...].
    [Hebbel 932]

Gorch Fock skizziert so ein düsteres Modell des Selbstmörders mit integriertem Selbstzerstörungsprogramm. Entweder hat er nicht aufgepaßt, und ihm ist unbeabsichtigt was durcheinandergeraten, oder er zielt – unterschwellig? – tatsächlich auf den düsteren Nihilismus ab, der Selbstzerstörung wie Sport betreibt.

Zu erinnern ist, daß 1912 in Hamburg DAS MENSCHENSCHLACHTHAUS von Wilhelm Lamszus erschien, nahezu gleichzeitig mit Gorch Focks SEEFAHRT IST NOT! Wie ich Kay Dohnkes bezüglichem Artikel in taz hamburg vom 1.9.1994 (Sedanstag) entnehme, wurde der Lehrer Lamszus für seine Vision des kommenden Massenvernichtungskrieges (nu, die Gettysburg- und Solferino-Berichterstattung hatte wohl gesessen) von der hamburgischen Schulbehörde sogleich vom Dienst (an der Schule Breitenfelder Straße?) suspendiert, konsequenterweise im »Dritten Reich« mit Schreibverbot belegt. Wohingegen diese Behörde die 9000 Exemplare der zweiten Auflage von SEEFAHRT IST NOT! ankaufte, wie dort statt des Impressums stolz vermerkt ist, um folgendermaßen damit zu wirtschaften:

    7600 Exemplare wurden Weihnachten 1913 den im letzten Schuljahr stehenden Knaben als Mitgabe für den Lebensweg geschenkt. Der Rest wurde in die Hamburger Volksschulbibliotheken eingestellt.


Anti-Storm

Briefe und Tagebücher Gorch Focks sind nicht vollständig veröffentlicht, zum Teil auch nur ausgesprochen beklagenswert fetzenhaft. Von Friedrich Hebbel ist dort verschiedentlich in bewundernden Umschreibungen die Rede ... genaue Benennung erspart sich Gorch Fock. Aber über Theodor Storm schweigt sich Gorch Fock aus. Gerade nur in einem Brief aus dem Felde findet sich der haarsträubend bis hanebüchen besinnliche Hinweis, wie ihm nach einem abgeschlagenen russischen Angriff Storms Gedicht ABSEITS »durch den Sinn« gehe [Schiff 90].

Die Frage, warum Gorch Fock in seinem Roman SEEFAHRT IST NOT! den SCHIMMELREITER von Theodor Storm umgeschrieben hat, läßt sich also einstweilen nur mit Spekulationen beantworten. Das heldisch Breitschultrige der Erfindung legt diese Vermutung nah: Gorch Fock wollte den in Verzweiflung scheiternden Schimmelreiter Storms in ein Gegenkonzept umkehren. Auf eine höchst arbeitsaufwendige Aufgabe ließ er sich damit ein. Das läßt auf einen starken Arbeitsantrieb rückschließen.

Vorsichtig sei vermutet: Den düster depressiven Sog des SCHIMMELREITERS hat Gorch Fock so vehement abgewehrt, weil er durch Depressivität hochgradig gefährdet, tendenziell gar suizidal war. Zuinnerst betraf ihn das und mußte deshalb scheu in der Tiefe der Seefischer-Geschichte verborgen gehalten werden.

Dagegen hatte Gorch Fock keine Scheu, mit Zitaten aus Friedrich Hebbels NIBELUNGEN sein literarisches Spiel zu treiben. Die sind reichlich und offen in die Erzählung intarsiert. Das sieht so aus, als habe er sich damit der Gemeinde der »Gebildeten« gegenüber als tiefsinniger und mythisch tiefgründelnder Literaturkenner ausweisen wollen.

Die Zitatenwirtschaft scheint überdies die Funktion zu haben, das lesende Auge abzufangen. Darin wird sie von der in SEEFAHRT IST NOT! unausgesetzt an der Besan wehenden deutschen Flagge unterstützt ... die nämlich hypnotisiert/e die Deutschgesinnten und läßt/ließ Vernünftigere sich mit Ekel, Grausen oder Grinsen abwenden. So lenkt ein Prestidigitateur wie Natias Neutert sein Publikum ab, um seine Tricks gelingen zu lassen. So fesselt der Schottenfeller die Aufmerksamkeit eines Verkäufers ganz woanders als dort, wo das Schmuckstück im Regenschirm verschwinden soll. So hat Gorch Fock vorgesorgt, daß niemand auf die Idee komme, SEEFAHRT IST NOT! schräg von der Seite anzusehen und den SCHIMMELREITER zu entdecken.


Een Boot is noch buten

Zum Schluß nun. Bei Storms Schimmelreiter lief es darauf hinaus, daß der nach seinem Tode sich immer dann sehen läßt, wenn der Küste Unglück droht. Gorch Focks Klaus Mewes läßt sich nach dem Ertrinken im Skagerrak wenigstens zum Abschied für Frau und Sohn auf Finkenwerder sehen [SIN 253 f.]. Storms Erzähler des dritten Erzählungsrahmens weiß:

    [...] einen tüchtigen Kerl, nur weil er uns um Kopfeslänge überwachsen war, zum Spuk und Nachtgespenst zu machen – das geht noch alle Tage. [Sch 145]

Gorch Fock gab sich allerbeste Mühe, seine beiden Klaus Mewes als Licht- und Heilsgestalten zu zeichnen. Und doch bringt er schließlich für seinen designierten Hoffnungsträger, den Seefischersohn Klaus Mewes, paßgenau den unheimlichen Kapitän van Straaten oder von Falkenberg oder van der Decken, den Fliegenden Holländer, ins Spiel, von dem der kleine Störtebeker schon wußte:

    De den flegen Hollanner in Sicht kriegt, de blifft! [SIN 182]

Wie beschwörendes Abstreiten dessen, was sich aus Gorch Focks Unterschwelligkeit heraus düster als Storm-Parallele durchsetzen will, liest sich das Störtebeker-Portrait gegen Schluß:

    Der junge Klaus Mewes geht, wie sein Vater ging. Er sieht aus, wie der ausgesehen hat: es ist, als wäre der andere Klaus Mewes wiedergekommen. / [...] / Und er ist doch ein rechter, wohlgemuter, unerschrockener Fischermann. Nicht als finsterer Fliegender Holländer geht er einher [...]. [Sin 275]

Ähnlich schönend ist das Werbephoto mit der Verherrlichung von Störtebekers Schiff ausgeleuchtet:

    Der erste der neun Kutter trägt den Steven am höchsten und ist der stärkste von ihnen. Noch flattern Reste des Taufkranzes am Großtopp, bunte Bänder und grüne Blätter – so neu ist er. [SIN 273]

Sein zweiter Kutter ist es schon. Den ersten hat der tollkühne Draufgänger bei Texel in den Grund gesegelt [SIN 274]. Was am Bild noch fehlt, steht auf der Schlußseite:

    Klappernd steigen die weißen, leuchtenden Segel [...] an den Masten auf, die Gaffeln knarren und die Schoten schlagen wie wilde Geister [...]. [SIN 277]

Störtebeker fährt also ein GEISTERSCHIFF! Wie Storms Schulmeister schon wußte, kommt wohl zustatten, daß die beiden Klaus Mewes so über alle Maßen tüchtige Kerle waren: Der neue Kutter mit dem Namen »Klaus Störtebeker« und die Figur Störtebeker werden spukhaft durchscheinend. Unheil zieht auf auch in diesem Buch von 1912.

Und da wollen wir nicht lachen über diesen selbstgesuchten Widersinn: Jan Kinau, der sich Gorch Fock nannte, »blieb« in der Seeschlacht beim Skagerrak. Er war am 31. Mai 1916 Beobachter im Krähennest auf dem Fockmast des kleinen Kreuzers Wiesbaden, als der um 19.10 Uhr von einem Torpedo des britischen Zerstörers Onslow getroffen wurde. Die Wiesbaden – mit Maschinentreffer manövrierunfähig bis fast zuletzt am mörderischen Geschieße beteiligt – verlor zuerst die Aufbauten mitsamt Fockmast und ging bald darauf unter. Einziger Überlebender war der Oberheizer Zenne [Hg.-Anmerkung in Briefe 214].

Die Dünung des Skagerraks ging über Gorch Fock hinweg.

Seefahrt ist not!, R. Biebrach, 1921

   Klaus Mewes
   erscheint seiner Frau Gesa **

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*) S. dazu meinen Aufsatz »Götter und Helden in Niedersachsen. Über das mythologische Substrat des Personals in CALIBAN ÜBER SETEBOS«. In: Bargfelder Bote, Lfg 3/Juni 1973.

**) Dank an die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, Berlin, für die Bilder aus Rudolf Biebrachs Film »Seefahrt ist Not!« von 1921.

Rudolf Biebrachs Film


Literatur:

Sch = Theodor Storm: Der Schimmelreiter. Stuttgart: Philipp Reclam jr. (1963) = RUB 6015 [2].
Storm = Theodor Storm: Sämtliche Werke. Hg. von Christian Jenssen. Sonderausgabe Die Tempel-Klassiker. 2 Bde. Wiesbaden: Emil Vollmer Verlag o.J.
SIN = Gorch Fock [d. i. Johann Wilhelm Kinau, auch Jan/Hans Kinau]: Seefahrt ist not! 188.-192. Tsd. Hamburg: M. Glogau jr. 1933.
Schiff = Gorch Fock: Ein Schiff! Ein Schwert! Ein Segel! Kriegs- und Bordbuch des Dichters. Hg. von Jakob Kinau und Marie Luise Droop. 11.-15. Tsd. München: J. F. Lehmann (1934).
Briefe = Da steht ein Mensch. Briefe von Gorch Fock an Aline Bußmann. (Hg. von Hugo Sieker.) Hamburg: Hans Christians Verlag 1971.

Ohne die Bilder abgedruckt in Auskunft. Mitteilungsblatt Hamburger Bibliotheken
Heft 1/1995, S. 3-25

(Rechte bei mir)


Birgit Esser hat für ihre Diplomarbeit DER NACHLASS GORCH FOCK IN DER STAATS- UND UNIVERSITÄTSBIBLIOTHEK HAMBURG CARL VON OSSIETZKY (Fachhochschule Hamburg) die systematische Erschließung des Nachlaßmaterials unternommen, das 1995 – zuvor in Dessau eingefroren – zur hamburgischen SUB gelangte.

Nun ist zu hoffen, daß eine ERNSTHAFTE Beschäftigung mit diesem Autor einsetzt (Kai-Uwe Scholz ist aufgerufen!!!) ... den man nicht mögen muß, den man aber auch nicht fürs Anrichten so’ner oder solcher Süppchen MISSBRAUCHEN soll! Wie bei anderen Autoren der »Kaiserzeit« sind auch bei Gorch Fock sauberste Seismogramme zu gewinnen zur Bestimmung dessen, was HEUTE noch in unsrem unterschwelligen Untergrund für irritierendste Interferenzen sorgt ... oh! drücke ich mich zu abstrakt aus?

Birgit Esser über Gorch Focks Leben und Bedeutung

Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger

Wie Gerhart Hauptmann den Untergang der Titanic vorhersah
und Rudolf Biebrach H. F. 125 im Film versenkte



Link zur Initiave zur Erhaltung der Soziologie in Schleswig-Holstein