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Robert Wohlleben:
Der Schimmelreiter von Finkenwerder.
Hamburg: Wohlleben, 1995
(Meiendorfer Druck 31)
214 S.: DM 68,—
als Vorzugsausgabe mit Originallithographie DM 150,—

Der Schimmelreiter von Finkenwerder


Darauf muß man kommen: Gorch Fock hat seinen Nordsee-Heimat-Roman Seefahrt tut not! als bockiges Gegenstück zu Storms Schimmelreiter geschrieben! Das jedenfalls behauptet der Lyriker, Literaturwissenschaftler und Kleinverleger Robert Wohlleben in seiner neuesten Veröffentlichung Der Schimmelreiter von Finkenwerder.

Wen interessiert das? Gorch-Fock-Leser wahrscheinlich genauso wenig wie Stormleser. Die Fachwissenschaft? Da habe ich Zweifel. Wen also? Ich glaube jeden, für den das Literarische Quartett nicht das Nonplusultra ist und der Arno Schmidts Nachrichten von Büchern und Menschen zu schätzen weiß.

Wie kommt ein aufgeklärter Buchmensch auf das abwegige Thema? Alles beginnt damit, daß ein Vater - er ist Kleinverleger und spricht auch wie Wohlleben! - seiner Tochter den Schimmelreiter vorliest, um sie gegen die drohende Schullektüre der Novelle zu stählen; wenig später treibt ihn ein schicksalshafter Regenschauer ins »Schlicht-Antiquariat ›Bücherwurm‹ (Einfahrt freihalten. Der Wurm)«, wo er Seefahrt ist not! ersteht. Spannung kommt auf, als einer seiner Autoren die halbe Weltliteratur in Günter Graß' Blechtrommel plagiiert findet.

Der Funke springt über: Ein grinsender Vater und genervter Kleinverleger nimmt - um die Beliebigkeit solcher Plagiatsvorwürfe zu beweisen - die beiden zufällig beisammen liegenden Prosastücke Schimmelreiter und Seefahrt, um ihre Genetik miteinander zu verschmelzen. Dabei entdeckt er zu seiner Überraschung im Finkenwerderschmöker die Hufspuren des Schimmelreiters, die er selbst hineindrücken wollte. Seine Spurenlese breitet der Autor selbstironisch, erhellend und kurzweilig über zweihundert Seiten aus: Der im Leben schwächliche Gorch Fock setzt sich gegen die Todesnovelle seines potenten Vorgängers mit verbaler Kraftmeierei zur Wehr, wobei ihm die überlegene Prosa Storms immer wieder in die Feder fährt wie der Schreck in den Leib eines vor Angst pfeifenden Knaben. So kommt es, daß der Ewerfischer über die südliche Nordsee reitet, sein Schiffspersonal die Umrisse der Stormfiguren annimmt und sich überhaupt unter dem wetterabweisenden Ölzeug von Seefahrt ist not! das Totengerippe des Stormschen Gespenstergauls abzeichnet: Gorch Fock - Jan Kinau ging 1916 mit der Kriegsmarine unter. Seinen Roman interpretiert Wohlleben als vor weggenommene Selbstvernichtung mit politischem Weitblick. Der Selbstmörder wird gestellt und vorgeführt, aber nicht runtergemacht. Der Leser fühlt sich während der Lektüre wie der Richter beim Plädoyer eines brillanten Staatsanwalts. Er weiß von vornherein, daß es einen Indizienbeweis geben wird und hört den Argumenten mit Skepsis zu. Doch Wohlleben stellt das corpus delicti so belesen, so detailliert, ehrlich und spannend dar, daß der Leser am Ende die Lust verspürt, Seefahrt ist not! selbst zu lesen, weil es offenbar doch kein so schlechter Roman ist.

Stilistische Raffinesse, Kenntnisreichtum und erquickliche Seitenhiebe gegen den Literaturbetrieb und Anti-Plattdeutsch-Klischees entzücken den Leser. Das Buch ist ein taktiler Spaß, ein optisches Kleinod und ein Gewinn für den Geist. Bleibt die Frage, wie viele Käufer diese spannende Literaturinterpretation findet. In ein paar Monaten werde ich beim Autor-Verleger nachfragen.

Manfred Goldbeck

Auskunft
Mitteilungsblatt Hamburger Bibliotheken

Heft 4/1994



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